Eine Stadt hilft sich selbst – mit Bratwürsten, Kuchen und Feuerstellen | ABC-Z

Wärmen. An diesem Dienstagabend an einer Feuerstelle auf einem Rewe-Parkplatz im Süden von Zehlendorf. Die Holzscheite knistern, die Funken springen in die kalte Luft. Bewohner aus den umliegenden Häusern strecken ihre Hände zum Feuer. Im Hintergrund schöpft ein Mann Suppe in Einwegteller. Ein junges Mädchen hat sich drei davon mitgenommen und ein Stück Kuchen. Sorgsam stellt sie das Essen auf einen Holzschlitten, der wie aus einer früheren Zeit anmutet. Sie drückt Plastikdeckel auf die Pappe und zieht ihren Schlitten langsam über den schneevereisten Parkplatz. Das Knarzen der Kufen verschwindet in der Dunkelheit.
Die Menschen, die an diesem Abend hierherkommen, haben alle dasselbe Ziel: Noch einmal Energie tanken, bevor es zurück in die kalte Wohnung geht. Für sie steht die frostigste Nacht seit dem Stromausfall an. Die Temperaturen sinken auf bis zu Minus 7 Grad Celsius. Blackout, Nacht 4.
Stromausfall in Südwest-Berlin: „Gestern hatten wir wirklich nur noch acht Grad in unserer Wohnung“
In der Zeit vor dem Rückzug in die Kälte schließt Pia Lirka ihre Hände um einen warmen Tee und schiebt sich ganz nah an das Feuer. Bis zum Ansatz ihres Schals hat Lirka den Reißverschluss ihres schwarzen Mantels hinaufgezogen. „Gestern hatten wir wirklich nur noch acht Grad in unserer Wohnung“, sagt sie, aber sucht dabei kein Mitleid, auch kein Mitgefühl. Sie will hier auf dem Parkplatz einfach ein bisschen mit den Menschen ins Gespräch kommen, auch wenn die 46-jährige Mutter zweier Söhne in ihrem kleinen Kiez im Zentrum eines Krimis steht.
Pia Lirka sagt, sie hätten wieder ein Familienleben mit Gesprächen über die wichtigen Dinge im Leben.
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Am Samstagmorgen um 6.13 Uhr brennt das Kabel einer Kabelbrücke über dem dem Teltowkanal beim Heizkraftwerk Lichterfelde. Fünf Hochspannungskabel und zehn Mittelspannungskabel werden so stark beschädigt, dass in weiten Teilen des Berliner Südwestens der Strom ausfällt. Anfangs sind mehr als 45.000 Haushalte und 2300 Gewerbe betroffen, insgesamt mehr als 100.000 Menschen. Die Mobilfunknetze funktionieren nur teilweise, die Heizungen in den Wohnungen fallen aus.
Noch im Verlauf des Tages geht der Netzbetreiber Stromnetz Berlin davon aus, dass erst am Donnerstag wieder alle Haushalte mit Strom versorgt werden. Nachdem die Polizei anfangs noch von einer Brandstiftung ausgegangen war – womöglich mit politischem Motiv, hat inzwischen Generalbundesanwalt Jens Rommel die Ermittlungen zum Anschlag auf das Berliner Stromnetz übernommen.

Linksextremistischer Anschlag: Generalbundesanwalt übernimmt Ermittlungen
In einer Mitteilung heißt es, es bestehe der Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der verfassungsfeindlichen Sabotage, der Brandstiftung und der Störung öffentlicher Betriebe. Zuvor hatte sich die linksextremistische „Vulkangruppe“ zu der Tat bekannt, die in der Vergangenheit schon mehrere Anschläge für sich reklamiert hatten, etwa auf die Stromversorgung der Tesla-Baustelle im Jahr 2021. Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) spricht von einem „linksterroristischen Anschlag“, der „hochkonspirativ vorbereitet und mit erheblicher krimineller Energie ausgeführt“ wurde.

Drei Suppen und ein Kuchen, ein junges Mädchen transportiert das Essen mit einem Schlitten.
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Politiker sprechen von linksterroristischen Anschlägen, Krisenstäbe kommen zusammen, die Rufe nach einem besseren Schutz für die kritische Infrastruktur werden lauter und die Parteien steigen in den Wahlkampf ein. Hier aber an der Feuerstelle auf dem Parkplatz wirkt das alles weit entfernt. An diesem Abend geht es nicht um Schuldzuweisungen und politische Diskussionen. Pia Lirka spricht mit munterer Stimmer, aber bedacht. Kein Klagen, keinen Fingerzeig auf Schuldige. Als neutrale Person beschreibt sie sich, die nicht daran glauben will, dass Verantwortliche in der Politik nur „faul“ in ihren Büros sitzen würden. „Ich denke schon, dass sie machen, was zu tun ist“.
Berliner sorgen sich um Haustiere
Ihre Hände umklammern das warme Getränk, das sie dicht vor ihrem Körper hält. Ihre Augen wandern auf die Häuserzeilen der anderen Straßenseite. Die Fenster sind dunkel, manchmal flackert das Licht einer Taschenlampe auf. Lirka zeigt auf eines der Dächer. In ihrer Wohnung hätten sie ein Dachgeschoss, insgesamt sind es rund 170 Quadratmeter. Dort lebt sie mit ihren beiden Söhnen (17 und 22), ihrem Mann, einem Hamster und sechs Katzen.
Am Samstag sei ihr schnell bewusst gewesen, dass niemand sie mit den ganzen Tieren aufnehmen kann. „Deshalb sind wir erstmal zu Obi gefahren“, sagt sie. Sie kaufte Batterien und Teelichter. Zurück in der Wohnung sperrten sie den oberen Bereich, richteten unten ein Bettenlager ein. „Dann haben wir es uns erst mal gemütlich gemacht und dachten: das geht ja alles so“. Eine Frau, die einfach macht. Doch noch am Abend stößt sie auf ein Problem, das die Kälte für sie mitbringt.
Die Raumtemperatur zeigt mittlerweile nur noch 16 Grad an. Und nur durch Zufall, sagt sie, habe sie gesehen, dass Hamster nicht in der Kälte leben dürfen. Temperaturen unter 15 Grad Celsius können sie in lebensbedrohliche Kältestarre fallen lassen. Wieder organisieren, wieder herumfragen. Es ist eine befreundete Pfarrerin, die sich bereit erklärt, das kleine Tierchen in ihrer warmen Wohnung aufzunehmen. Es ist am Ende Glück, denn am nächsten Morgen, sagt Lirka, hätten sie nur noch zehn Grad gehabt.

Stromausfall lässt zusammenrücken: „Es ist wieder ein Familienleben“
Nebenan hat der Rewe-Markt inzwischen wieder geöffnet. Ein Mann läuft mit einem Strauß Blumen heraus. Tage hat es aber gedauert bis die Kassen wieder funktionieren. In der Wirtschaft rechnet man mit einem Schaden in Millionenhöhen. Und doch will Lirka auch das Positive sehen. Der größte Stromausfall in Berlin hat sie in ihrer Familie näher zusammenrücken lassen. Bevor sie schlafen gehen, sitzen sie zusammen, manchmal zwei oder drei Stunden und erzählen sich Geschichten, ganz ohne Internet und Smartphones. „Es ist wieder ein Familienleben, wir unterhalten uns darüber, was im Leben wirklich wichtig ist.“ Der ältere Sohn hat erst kürzlich seine erste Wohnung besichtigt. Nun hoffen sie gemeinsam auf die Zusage. Und dann kuscheln sie sich alle mitsamt der Katzen unter die Decke und schlafen ein.

Der Rewe-Markt in Zehlendorf-Süd ist wieder offen.
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Die Kälte infolge des Anschlags auf das Stromnetz bestimmt in diesen Tagen den Alltag der Menschen. Die Berliner Landesregierung reagiert: Notunterkünfte werden eröffnet, um zu übernachten. Hallenbäder bieten warme Duschen an, Übernachtungen in bestimmten Hotels sollen nach Vorleistung vom Land erstattet werden. Und die Berliner Verkehrsbetriebe stellen beheizte Busse auf, in denen sich Betroffene in den Abendstunden aufwärmen und ihre Smartphones aufladen können.
Einer dieser Busse steht an diesem Abend nur eine Gehminute entfernt des Rewe-Parkplatzes und ist leer, ebenso wie die Auslastung der Unterkünfte. In diesen Tagen wird gewissermaßen eine Ordnung neu verhandelt und bei den Menschen im Süden von Zehlendorf gewinnt die Eigeninitiative. Sie installieren Spiritusöfen in ihren Wohnungen, helfen sich untereinander. Eine für die das Hotel keine Option ist, läuft an diesem Abend etwas langsamer als sonst.

„Ich beiße die Zähne zusammen, man muss es ja packen“
Barbara Schult, eine kleinere ältere Dame, leuchtet sich mit ihrer Taschenlampe den Weg auf dem vereisten Bordstein. „Es ist mir zu umständlich, man muss seinen Kram mitnehmen, dann vergisst man wieder etwas. Ich habe mich irgendwie mit der Situation arrangiert“, sagt sie. „Keine Ahnung wie, aber es geht“. Sie hält kurz inne, als ein Auto mit heller Farbe fährt langsam in die Straße einfährt und vor ihr hält, um zu parken. Schult erkennt ihn sofort, ein Nachbar der sein Auto dort abstellen dürfe. Die Scheinwerfer, die auf den Asphalt leuchten, gehen aus und die Türen öffnen sich. Ein Mann mit T-Shirt und Weste steigt zusammen mit seiner Frau aus. Er begrüßt die ältere Dame und witzelt, dass man ihn nur mit T-Shirt in der Nachbarschaft kenne, und als jemanden, der hilft.

Nur in einzelnen Wohnung brennt Licht.
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Bei einer anderen Frau hat er den Ofen angeschlossen. Heute will er aber nur etwas aus der Wohnung holen. „Und sie bewachen unsere Wohnung und melden sich, falls sie irgendetwas über sich hören“, sagt der Mann an Barbara Schult gerichtet. Sie wackelt kurz mit ihrer Taschenlampe und nickt, will das Gespräch aber nicht schon beenden. „Wie, Sie schlafen nicht mehr hier?“, antwortet sie. „Eine Freundin hat uns ihre Einraumwohnung zur Verfügung gestellt. Wir haben theoretisch bis Sonntag Zeit, aber hoffen für Sie, dass es dann am Donnerstag vorbei ist. Alles Gute für Sie.“ Dann verschwinden der Mann und die Frau im Dunkeln. „Ich beiße die Zähne zusammen, man muss es ja packen“, sagt Barbara Schult. Sie wirkt entschlossen, und ganz so als habe sie schon bewiesen, dass sie diese Krise meistern kann.
Freiwillige in der Kirche verteilen Tee und Bratwürste
Die Temperaturen an diesem Abend sinken Grad für Grad. Auf seiner Internetseite teilt Stromnetz Berlin mit, dass mit Stand 18 Uhr noch etwa 21.900 Haushalte in den Stadtteilen Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde von der Versorgungsunterbrechung betroffen sind. Derweil erscheinen auch erste Berichte über den Besuch des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU), der sich anschaut wie Soldaten der Bundeswehr Suppe verteilen. Die Frankfurter Allgemeine wirft die Frage auf, wie nützlich das noch sei und fügt an: „Da lächeln die THW-Leute.“ Und vielleicht nicht nur dort, sondern auch ein bisschen bei der evangelischen Kirchengemeinde Zehlendorf Schönow-Buschgraben. Die Kirche liegt nur wenige Gehminuten von dem Rewe-Parkplatz entfernt. Vor dem Eingang knistert brennendes Holz in einer Feuerschale. Und Marianne Richter begrüßt, sie gehört zum Gemeindekirchenrat.
Sie wollten nicht den gleichen Fehler wie in der Corona-Zeit begehen, sagt sie. Deshalb sei schnell klar gewesen, die Kirche müsse offen sein. Aus ihrer Sicht sei es erstaunlich, dass junge Menschen kommen würden. „Und sie kommen in der Regel, weil sie Kontakt suchen und weil das Zuhause so einsam ist“, sagt Richter. Den heißen Tee und die Bratwürste würden sie gerne nehmen, aber es gehe um Gespräche. „Das ist das Wichtigste“, sagt sie.

Petra Kühne (sitzend) lebt seit Samstag ohne Strom. Sie sagt, sie wärme sich gar nicht mehr auf.
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Hinter ihr öffnet sich die Tür zur Kirche. Dutzende Kerzen, große und kleine erhellen den Raum, spenden Wärme. Links sind Bratwürste, warme Getränke und Kuchen angerichtet. In der Mitte befindet sich ein Tisch mit Kerzen, manche schon fast niedergebrannt und dahinter sitzt Petra Kühne. Immer wieder reibt sie ihre Hände aneinander. „Es ist ein Moment, an dem ich nicht mehr weiter weiß – weil es nur noch kalt ist“, sagt sie. Ihre Hände zittern. „Ich wärme überhaupt nicht mehr auf“. Die vergangenen Tage habe sie kaum schlafen können, sei oft aufgewacht, ihr Rücken schmerze. Dann kommen ihr die Tränen.

Anschlag auf Stromnetz trifft die Falschen
Sie sieht die Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft. Sie selbst bleibt in ihrer Wohnung, damit sie für ihren Bruder da sein kann, für den sie ein „Ruhepol“ sei. Doch die ganze Aktion, den Angriff von mutmaßlich Linksextremen auf das Stromnetz, um den Reichen zu schaden, das will sie nicht verstehen. In dem Bekennerschreiben der Vulkangruppe heißt es: „Villenviertel lahmlegen. (…) Wir können uns diese Reichen nicht mehr leisten.“ Kühne nimmt ein Taschentuch, hebt ihre Brille und wischt sich die Tränen ab.
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
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In ihre Verzweiflung mischt sich nun Wut. „Haben die keine eigene Leitung? Denken die nicht nach? Die Reichen sitzen wahrscheinlich alle vor ihren Kaminen“, sagt sie. Vor dem Anschlag habe sie sich für 17 Euro einen Gänsebraten gekauft. „Das ist viel Geld“, sagt sie. Und nun müsse sie das Essen am Ende wegschmeißen und bekomme nicht mal Geld von der Versicherung, da nur die Lebensmittel in der Tiefkühltruhe ersetzt würden. „Ich habe dafür kein Verständnis, würden die vor mir sitzen, würde ich ihnen eine scheuern.“
Draußen wird der Abend kälter. Die Nacht steht an und von der Kirche aus sind Laternen zu sehen, die den Weg beleuchten. Zum ersten Mal kommt wieder Hoffnung auf, dass die Dunkelheit und Kälte ab Donnerstag vorbei ist. Der größte Stromausfall in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg hat auch gezeigt, dass eine Gesellschaft auch davon lebt, ein Licht zu teilen.





















