Schülervertretung in Dachau: Mitbestimmung an der Mittelschule – Dachau | ABC-Z

Die Tagesordnung ist vollgepackt für die SMV-Sitzung an diesem Donnerstagvormittag. Gerade ist die zweite Pause vorüber, 16 Jugendliche haben an drei Gruppentischen im Mehrzweckraum Platz genommen. Die 15-jährige Maria Virginia Fernandes dos Santos Costa, Klassensprecherin der 9d, und der 16 Jahre alte Schülersprecher Darvan Katscho aus der Zehnten stehen vorn vor dem Whiteboard. Sie moderieren die Sitzung.
„Wir brauchen Ergebnisse“, mahnt Maria Virginia. Die sollen die drei Gruppen am Ende per Tablet schicken oder auf Papier schreiben. Jede bearbeitet ein Thema: den Mittelschultag zu Rassismus, der am Vortag stattgefunden hat, den im Mai geplanten Kinotag der SMV und die Bewerbung um die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“.
Emily gehört zur Gruppe Mittelschultag. Da waren tags zuvor alle 440 Schülerinnen und Schüler aufgerufen, ihre Erfahrungen mit Rassismus auf Zettel zu schreiben. Es kam einiges zusammen. Wie in den meisten Mittelschulen hat auch in Dachau Süd ein Großteil der Schülerschaft einen Migrationshintergrund, konkret 56 Prozent.
Emily liest vor: „Geh zurück in dein Land, Ausländer“, das „N-Wort“ oder „Affen“ zu Menschen, die scheinbar aus Afrika kommen, „Z-Wort“ zu Menschen aus Rumänien. Es sei interessant, sagt die 15-Jährige, wie unterschiedlich die Schimpfwörter für Menschen aus asiatischen, afrikanischen oder arabischen Ländern seien. „Es ist aber immer dasselbe: ein blöder Spruch und Ausgrenzung.“ Deswegen, betont sie energisch, und ihre Locken fliegen, wolle die Mittelschule Dachau-Süd auch Schule ohne Rassismus werden.
Erst einmal will die SMV sensibilisieren. Der Tag hat auch gezeigt, dass viele das Thema nicht ernst nehmen, nur Witze machen. Deshalb soll aus den Zetteln mit rassistischen Sprüchen eine mahnende Plakatwand im Eingangsfoyer werden. Dann sprudeln die Ideen für weitere Aktionen nur so: ein Fest der Kulturen, vielleicht mit traditionellen Kleidern und Essen aus den Herkunftsländern, oder ein Besuch des Demokratiemobils vom Kreisjugendring, das behandelt auch Rassismus.
Ein Stockwerk darüber hat Anja Kreter, die Rektorin der Mittelschule Dachau-Süd, ihr Büro. „Nach Corona war alles tot“, beschreibt sie das Schulleben vor fünf Jahren. „Da musste man alles neu aufstellen.“

Ein Projekt, das helfen sollte, ins reale soziale Leben zurückzufinden, war die SMV, die Schülermitverantwortung. Darin versammelt sind die 19 Klassen – und die von allen gewählten Schülersprecher und -sprecherinnen. Ihre Aufgabe: den Schulalltag aktiv mitzugestalten.
Die Lehrerin, die damals alles auf die Beine gestellt hat, sei nicht mehr am Haus, erzählt die Rektorin. Inzwischen haben die beiden Lehrkräfte Franziska Niller und Jon Heinlein die Anleitung übernommen. Für Kreter ein großer Gewinn: „Du kannst niemanden zwingen, die SMV zu machen. Da muss schon Leidenschaft dafür da sein.“ Über mangelnden Zuspruch können Niller und Heinlein nicht klagen: 34 Kinder und Jugendliche aller Klassen, von fünf bis zehn, sind in der SMV – und sie sind sehr engagiert.
Ausgezeichnet mit dem Dachauer Jugendpreis
Für die Vielfalt ihrer Veranstaltungen, von Maskenball bis Ramadan-Aktion, ist die SMV der Mittelschule Dachau-Süd voriges Jahr sogar von Stadt und Jugendrat mit dem ersten Preis des Dachauer Jugendpreises ausgezeichnet worden.
Die Mitbestimmung der Schüler ist Anja Kreter ein Anliegen, deshalb hat sie schon vor Jahren in jeder Klasse einen Klassenrat installiert. „Das habe ich undemokratisch angeordnet“, sagt sie lächelnd. Einmal pro Woche wird dort über anfallende Themen oder Konflikte in der Klasse geredet, mit festen Rollen für die Schüler, etwa Protokoll oder Gesprächsleitung. Das Wichtigste dabei sei, so Kreter, „dass die Schüler reden dürfen, wenn es ein Problem gibt. Und die Schule kann schon früh entgegensteuern“.

Am nächsten Tisch bei der SMV-Sitzung geht es um den geplanten Kinotag. Mehrere Filme sollen in verschiedenen Klassenzimmern laufen. Gerade überlegt die Gruppe, ob der Eintritt einen Euro oder 1,50 betragen soll. Bisweilen findet sich ein Sponsor, die örtliche Sparkasse etwa, doch ansonsten erwirtschaftet die SMV das Geld für weitere Aktionen selbst, meist mit Essen- und Getränkeverkauf. Für den Kinoeintritt findet sich schnell eine Lösung: Abstimmung in den Klassen nach den Osterferien. Die Augen von Schülersprecher Darvan blitzen stolz, als er betont: „Das ist Demokratie. Wir bestimmen das nicht, sondern alle sollen mitentscheiden.“
Beim Kinotag wird die SMV Popcorn verkaufen, die Tüten dafür haben sie bei der jüngsten Sitzung zusammen gefaltet. Über die Filme, die gezeigt werden sollen, haben sich die Fünf auch schon geeinigt, für jede Altersstufe wird es zwei zur Auswahl geben. Und eine Security wollen sie. „Wovor habt ihr Angst?“, fragt Niller. Die Antwort kommt prompt: „Dass die Leute Süßigkeiten reinschmuggeln.“


Warum sie bei der SMV mitmachen? „Ich möchte, dass jeder eine Stimme bekommt“, sagt Neuntklässlerin Szonja. Sie war schon an ihrer vorigen Schule Klassensprecherin, „nächstes Jahr möchte ich Schülersprecherin werden“. Aldion Dungas Ziel ist: „Alle sollen sich wohler fühlen an der Schule.“ Stella lobt, „man fühlt sich irgendwie nicht allein“, und Ray mag am meisten die Teamarbeit.
Während Lehrerin Franziska Niller zuhört, sieht man ihr den Stolz an. Die Erfahrungen, die die Jugendlichen bei der SMV sammelten, seien so wichtig, „sie lernen, dass sie etwas bewegen können, wenn sie sich einbringen“. Und sie lernten noch etwas, fügt Jon Heinlein hinzu: „Viele haben am Anfang große Pläne, und sie lernen dann in den Prozessen, dass nicht alles so geht wie gedacht.“
Niller betont, auch für sie als Lehrkraft sei die zusätzliche Zeit mit den Jugendlichen nicht nur mehr Arbeit, sondern „total schön, man lernt die Schüler noch mal ganz anders kennen“.





















