Kommunalwahl: Wie junge Menschen für die Demokratie begeistert werden sollen – Fürstenfeldbruck | ABC-Z

Wie also bekommt man Menschen dazu, sich für die Politik auf der untersten Ebene zu interessieren, sie überhaupt wahrzunehmen, und dann auch zur Wahl zu gehen? Das direkte persönliche Gespräch und auch Podiumsdiskussionen scheinen gut zu funktionieren. Politikwissenschaftler Jörg Siegmund nennt das „aufsuchende politische Bildungsarbeit“. Also: Mit den Leuten ins Gespräch kommen zu Themen, die sie ganz direkt betreffen. Gerade in der Kommunalpolitik sind das viele.
Persönlicher Kontakt ist für Arthur Scholz, 18, „eine Sache, die sich lange bewährt hat und die man nicht als altertümlich abstempeln“ sollte. Vor allem Kontakt zu Autoritätspersonen zeige bei jungen Leuten eine große Wirkung. Deshalb hält Scholz es für richtig, wenn etablierte Verbände und auch Vereine ihre Verantwortung wahrnehmen und junge Leute zum Wählen animieren, besonders da, wo das nicht schon die Eltern getan haben. „Es ist ein Problem, dass junge Leute nicht abgeholt werden, was die Politik angeht.“
Er ist selbst ein junger Mensch, der Interesse hat an Politik, sich sogar vorstellen kann, das einmal beruflich zu machen. Bis vor wenigen Wochen gehörte der Fürstenfeldbrucker dem Landesschülerrat an. Zum einen liege es an den Themen selbst, dass junge Leute oft nicht erreicht würden, erklärt er. Und da, wo Themen auch junge Leute angingen, liege es an der Art, wie sie vermittelt würden, nämlich über „veraltete Medien wie Zeitungen“, wie Scholz es ausdrückt. Wenn etwa in einer Kommune darüber diskutiert werde, ob es mehr Fahrradwege brauche, „bekommen Jugendliche das gar nicht mit“.
Dafür bräuchte es ihm zufolge Information über Social Media, vor allem Instagram und Tiktok. Auch bei Facebook sind die Jungen Scholz zufolge nicht mehr. Als positives Beispiel nennt er die Stadtverwaltung Fürstenfeldbruck, die über Instagram aktuell informiere. Auch andere Kommunen wie Vaterstetten, Freising und Geretsried haben solche Auftritte, ebenso der Landkreis Ebersberg. Die Follower-Zahlen bewegen sich meist im niedrigen dreistelligen Bereich, der Landkreis Ebersberg kommt jedoch auf mehr als 5000. „Man muss in Richtung der jungen Leute gehen“, bekräftigt Scholz. Die hätten eine ganz andere Lebenswelt. Aktuell werde oft nicht niederschwellig genug informiert.
Doch auch Ältere seien häufig nicht gut informiert, sagt VHS-Leiter Puhl: „Die Menschen haben nicht so den Überblick, was kommunal entschieden wird. Sie vermischen ganz viel, wissen nicht, wer für den Straßenunterhalt zuständig ist oder für die Müllgebühren, für den Hochwasserschutz, den Glasfaseranbau und die Wärmeplanung.“ Und sie wüssten oft auch nicht, wen sie wählen müssen, damit gemacht werde, was sie wollen.
Die Kommunalwahlen würden als „zweitrangig“ betrachtet, erklärt Jörg Siegmund, Demokratieforscher an der Akademie für politische Bildung in Tutzing. Das werde durch die Berichterstattung in den Medien deutlich. Berichte über die Bundes- oder europäische Politik seien einfach viel häufiger, in der Tagesschau etwa komme Kommunalpolitik gar nicht vor. Daher werde die kommunalpolitische Ebene von vielen Wählern für weniger relevant gehalten.

In Siegmunds Augen ein Paradox, denn gerade Entscheidungen auf der kommunalen Ebene hätten eine sehr hohe Relevanz für das tägliche Leben der Menschen, etwa die Gestaltung von Chill-out-Areas für Jugendliche oder von Spielplätzen. Die gefühlte Zweitrangigkeit zeigt sich auch darin, dass es vor Bundestags- und Landtagswahlen mehr lokale Veranstaltungen gibt als zur Kommunalwahl.
Sollten Kommunalpolitiker deshalb nun alle Instagram- oder Tiktok-Kanäle nutzen? Nein, sagt Siegmund, das wäre nicht nachhaltig und würde auf der kommunalen Ebene mit ihren vielen Kandidaten ohnehin nicht gut funktionieren. Kommunalpolitiker sollten eben lieber die aufsuchende politische Arbeit betreiben, also etwa in Schulen gehen um mit Jugendlichen ins Gespräch kommen und sie in Planungen einbeziehen, bei denen es um ihre Belange geht. Das eröffne die Chance, zu erklären, wer was plane, woher das Geld komme und warum manches nicht klappe.
Einen Tipp hat Siegmund noch: Wer möchte, dass junge Leute zu einem Termin dazu kommen, lade besser nicht nur einzelne ein, sondern kleine Gruppen. „Wenn sie zu viert oder fünft kommen können, trauen sie sich eher.“ Sonst sei die Schwellenangst zu groß. Der Politikwissenschaftler sieht auch die Vereine in die Pflicht, die ja auch von der Politik unterstützt würden.

Wenn jedoch Vereine bei der Vermittlung von Demokratie und der Bedeutung gerade der Kommunalpolitik tätig werden sollen, müsse man sie darin stärken, sagt der frühere Kreisheimatpfleger Norbert Göttler aus Dachau, für den Demokratiebildung angewandte Heimatpflege ist. Die Fürsprecher der Demokratie bräuchten Unterstützung, sie müssten sich mental und rhetorisch rüsten. Göttler bietet dazu Kurse an, für die „Botschafter der Demokratie“. Einer richtet sich dezidiert an Funktionäre in Traditionsvereinen im ländlichen Raum. Dieser werde sträflich vernachlässigt. „Da klafft eine Riesenlücke.“ Göttler sieht die reale Gefahr, dass das „menschheitsgeschichtlich zarte Pflänzchen“ der Demokratie zugrunde geht, wenn deren Verächter vom rechten Rand auf schlecht vorbereitete Verteidiger treffen.
Das persönliche Gespräch nutzt auch Scholz, der in diesem Schuljahr an der Fürstenfeldbrucker FOS sein Abitur macht, um seinen Mitschülerinnen und Mitschülern politische Themen näherzubringen. Besonders hilfreich seien Podiumsdiskussionen – „wahnsinnig toll, super auch für Jugendliche“. Dabei entstehe „professionelle Nähe“, man bekomme ungefiltert Einblicke in die Denkprozesse und könne sich richtig gut Meinungen bilden.

Auf Podiumsdiskussionen setzt die VHS Puchheim-Eichenau. Wenn basierend auf Fragen aus dem Publikum diskutiert werde, „wird der Saal voll. Andere Formate sind aber keine Renner“, sagt VHS-Leiter Puhl. Etwa die, in denen erklärt wird, wie die Kommunalwahlen funktionieren. Puhl möchte den Blick schärfen dafür, dass gerade auf der untersten politischen Ebene in Zeiten von Geldmangel ständig Interessen ausgeglichen werden müssen. Beipiel: Saniere man die Schulen, sei nachher womöglich kein Geld mehr da für den Straßenunterhalt. Die Entscheidungen, die Politiker treffen müssten, seien sehr komplex. „Es gibt keine einfachen Antworten“, erklärt Puhl. „Viel einfacher ist es zu sagen: Der Politiker ist schuld und blöd.“

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Ältere wissen Puhl zufolge meist besser Bescheid über die Bedeutung der Kommunalpolitik als Jüngere. Die wiederum erreiche man als Volkshochschule nur schlecht, so wie generell Menschen, die das politische System nicht so im Blick hätten. Junge Leute über Social Media ansprechen? Damit tun sich Ältere oft schwer. Auch Puhl gibt zu: „Tiktok ist nicht mein Medium.“
Daniel Liebetruth (SPD), Stadtrat und OB-Kandidat aus Germering, ist in den sozialen Medien präsent. Auf Instagram und Tiktok versuche er, „politischen Content zu machen auf einem Account, der nicht ganz langweilig ist“. Er kennt das Thema aus mehreren Perspektiven: als Lehrer, unter anderem für Ethik, am Max-Born-Gymnasium in Germering, als früherer Trainer im Jugendfußball, als Betreuer der Jugendkreisräte vom Max-Born-Gymnasium und, nicht zuletzt, eben als Kommunalpolitiker. Den Ausdruck „aufsuchende politischen Bildung“ findet er gut. Die SPD Germering habe viele niederschwellige Angebote wie ein Turnier mit einem Fußball-Videospiel oder aktuell das Angebot „Punsch und Politik“: Im Anschluss an den Germeringer Christkindlmarkt bot die SPD in ihrem Büro Gespräche an, bei Punsch oder Glühwein.

„Da kommen auch viele Junge, Leute, die sonst nicht kommen würden“, sagt Liebetruth, es gebe gute Gespräche. Junge Leute seien jedoch generell schwierig zu erreichen. Er beobachtet im persönlichen Kontakt, dass die ganz großen Themen die jungen Leute bewegen: der Aufstieg der AfD, der Klimawandel, die Frage von Krieg und Frieden – alles interessanter als Kommunalpolitik.
Persönliche Unterhaltungen funktionieren auch nach Liebetruths Erfahrung gut, Schülerinnen und Schüler sprechen ihn oft an, er ist als Germeringer Stadtrat bekannt. Die Haltung von Kollegen, Lehrer müssten neutral sein, hält er in der gegenwärtigen Lage für falsch. „Wir müssen schon Farbe bekennen“, sagt er. Er achte sehr auf Korrektheit, darauf, seine persönliche Meinung auch als solche zu kennzeichnen und damit verantwortungsvoll umzugehen. Aber es funktioniert: Eine seiner Schülerinnen, Eda Xhemaili, ließ sich in den Jugendkreistag wählen und kandidiert jetzt in Germering für den Stadtrat, auf der SPD-Liste.
Eine der wenigen Schulen im Landkreis Fürstenfeldbruck, die regelmäßig Podiumsdiskussionen organisieren, ist das Carl-Spitzweg-Gymnasium in Germering. Auch zur Kommunalwahl ist eine geplant, am 20. Januar 2026, mit allen Oberbürgermeister-Kandidaten. „Tolle Veranstaltung, toll vorbereitet“, sagt Liebetruth. „Die meisten Schülerinnen und Schüler, die da kommen, dürfen allerdings noch gar nicht wählen. Das ist bitter.“ Denn gerade auf der kommunalen Ebene könnten nach seiner Überzeugung auch schon 16-Jährige sehr gut mitentscheiden.
Die „Fishbowl“ des Freisinger Kreisjugendrings
In den Kreisjugendringen sind die Vereine der Landkreise organisiert, sie machen auch politische Bildung. Schon seit Jahren bemüht sich etwa der Kreisjugendring Freising darum, junge Menschen für Politik zu begeistern – auch im Lokalen. So organisiert ein sehr rühriger „Arbeitskreis Politik“ (AK) mit Unterstützung der Süddeutschen Zeitung zuverlässig zu jeder Wahl eine „Fishbowl“-eine Diskussion mit den jeweiligen Kandidatinnen und Kandidaten – und will das auch zur bayerischen Kommunalwahl wieder tun. Die Besonderheit der stets gut besuchten Abende: Wer älter ist als 27, darf sich in der Diskussion nicht zu Wort melden.

Die Veranstaltungen würden von den jungen Leuten sehr gut angenommen, sagt Fiona Ringelhan, die Co-Vorsitzende des Arbeitskreises, und: „Wir erreichen damit auf der Wahrnehmungsebene auf jeden Fall etwas.“ Die Politiker müssten sich auf dieses Publikum einstellen und schon deshalb habe das einen Effekt, der dazu beitrage, „dass wir besser gehört werden“. Zudem helfe das Angebot, die Jugendgruppen in der Stadt noch besser zu vernetzen – und es sei sehr niedrigschwellig. Man könne natürlich im AK Politik mitarbeiten, aber auch einfach nur die Veranstaltungen besuchen.
Schon wegen des Austauschs, den man ermögliche, trage der AK mit seiner Arbeit zur Demokratie bei, davon ist die 22-Jährige überzeugt. So würden beispielsweise bei der Fishbowl oft Fragen genau an die Parteivertreter gerichtet, mit denen man sich eigentlich weniger identifiziere: „Das ist doch der Kern einer Konsensdemokratie, dass man miteinander redet.“ Nicht zuletzt trage der Arbeitskreis Politik dazu bei, das Image der Jugend zu verbessern. Die älteren Generationen würden oft denken, dass sich die Jugend nicht für Politik interessiert, so Ringelhan: „Wir zeigen, dass das so nicht stimmt.“ So wie Arthur Scholz, der sagt: „Wer sich selbst beteiligt, kann Dinge ändern. Lieber mitmachen als zugucken.“





















