Vom Gefängnis zum Erfolgsdöner „Die Zelle“ – die besondere Geschichte von Osman Alakus | ABC-Z

Als er im Hochsommer 2018 die Wirsingkohlsuppe vom Wärter in seine Schüssel gefüllt bekam, kochte etwas in ihm hoch. Osman Alakus hatte einige Jahre lang viel Mist gebaut und war als Folge davon in der JVA Plötzensee gelandet. Viele andere hätte das nicht gekümmert. Aber als der Essensmensch, der er schon immer war, im Hochsommer das Wintergemüse „als Pampe“ serviert bekam, war für ihn zu viel. Und so beschloss er tapfer, nicht nur diese Suppe auszulöffeln, sondern auch jene, die er sich selbst eingebrockt hatte.
Osman Alakus startete eine Kochausbildung in der JVA und beendete sie nach seiner Entlassung draußen. Vor zwei Jahren eröffnete er seinen Dönerimbiss „Die Zelle“ auf dem Wochenmarkt am Wilhelmsruher Damm im Märkischen Viertel. Seitdem steht er dort jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag. Und verkauft Döner. Und das zum berlinweit mittlerweile sehr günstigen Grundpreis von fünf Euro.
Osman träumt im Gefängnis vom eigenen Themenrestaurant
Wenn Osman von seinem früheren „Ich“ erzählt, macht er einen distanzierten, erklärenden Eindruck. Er erzählt von sich, als ob ihm in vielen Gesprächen klar geworden ist, wer er war und nicht mehr sein wollte. Bereits in der Haft träumte er von einer Art Themenrestaurant, wo die Kellner Wärterklamotten anhaben. „Und der Kontrast zum Laden wird das Essen sein. Du wirst in deine Schüssel gucken und wirst eine kleine Welt sehen“, träumte er sich nach draußen.
Osman Alakus ist ein Kind des Märkischen Viertels. Die Zeit in Plötzensee war die einzige längere, die er außerhalb der Großsiedlung verbracht hat. Er ist in Deutschland geboren, seine Eltern kamen aus Şanlıurfa in Südostanatolien, nahe der syrischen Grenze, nach Berlin.
Im Winter sei das Wetter dort wie jetzt gerade im März in Berlin. „Im Sommer ist es zu heiß: 40 Grad“, erzählt Osmans Mutter, während sie hinter dem Wagen auf einer Bank sitzt und eine raucht. Ohne Mama geht es nicht. Denn „Die Zelle“ ist ein Familienbetrieb.
Osman sucht Halt auf der Straße, während sein Bruder an Krebs erkrankt
Familie Alakus macht seit 20 Jahren kurdisch-türkisches Streetfood auf Straßenfesten. Die Familie hat immer zusammengehalten, aber es war nicht immer leicht.
Osman war „schon immer hyperaktiver als andere Kinder“. Doch ein Schicksalsschlag zog die Aufmerksamkeit seiner Eltern ab von ihm: Einer seiner Brüder erkrankte an Krebs. Die ganze Aufmerksamkeit lag auf ihm. „Meine Eltern waren natürlich viel mit ihm beschäftigt. Da bin ich rausgegangen und habe mir die Aufmerksamkeit, die ich brauchte, auf der Straße geholt.“
Er begann zu kiffen, mit Freunden ist er auch oft zur Warschauer Straße gefahren, Party machen. „Dann fragt dich einer: ‚You need something?‘ Und du denkst: ‚Ja, ich brauche ganz dringend was.‘“ Er hat alles genommen. Von Tilidin bis Kokain. Und dann eben auch mal ein Handy abgezogen: „Wenn du von zu Hause fünf oder zehn Euro hast, damit kommst du ja nicht weit.“
Mit dem Quad liefert Osman Alakus das Essen auch aus.
© Dirk Krampitz | Dirk Krampitz
Und irgendwann ging es eben erst vor Gericht und dann ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung hat er gearbeitet, 7000 Euro gespart und sich noch was von seinem Vater geliehen. In Schwedt an der Oder fand er dann seinen Imbisswagen. Sie brachten ihn nach Berlin. Ein befreundeter Graffitisprayer hat den Wagen gestaltet. Auf dem ist ein Sträfling zu sehen. „Das bin ich. Und das ist auch meine originale Buchnummer aus Plötzensee“, sagt Osman. Ein Schmied hat die Gitter für 1500 Euro gefertigt. Dafür hat Osman extra seine Sozialarbeiterin angerufen und gebeten, den genauen Abstand der Gitter in Plötzensee zu messen. Hat sie für ihn gemacht: zwölf Zentimeter.
Vom Fünf-Kilo-Spieß zum Social-Media-Star: Osman wirbt für seinen Laden
Mit einem Fünf-Kilo-Spieß hat er begonnen, der Spieß ist kontinuierlich gewachsen. „Gott sei Dank fanden mich die Leute offenbar sympathisch.“ Heute ist er auch auf Social Media eine Marke. Auf Instagram, Tiktok und Facebook wirbt er mit Clips für seinen Laden.
Obwohl Osman seine wenig ruhmreiche Vergangenheit ausstellt, anstatt sie zu verstecken, sucht ihn seine Vergangenheit manchmal überraschend heim. „Einmal kamen zwei Beamte zu Besuch. Die haben bei mir Döner gegessen, ich war im ersten Moment schockiert“, sagt er amüsiert.
Beim Tag der offenen Tür in Plötzensee hat er auch schon einmal seinen Wagen hingestellt und Döner serviert. Er war gefragt worden. „Ich wollte einfach das Gefühl haben, mal von der anderen Seite Essen zu verteilen.“ Die JVA Moabit hat auch angefragt – allerdings war das an einem Samstag, seinem umsatzstärksten Tag.
Außergewöhnliche Soßen und Brotsorten heben Angebot ab
Sein Angebot unterscheidet sich von den normalen Dönerläden. Er mag Experimente. Da gibt es Soßen wie Chili-Cheese, auch Jalapeños und auch Trüffel. Sie haben fünf verschiedene Brotsorten: Vollkornbrot, das selbst gemachte Dürüm seiner Mutter und das rote Herzbrot. „Eigentlich war das nur zum Valentinstag, aber wir haben es beibehalten.“
Behalten will er auch seinen Wagen. Aber er träumt auch von einem festen Laden. „Wenn einer da draußen was Schönes für mich hat, kann er sich gerne melden.“ Lange hat er mit einem in der Lietzenburger Straße geliebäugelt. „Aber 5000 Euro Miete. Mit Strom und Nebenkosten kommst du auf 8000, locker. Wer soll denn das zahlen?“
Er sei offen für alles. Aber nicht in Wedding und nicht in Neukölln. „Ich will das nicht. Meine Eltern wollen auch nicht. Die Leute sind da zu anstrengend.“ Und eigentlich schlägt sein Herz auch fürs Märkische Viertel, wo er am liebsten bleiben würde. „Gucken Sie mal, hier kommen Mütter zu mir und wollen, dass ich den Kindern einen Ratschlag gebe. Ich versuche, hier für jeden irgendwie ein Stück weit da zu sein. Heute versuche ich, ganz einfach ein Vorbild zu sein.“





















