Beim Roßstall-Theater in Germering gibt es Drama auf und neben der Bühne – Fürstenfeldbruck | ABC-Z

Cecilia Gagliardi und Julian Brodacz zeigen sich bei der Premierenfeier im „Hofsalon“ des Germeringer Roßstall-Theaters gut gelaunt. Die „Extrawurst“, so der Titel des gerade aufgeführten Schauspiels, hat beiden gut geschmeckt: Gagliardi als Schauspielerin und Brodacz als Regisseur. Eine Mitgliederversammlung im Tennisclub ist häufig schnell erledigt. Bis unter dem Punkt „Verschiedenes“ noch über die Anschaffung eines neuen Grills debattiert wird. Unverhofft entwickelt sich in dem Zweiakter von Dietmar Jakobs und Moritz Netenjakob eine heftige Kontroverse, weil das türkischstämmige Vereinsmitglied kein Schweinefleisch isst, ein zweiter Grill zur Debatte steht und immer mehr fraglich wird, ob der gläubige Moslem noch dazugehört.
„Was darf man sagen, was nicht“, erklärt Regisseur Brodacz hinterher die zentrale Frage des Stücks, „verletze ich damit jemanden oder nicht.“ Das wollte man „locker anbieten“. Gagliardi, sie spielt die Vereinsvorsitzende, war sich zuvor unsicher gewesen, wie das Stück ankommt. Schließlich sei ja auch eine politische Note dabei. „Da läuft das Gehirn aller auf Hochtouren“, sagt sie und ist froh, dass das Publikum die Vorstellung mit großem Applaus goutierte. Gagliardi, 66, hat Julian Brodacz in die Theaterleitung einbezogen. Der 34-jährige Schauspieler gehört seit langem zum Ensemble und hat bereits in vielen Produktionen mitgespielt. Seit 2022 leiten Gagliardi und der Münchner Brodacz das Theater gemeinsam. „Die Zusammenarbeit der zwei Generationen ist gut“, bekennt Gagliardi, „wir haben den gleichen Geschmack und gehen in die gleiche Richtung.“ Und sie denkt natürlich darüber nach, dass auf der Leitungsebene des Theaters auch zukünftig Kontinuität herrschen muss. „Es muss ja auch nach mir weitergehen“, sagt die gebürtige Römerin, die schon lange in Puchheim wohnt. Gagliardi stieß 2008 zum Roßstall-Theater. Sie hat Gesang und Gitarre studiert und war auch als Opernsängerin und Opernregisseurin beim Freien Landestheater Bayern tätig.
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In Germering gibt es seit 1993 die Stadthalle mit einem umfangreichen Kulturangebot, doch das Roßstall-Theater war schon zwölf Jahre vorher in Betrieb und findet bis heute sein Publikum. Dabei ist die Finanzierung – vor allem auch des Gebäudes – immer schwieriger geworden. Seinen heutigen Zustand erhielt es 1982/83, als die Vereinsmitglieder einen Heustadel samt Remise zum Theaterhaus umbauten. Helmut Henner war damals schon dabei, er gehörte zum Vorstand des Fördervereins, der das Theater finanziell trägt. Seit 2006 ist er Vorsitzender des Vereins und jongliert mit den finanziellen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Haupteinnahmequelle sind natürlich die zwei Theaterstücke pro Jahr mit jeweils etwa einem Dutzend Vorstellungen. „Für das Theater selbst bekommen wir keine Zuschüsse der Stadt“, erläutert Henner. Das bedeutet, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler vergleichbar geringe Gagen bekommen und andere Arbeiten, wie zum Beispiel das Erstellen des Bühnenbildes durch Peter Wimmer und Nina von Schimmelmann, weitgehend ehrenamtlich erfolgt.
Der Investitionszuschuss für das Gebäude durch die Stadt ist nicht üppig. „Wir stoßen an unsere Grenzen“, sagt Henner. Besonders die Steigerung der Gaskosten von 9000 auf 15 000 Euro machen ihm Sorgen. Demnächst muss der Verein in Sachen Brandschutz nachrüsten. Ein Gutachten wird gerade erstellt. „Ich rechne mit 20.000 bis 30.000 Euro“, befürchtet Helmut Henner. „Da schmelzen unsere Rücklagen gewaltig ab.“ Er wolle das Roßstall-Theater nicht mit der Stadthalle vergleichen, sagt Henner. Aber dass dort Programme und Vorstellungen, die Verluste produzieren, automatisch ausgeglichen werden, schmerze ihn im Vergleich dann schon etwas.

Willi Hörmann, Germeringer Kulturpreisträger, war 30 Jahre lang der prägende Mann des Theaters, wie zuvor auch Theatergründer Ralph Ott. Hörmann hatte Gagliardi damals auch zum Roßstall geholt und ihr umgehend eine Rolle in Molieres „Der eingebildete Kranke“ gegeben. Hörmann war Schauspieler, Bühnenbauer und Regisseur der Bühne gewesen und übernahm 2004 auch die Theaterleitung. Er führte das Werk von Theatergründer Ralph Ott, der viele Jahre lang Regie geführt hatte, fort. Ott hatte schon 1977 eine Theatergruppe gebildet und Menschen um sich herum geschart, die bald ein anspruchsvolles Ensemble bildeten, das kein Laienspiel mehr aufführte. Die erste Aufführung mit dem von Ott selbst geschriebenen Stück „Wer denkt schon an Bethlehem“ fand noch in einem privaten Kellerraum statt. Mit dem Mysterienspiel „Zum Erwachen Blumen“ stellte sich die Theatergruppe im Rahmen der ersten Germeringer Kulturtage das erste Mal einer großen Öffentlichkeit in der Alten Dorfkirche St. Martin vor, ehe es in den Roßstall ging. Hörmann, auch Tassilo-Preisträger der SZ, übergab die Leitung 2018 an Gagliardi und Oliver Kübrich.
An die hundert Stücke hat das „Roßstall“ bis heute aufgeführt. Viele Komödien waren dabei, aber auch klassische und sehr ernste Dramen. Dazu gehören auch die beiden Psychothriller „Extremities“ und „Grüne-Witwen-Spiele“, das Schauspiel „Von Mäusen und Menschen“, „Königin Mutter“, „Fahrstuhl zwischen den Welten“ und das gesellschaftskritische Drei-Stunden-Epos „Jonny Belinda“. Für „Es war die Lerche“ konnte der große Theaterintendant Günther Fleckenstein, der in Germering wohnte, gewonnen werden. Mit der Komödie „Verflixte Lügen“ hatte 2004 Willi Hörmann sein Debüt als Regisseur. Er führte auch Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ auf. „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist wurde ebenfalls auf die Bühne gebracht.
Das Roßstall läuft keineswegs unter dem Etikett Laientheater. Das weist Gagliardi entschieden zurück. „Wir sind ein gutes Amateurtheater und kratzen an der Professionalität“, beschreibt sie den Status der Bühne heute. Sie hat immer wieder junge Schauspielerinnen und Schauspieler engagiert, die gerade dabei waren, ihren Weg in den Beruf zu finden. „Heute bei der ‚Extrawurst‘ standen nur Profis auf der Bühne“, bekräftigt sie. Mit dabei im Fünfer-Ensemble ist auch Claus-Peter Damitz, langjähriger Berufsschauspieler und Synchronsprecher. Unter Gagliardi wurde vor zehn Jahren zum Großen Theatersaal die kleine „Bühne 2“ unten im Haus ins Leben gerufen, ebenso später der „Hofsalon“ als weitere Auftrittsmöglichkeit auch für externe Künstlerinnen und Künstler. Am 21. November kommt dort wieder einmal ein bekannter Insider zu einer Lesung: der immer noch sehr aktive Willi Hörmann, der auch mit 80 Jahren mit Energie und großem Elan besticht.
Die nächsten Aufführungen der „Extrawurst“ im Großen Roßstall gibt es am Sonntag, 9. November, sowie von Freitag bis Sonntag, 14. bis 16. November, jeweils um 19.30 Uhr. Mehr unter germeringer-rossstall.de





















