Syriens Präsident al-Scharaa: Ein ehemaliger Dschihadist als Hoffnungsträger? | ABC-Z

Seit einem Jahr steht Ahmed al-Scharaa an der Spitze Syriens: ein ehemaliger Dschihadist, der sich staatsmännisch gibt. Die internationale Rehabilitierung ist ihm schnell gelungen. Doch wohin führt er das Land?
“Haben Sie irgendwelche Zweifel?”, fragt Ahmed al-Scharaa mit einem leichten Lächeln zurück, als eine Reporterin ihn auf die wohl meistzitierte Charakterisierung seiner selbst aus der Feder von US-Präsident Donald Trump anspricht: Attraktiver, junger, harter Kerl, starke Vergangenheit.
Starke Vergangenheit ist eine Verniedlichung dessen, was al-Scharaa, Kampfname Abu Mohammed al-Jolani, hinter sich hat: Zehn Millionen US-Dollar Kopfgeld hatten die USA auf den einst gesuchten Terroristen ausgesetzt. Al-Scharaa leugnet seine Vergangenheit nicht – und bereut sie wohl auch nicht. “Ich habe keinerlei Zivilisten verletzt”, so al-Sharaa kürzlich in Doha.
Kontakte zum IS
Al-Scharaa wurde Anfang der 1980er-Jahre in Saudi-Arabien geboren, sein Vater stammte von den Golanhöhen. Als junger Mann ging al-Scharaa nach Bagdad zum Studium, radikalisierte sich dort und saß jahrelang in irakischen US-Militärgefängnissen. Hinter Gittern lernte er Abu Bakr Al-Bagdadi kennen, den Gründer der Terrormiliz Islamischer Staat. Al-Scharaa zog nach Syrien und baute dort eine eigene Miliz auf – die Al-Nusra Front.
Statt dem IS schloss sich al-Scharaa mit seiner Nusra-Front der Terrororganisation al-Kaida an – die Nusra-Front galt als syrischer Arm des dschihadistischen Terrornetzwerks. Erklärtes Ziel von al-Scharaa schon damals: das Assad Regime in Syrien zu stürzen.
Später trennte Al-Scharaa sich von Al-Kaida, änderte den Namen seiner Miliz von Nusra in HTS (Hayat Tahrir al-Scham) und übernahm die Kontrolle über die syrische Provinz Idlib. Dort baute er so etwas wie einen eigenen kleinen Staat auf – mit Verwaltungsstrukturen und Behörden.
Dschihadist im Anzug?
Vor einem Jahr dann die beispiellose Offensive gegen das Assad-Regime: Binnen weniger Tage überrollten die Dschihadisten Syrien, nahmen erst die Millionenstadt Aleppo ein, wenig später Hama, dann Homs, schließlich Damaskus. Langzeitdiktator Baschar al-Assad floh nach Moskau. Der neue Anführer Syriens heißt seitdem Ahmed al-Scharaa und ruft zu gesellschaftlichem Zusammenhalt auf.
Der Bart ist kürzer geworden, der Kampfname Geschichte. Jetzt trägt der ehemalige Dschihadist einen schwarzen Anzug und eine Krawatte und gibt sich betont gemäßigt. “Mein Eindruck nach ein paar Treffen mit ihm ist, dass er mehr ein Macht-Mensch als ein Ideologe ist”, so der Ex-US-Botschafter in Syrien, Robert Ford. “Aber das heißt nicht, dass er kein Islamist ist.” Er habe jedoch verstanden, dass er die Hilfe des Westens brauche und zu den Golfstaaten.
Keine Reue, mangelnde Aufarbeitung
Aber ist al-Scharaa zu trauen, wenn er von einem Syrien für alle Syrer spricht? Vor allem die mangelnde Aufarbeitung sowohl der eigenen Vergangenheit als auch der Vergangenheit des Landes wird von einigen Aktivsten scharf kritisiert. “Er behauptet, dass er seine Vergangenheit nicht bereut – und das sagt einiges”, so die Menschenrechtsaktivisten Farah Youssef bei France 24. Wenn man nicht in der Lage sei, sich bei den Opfern zu entschuldigen, bleibe die Frage: “Wie will man dann ein ziviles Staatsoberhaupt sein?” Tatsächlich werden sowohl die Assad-Verbrechen als auch die Massaker an Alawiten im Frühjahr nur schleppend aufgearbeitet.
Viele Beobachter bezeichnen al-Scharaa als Pragmatiker, der Syrien in eine friedlichere Zukunft führen will – ob diese allerdings demokratisch sein wird, daran gibt es Zweifel. Viel mehr könnte sich al-Scharaa als eine Art Islamo-Kapitalist die Staatsführung in den reichen Golfstaaten zum Vorbild nehmen.
Keine Demokratie – noch nicht?
In Syrien steht al-Sharaa bei vielem erst am Anfang: Noch immer liegen Teile des Landes in Trümmern, der Wiederaufbau läuft nur schleppend an. Immerhin: Die Stromversorgung hat sich zuletzt stabilisiert. Doch ein Großteil der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, also von weniger als zwei US-Dollar am Tag. Das Bildungs- und Gesundheitssystem sind unterfinanziert. Wirtschaftlich gibt es nach Aufhebung vieler Sanktionen leichte Fortschritte, die aber immer noch nicht bei allen Bürgern ankommen.
Politisch ist das Land ein Jahr nach dem Sturz Assads noch weit davon entfernt, eine Demokratie zu sein. Bei der im Herbst abgehaltenen Parlamentswahl wurden die Abgeordneten teils direkt von al-Scharaa ernannt, teils über zuvor bestimmte Wahlmänner und Frauen gewählt – der Präsident hatte also direkt und indirekt Einfluss auf das Ergebnis. Ziel sei nun, nach der Übergangsverfassung eine dauerhafte Verfassung in Syrien zu erarbeiten – in einigen Jahren soll es laut al-Scharaa Wahlen geben.
Mit der Verfassung wird sich zeigen, wie islamisch geprägt der Staat in Syrien sein soll. Minderheiten besorgt das sehr – mehrmals gab es im vergangenen zwölf Monaten Gewalt, viele trauen al-Scharaa als Anführer nicht.
Spannungen in den eigenen Reihen
Al-Scharaas größte Herausforderung sind die eigenen Reihen. Er muss versuchen, die verschiedenen sunnitischen Milizen und Strömungen im Land unter Kontrolle zu behalten und unter sich zu vereinen. Und Syrien bleibt zerstückelt: Bislang kontrolliert al-Scharaa nur etwa zwei Drittel der Landesfläche. Im Süden steht Israel, im Norden halten die Kurden große Gebiete, die Türkei regiert in Teilen des Nordens mit, es gibt russische und US-amerikanische Militärbasen im Land. Wie ungeklärte viele Konflikte sind, zeigt sich allein daran, dass die Kurden schon erklärten, bei ihnen würde der 8. Dezember nicht als Tag der Befreiung von Assad gefeiert.
Eine weitere Herausforderung ist der Umgang mit Israel. Seit dem Sturz des Assad-Regimes bombardierte Israel zahlreiche Ziele in Syrien, trotzdem vermeidet al-Scharaa die Konfrontation und signalisiert Bereitschaft, ein Abkommen mit Israel zu schließen. Das sind Worte, die in den USA gut ankommen, al-Scharaa aber im eigenen Land gefährlich werden könnten. Eine so zurückhaltende Position könne von vielen der radikaleren Anhänger als “schwache Position bis hin zu Verrat wahrgenommen werden”, sagt Andre Bank vom Giga-Institut in Hamburg.
Kontakte zu allen Seiten
International bemüht sich als al-Scharaa um gute Kontakte zu allen Seiten – nicht nur zu den USA. Auch in Moskau war er kürzlich zu Gast und schüttelte die Hand seines einstigen Gegners Wladimir Putin. Russland hatte seinen bisherigen Verbündeten Assad fallen gelassen, was den Vormarsch der HTS ermöglichte.
Al-Scharaa weiß: Für einen Aufbau Syriens und seine persönliche Zukunft ist er auf Unterstützung von vielen Seiten angewiesen. Der Weg vor ihm und vor Syrien ist noch lang. Er selbst räumte ein, dass Syrien viele Probleme, Schwierigkeiten und Hindernisse habe. Es sei kein stabiler, etablierter Staat, sondern entwickelt sich erst in diese Richtung – und das brauche noch einige Jahre.






















