Geopolitik

Mit Deutschland Raketen bauen ist eine Horror-Vorstellung für Polens Politiker | ABC-Z

Der deutsche Rüstungsriese Rheinmetall zieht eine Fabrik nach der anderen in Osteuropa hoch – nur Polen war bisher ein weißer Fleck. Das soll sich ändern. Aber der Markt im Nachbarland ist extrem schwierig – aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Auf rund 50 Milliarden Euro soll der Umsatz des deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall bis 2030 steigen. Das kündigte der Konzern an. Es wäre eine Verfünffachung gegenüber 2024, neue Standorte entstehen weltweit. Besonders rasant läuft Rheinmetalls Expansion in Südost- und Ostmitteleuropa: In Rumänien beliefert ein Tochterunternehmen die rumänischen Streitkräfte mit Fahrzeugen; in der Kleinstadt Victoria entsteht eine Schießpulverproduktion, in Bulgarien ein weiterer Standort zur Munitionsproduktion. Dazu kommen Fabriken und Wartungszentren in Ungarn, Lettland und Litauen, wo bis 2027 die Panzerbrigade 45 der Bundeswehr einsatzbereit sein soll.

Mit Blick auf die Karte der Standorte fällt auf, dass Rheinmetall das bevölkerungsreichste und sicherheitspolitisch relevanteste Land der Region bislang ausgespart hat: Polen. Doch das könnte sich jetzt ändern.

Mit Staunen verfolgen viele in Europa die Aufrüstung des Landes an der Nato-Ostflanke. Kein Mitglied der Allianz legt dermaßen vor wie Polen. Seit Jahren übererfüllt Warschau das Zwei-Prozent-Ziel der Nato; 2024 lagen die Verteidigungsausgaben bei mehr als vier Prozent der Wirtschaftsleistung, für das zurückliegende Jahr sollten sie auf fünf Prozent steigen.

Verlässliche Zahlen liegen noch keine vor. Fest steht jedoch: Die polnischen Streitkräfte sollen nach dem Wunsch der politischen Klasse in Warschau zu den größten in Europa werden. Dabei rüstet Polen vorwiegend mithilfe der US-amerikanischen und südkoreanischen Rüstungsindustrie auf. Europäische Anbieter kommen meist zu kurz.

Vor dem Hintergrund einer zunehmend unberechenbaren US-Politik unter Donald Trump und der Einsicht, dass Partnerschaften in Europa gestärkt werden müssen, wenn die Europäer der Gefahr eines aggressiven Russlands angemessen begegnen wollen, zeichnet sich in Warschau eine Trendwende ab. Dafür steht die Entscheidung der polnischen Fluggesellschaft Lot, erstmals Airbus-Maschinen anzuschaffen; das Modell A220 soll Flugzeuge vom Typ Embraer 190 ersetzen. Der brasilianische Konzern hatte sich ebenfalls beworben. Auch, dass die polnische Marine in Schweden U-Boote bestellt, kann für eine Neuausrichtung in Sachen Beschaffung stehen.

Rheinmetall scheint diese Stimmung für sich zu nutzen. Im Oktober vergangenen Jahres unterzeichnete der deutsche Konzern ein Memorandum of Understanding (MoU), also eine Absichtserklärung, mit der polnischen Rüstungsholding Polska Grupa Zbrojeniowa (PGZ). Ziel ist es, ein gemeinsames Unternehmen zu gründen, das in Polen gepanzerte Unterstützungsfahrzeuge herstellen soll.

Wenn es dazu kommt, wäre das ein Schritt hin zu einer europäischen Rüstungskonsolidierung. Denn der Rüstungsprimus Polen allein stellt einen hinreichend großen Markt dar; dazu sollen die Fahrzeuge von Polen aus auch in europäische Partnerländer exportiert werden. Für Rheinmetall wäre es ein echter Einstieg in den lukrativen polnischen Markt, auf den weitere Bestellungen oder Investitionen in Standorte folgen dürften. Die polnische Seite verspricht sich einen Technologietransfer, mehr strategische Autonomie und Gewinne durch Exporte für PGZ.

„Kann die Verteidigungsfähigkeit Europas stärken“

„Die Zusammenarbeit zwischen PGZ und Rheinmetall kann die Verteidigungsfähigkeit Europas tatsächlich stärken“, sagt Arkadiusz Bak, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von PGZ, WELT. Und weiter: „PGZ als Unternehmen des polnischen Staates führt derzeit eine Reihe von Prozessen zur Errichtung neuer Produktionsstätten und zum Ausbau der nationalen Kapazitäten durch, die auch dem Rest Europas zugutekommen werden.“ 

„Was Rheinmetall und PGZ angeht, haben wir erst mal ein MoU. Die beiden Unternehmen also wollen mehr, aber wie das Ganze fortschreitet, bleibt abzuwarten“, sagt Marek Swierczynski im Gespräch mit WELT. Der Analyst bei der Warschauer Denkfabrik Polityka Insight gilt als einer der renommiertesten Experten für Sicherheitspolitik und Rüstung in Polen – und er ist mit seiner Skepsis nicht allein.

Denn so sehr Rheinmetall und PGZ eine Partnerschaft wollen, so triftig sind die Gründe, dass es nicht dazu kommt. Das erfährt – mal mehr, mal weniger direkt –, wer sich in der polnischen Hauptstadt mit Politikern, Ministerialbeamten oder Rüstungsmanagern unterhält. Sie alle möchten sich nicht zitieren lassen. Zu sensibel sei das Thema, heißt es immer wieder. Schließlich geht es um Milliardenaufträge und nicht weniger als die Zukunft der Rüstungsindustrie in Europa.

Einer dieser Rüstungsmanager ist Andrzej Raszewski. Er ist seit 2017 CEO von Rheinmetall Polska. Davor war Raszewski unter anderem für das polnische Mineralölunternehmen Orlen tätig. Der Manager gilt als ausgesprochen gut vernetzt in Warschau. Sein Büro befindet sich in einem repräsentativen Altbau im Stadtzentrum, in der Nähe des Platzes der drei Kreuze. Auf einer von mehreren Plaketten steht unscheinbar: „Rheinmetall“.

Hinter einer Sicherheitstür gelangt man in das Büro von Raszewski und seinem Team. Seit zehn Jahren versuchen sie von hier aus, Aufträge an Land zu ziehen. In Gliwice in Südpolen modernisiert der Konzern mit einem polnischen Partner zwar Panzer, aber Produktionsstätten, Fertigung, Munition? Fehlanzeige. Geht es nach Raszewski, soll sich das jetzt endlich ändern.

Fragen dazu beantwortet Rheinmetall aber nicht. „Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir uns derzeit zu der Thematik nicht äußern wollen“, teilt ein Rheinmetall-Sprecher aus der Düsseldorfer Zentrale WELT auf Anfrage mit.

H. Cegielski, ein Unternehmen der PGZ-Gruppe, das eine Produktionsstätte in Poznan unterhält, hat nicht auf eine Anfrage reagiert. Von einer PGZ-Rheinmetall-Kooperation dürfte H. Cegielski als eines von zwei Unternehmen aus dem PGZ-Kosmos maßgebend profitieren.

Rüstungsgeschäfte haben immer eine politische Bedeutung

Hinter vorgehaltener Hand erzählen mit der Sache vertraute Personen, dass Polens Zurückhaltung an Vorurteilen gegenüber Deutschland liege. Rüstungsgeschäfte haben immer eine politische Bedeutung – und kein Politiker will von der Opposition dafür angegriffen werden, „Rüstungsgeschäfte mit den Deutschen“ zu machen.

Es ist die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die bis 2023 regierte, stets gegen Deutschland wetterte und jetzt die Regierung von Premierminister Donald Tusk vor sich hertreibt. Dazu ist das Vertrauen wegen der deutschen Russlandpolitik, namentlich der Nord-Stream-Projekte, aber auch Deutschlands anfänglicher unentschiedener militärischer Unterstützung der Ukraine, stark gesunken. Das bekommen offenbar auch Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall zu spüren.

Bemerkenswert ist das, weil Rheinmetall, wie auch andere deutsche Unternehmen, der polnischen Seite wohl regelmäßig Angebote unterbreitet, die deutlich auf polnische Bedürfnisse zugeschnitten sind: Sie enthalten einen Technologietransfer und das Versprechen, in Polen zu produzieren und polnische Arbeitsplätze zu sichern. Von Erfolg gekrönt war all das bislang nicht.

Die Annäherung von PGZ und Rheinmetall aber ist nicht das einzige Anzeichen, dass sich das ändern könnte. Polen erhält mit mehr als 43 Milliarden Euro den größten Teil aus dem EU-Programm Safe (Security Action for Europe). Damit das Geld nicht verfällt, muss es allerdings für Rüstungsgüter in Europa ausgegeben werden. Ein Schwerpunkt soll auf der polnischen Industrie liegen, aber auch deutsche oder französische Unternehmen könnten davon profitieren.

Vieles spricht dafür, dass PGZ und Rheinmetall zusammenarbeiten – das Ressentiment spricht dagegen. Dass Polen sich rüstungspolitisch neu orientiert, ist in einer Phase weltpolitischer Umbrüche mithin wahrscheinlich.

Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.

Back to top button