Gespräche auf der Leipziger Buchmesse: Alle gegen Weimer | ABC-Z

Die Stimmung ist: Man kommt schlicht nicht drum herum. Auch wenn der Kulturstaatsminister keinen Fuß in die Messehallen gesetzt hat, ist das jetzt, neben allem, was diese Buchmesse auch ist, zum großen Teil auch die Anti-Weimer-Buchmesse. Sebastian Guggolz hat vielen aus dem Herzen gesprochen, als er auf der Eröffnungsfeier von Stolz sprach. Er sei stolz auf die Branche, weil „wir Ihren autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren“, sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Wolfram Weimer, der in der ersten Reihe saß, ins Gesicht.
Damit traf er eine Einstellung, die auf der Messe mit Händen zu greifen ist. Eine Verlagsmitarbeiterin erzählt einem, immerhin sei mal wieder deutlich geworden, dass Buchhandlungen und Verlage systemrelevant seien für die kritische Öffentlichkeit. Ein Verleger gibt auf den sozialen Medien das Motto aus: „Make books dangerous again.“
Dass die Buchhandlung Zur schwankenden Weltkugel dem Kulturstaatsminister eine strafbewehrte Unterlassungserklärung geschickt hat mit der Aufforderung, seinen Vorwurf, sie seien „politische Extremisten“, nicht zu wiederholen, wurde begrüßt. Es ist, als sei ein Ruck durch die engagierte Verlagsszene gegangen. Weimer wirkt schlicht auch motivierend.
Ein Trump-Effekt?
Das ist das eine. Das andere ist: Man begegnet auf den Gängen zwischen den Messeständen und abends auf den Empfängen auch einem gewissen Unmut darüber, sich in dieser Sache eigentlich nur gegenseitig selbst bestätigen zu können.
Ein Trump-Effekt wird attestiert. Alle reden darüber, was Weimer jetzt schon wieder gesagt hat – ähnlich wie beim US-Präsidenten –, anstatt sich mit den wirklich wichtigen Problemen zu beschäftigen, vor denen diese Welt zu bersten scheint. So empörend das Agieren des Kulturstaatsministers auch sein mag, es zwingt gleichzeitig zu einem unterkomplexen Abarbeiten an ihm.
So kann man Verlegern zuhören, die sich in Rage reden darüber, dass man noch nicht einmal konkret diskutieren kann, was denn gegen die drei vom Buchhandlungspreis ausgeschlossenen Buchhandlungen überhaupt vorliegt. Die Ansage: Es gebe da etwas Verfassungsschutzrelevantes, ohne zu sagen, was das denn sei, das gehe doch schlicht nicht in einem Rechtsstaat.
Koordinaten nach rechts verschoben
Beim Leipziger Buchpreis hat Katrin Schumacher, die Juryvorsitzende, viel von Wertschätzung für die Buchbranche gesprochen. Ohne Wolfram Weimer direkt zu erwähnen, implizierte das den eigentlichen Vorwurf, den viele in der Branche dem Kulturstaatsmister derzeit machen, neben dem, dass er die Koordinaten allgemein nach rechts verschiebt: Sie fühlen sich von dieser Kulturpolitik nicht wertgeschätzt.
Und zwar konkret nicht, indem ohne nachvollziehbare Begründungen einzelne Buchhandlungen von Preislisten gestrichen werden. Aber auch darüber hinaus nicht, indem dieser Kulturstaatsminister mit den leeren bildungsbeflissenen Floskeln, die er dabei von sich gibt, die Debatten dominiert und die Zone, in der man über neue Romane und Sachthemen diskutieren könnte, sorry, mit Quatsch flutet.
Es hat zuletzt Buchmessen gegeben, in denen die allgemeine Krisenstimmung vieles lähmte. Diese ist anders. Die Erfahrung gegenseitiger Wertschätzung mobilisiert die Branche dieses Jahr dann eben aus sich selbst heraus. So ist dies eine Buchmesse, in der sich die Branche ihres zivilgesellschaftlichen Engagements versichert. Und zugleich die Messe, in der sie sich sogar von dieser hanebüchenen Kulturpolitik nicht von ihren eigentlichen Gegenständen – den Autor*innen und Büchern – weglenken lassen will.





















