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Flamengo gewinnt Copa Libertadores: Triumph mit Energie aus dem Jenseits – Sport | ABC-Z

Niemand konnte am Samstag auch nur den geringsten Zweifel daran haben, dass Filipe Luís, 40, den vielleicht schönsten und aufregendsten Erfolg seiner Trainerkarriere erlebt hatte. An einem Ort, dem Estadio Monumental von Lima, den er „mystisch“ nannte, weil er dort auch als Spieler triumphiert hatte, mit Brasiliens Nationalmannschaft und auch mit dem Verein, den er jetzt als Trainer kommandiert: CR Flamengo aus Rio de Janeiro.

Am Samstag wurde Flamengo durch einen 1:0-Sieg im Finale der Copa Libertadores gegen SE Palmeiras (São Paulo) zur ersten brasilianischen Mannschaft, die zum vierten Mal in der Vereinsgeschichte Lateinamerikas wichtigste Klubtrophäe holte. Doch als Filipe Luís vor die Presse trat, galten seine Gedanken weder der Euphorie noch dem Fakt, dass Brasiliens Klubs nach dem nun siebten Libertadores-Sieg in Serie in der Statistik zu Argentiniens Klubs aufgeschlossen haben: Beide Nationen können jetzt je 25 Titel vorweisen. Filipe Luís’ Gedanken galten vielmehr den Toten, die ihn seit Jahren begleiten.

„Ich möchte, wie ich es jedes Mal nach einem wichtigen Erfolg mache, zunächst von den Garotos do Ninho sprechen“, sagte er und meinte: die zehn „Jungs aus dem Nest“ Flamengos, die nie flügge werden konnten, weil sie im Morgengrauen des 8. Februar 2019 bei einem Brand der Nachwuchsakademie ums Leben gekommen waren.

„Es ist kein Zufall, dass Flamengo danach anfing, so viele Titel zu gewinnen“, sagte Filipe Luís: „Ich glaube an die Energie, die sie verströmen. Ich weiß, dass diese Jungs bei mir sind, durch den Klub und durch mich weiterleben.“ Dann gedachte er seines Großvaters, der ein noch größerer Flamengo-Fan gewesen sei als er selbst, und er fing an zu weinen. Auch der Siegtorschütze Danilo, der zuvor einen Eckstoß per Kopf an den Innenpfosten wuchtete, sodass der Ball im Tor landete (67.), hatte Trauer im Herzen: Sein Vater hatte aus Lima abreisen müssen, weil dessen Schwester in Brasilien verstorben war. Und auch der Final-Verlierer, der dreimalige Libertadores-Champion Palmeiras, hatte seinen Märtyrer: Ein Fan war am Vorabend des Endspiels in Lima aus einem Bus mit offenem Verdeck in den Tod gestürzt. Dass dieser tragische Zwischenfall einen Einfluss auf die Leistung der Spieler hatte, darf allerdings bezweifelt werden. Palmeiras war schon seit dem 10. November in fünf Spielen sieglos geblieben.

Nach vier Titeln mit dem Trainer Filipe Luís steht Flamengo auch kurz vor der brasilianischen Meisterschaft

Danilo war erst der dritte Libertadores-Finaltorschütze Flamengos – nach Zico und Gabriel Barbosa, genannt Gabigol. Sie hatten die Nação Rubro-Negra, die rotschwarze Nation, 1981 beziehungsweise 2019 und 2021 zum Titel geschossen. Bei den Triumphen von 2019 und 2021 war Filipe Luís als Spieler dabei gewesen, seit gut 420 Tagen führt er die erste Mannschaft der Nação an. Mit erstaunlichem Erfolg.

Unter Filipe Luís holte Flamengo bereits vier Titel: den brasilianischen Pokal, Brasiliens Supercup, die Meisterschaft des Bundesstaats Rio de Janeiro und nun die Libertadores. Kommende Woche dürfte Flamengo überdies die brasilianische Meisterschaft perfekt machen: Der Vorsprung auf den Tabellenzweiten Palmeiras beträgt zwei Spieltage vor Schluss fünf Punkte. Dass Filipe Luís längst zu einem der verheißungsvollsten Trainer des Globus geworden ist, liegt aber nicht allein an den Erfolgen, sondern auch an der Art des Fußballs, den er propagiert.

Gegen Palmeiras überzeugte Flamengo mit einem Spiel, das durchdachter und offensiver wirkte. Stilistisch steht der Trainer dabei nicht in der Tradition seines Lehrmeisters. Die meisten seiner Profispiele in Europa absolvierte der frühere Linksverteidiger Filipe Luís unter Diego Simeone bei Atlético Madrid, der im Zweifelsfall noch immer auf Defensive setzt. Gegen Palmeiras hatte Flamengo indes 70 Prozent Ballbesitz – und wusste damit etwas anzufangen. Auf einem anderen Blatt stand, dass Flamengo auch Glück hatte: Eine Tätlichkeit des Chilenen Erick Pulgar (30.) blieb ungesühnt.

Filipe Luís’ Wechsel nach Europa ist nur noch eine Frage der Zeit, ein Angebot von Fenerbahçe Istanbul soll er vor wenigen Monaten abgelehnt haben. Sein aktueller Vertrag bei Flamengo läuft Ende des Jahres aus und soll bald verlängert werden. Zu verbesserten Bezügen – und mit einer niedrigschwelligen Ausstiegsklausel.

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