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Crans-Montana: 40 Tote bei Brand in einer beliebten Bar – Panorama | ABC-Z

Crans-Montana ist erstarrt. Im Schockzustand. Fassungslos. Das zeigt sich besonders an der Rue Centrale, wo am Neujahrsmorgen viele Menschen vor dem rot-weißen Absperrband stehen bleiben. „Nur Anwohnende!“, entgegnen die Polizistinnen und Polizisten, die den Abschnitt rund um die Bar „Le Constellation“ kontrollieren. Dort, wo wenige Stunden zuvor Dutzende Menschen in der Silvesternacht durch ein Feuer ums Leben kamen.

Die Bar ist weiträumig abgesperrt und mit Sichtschutz abgeschirmt. Es riecht verbrannt, an den Gittern werden erste Blumen abgelegt. „Es ist so tragisch“, sagt ein älterer Herr auf Italienisch, der in Crans-Montana lebt. Im ganzen Dorf stecken die Einheimischen die Köpfe zusammen, tauschen sich über Neuigkeiten zur Tragödie aus, schicken sich News per Whatsapp. Fragen nach, ob es den Anwohnenden und Gewerbetreibenden gut geht. Denn die Brandkatastrophe ereignete sich mitten im Dorf – während Tausende im beliebten Ferienort ins neue Jahr feierten.

Etwa 40 Menschen sind gestorben, einige Verletzte kämpfen um ihr Leben

Die Menschen in Crans-Montana fragen sich: Wie konnte das passieren? Auch die Behörden geben am Donnerstagvormittag bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz kaum Informationen bekannt. Es gibt zunächst keine genauen Zahlen über Todesopfer und Verletzte. Das Identifizieren der Brandopfer braucht viel Zeit, und zuerst sollen die Familien benachrichtigt werden. Auch eine zweite Pressekonferenz am Abend bringt den Angehörigen noch keine Gewissheit. Es heißt, etwa 40 Menschen seien ums Leben gekommen. Die Opfer und Verletzten – auch aus dem Ausland – seien aber noch nicht alle identifiziert, informieren die Behörden. Einige kämpfen in den Krankenhäusern weiter um ihr Leben.

Die Tragödie ist gewaltig. Augenzeugen berichten von Szenen wie aus dem Krieg – wenige Minuten nach der Explosion sei schwarzer Rauch aus der Bar aufgestiegen, brennende Menschen rannten schreiend hinaus, andere lagen leblos auf dem Boden. Rayan Guiren, 18 Jahre alt, war in der Nähe, als es brannte. Er feierte in einer nahegelegenen Bar den Silvesterabend und war schon oft im „Le Constellation“. „Als wir da hinkamen, lagen überall Menschen mit Verbrennungen und verbrannten Kleidern am Boden“, sagt er. „Verzweifelte Eltern versuchten in die Bar zu gelangen, um nach ihren Kindern zu sehen.“

An diesem Abend seien viele Gäste zwischen 15 und 20 Jahre alt gewesen, sagt Guiren. Das jüngste Opfer soll nach einem Bericht des Schweizer Senders RTS 16 Jahre alt sein. Die Polizei habe die Menschen aber davon abgehalten, zurück in die Bar zu laufen. Auch zwei Freunde von Guiren waren dort. Sie sind jetzt im Krankenhaus. Die rund 115 Verletzen wurden in die umliegenden Kliniken gebracht, oder nach Lausanne und Zürich geflogen, in Zentren für Brandverletzungen. 40 Ambulanzen waren im Einsatz und 13 Helikopter, sie waren in der ganzen Region zu hören.

Die Bar gilt bei internationalen Gästen als „Place to Be“

„Ich war schon im Bett, aber ich habe die Helikopter die ganze Nacht gehört“, sagt eine junge Frau, die mit ihren Freunden vor dem Absperrband steht. Sie versucht zu verstehen, was in der Nacht geschehen ist. „Wir waren ebenfalls unterwegs und wollten eigentlich in eine der Bars, aber die Schlangen waren zu lang“, sagt ihr Kollege. Auf dem Heimweg kamen sie an der Bar „Constellation“ vorbei, „aber es gab auch dort eine lange Schlange. Also gingen wir weiter.“

Viele Menschen legen vor der Bar „Le Constellation“ Blumen ab. (Foto: Denis Balibouse/REUTERS)

Nun sind sie wieder hier auf der Straße. Sie wollen ihre Freunde treffen, sichergehen, dass von ihnen niemand unter den Opfern ist. „Aber noch gibt es keine Listen über die Opfer. Vielleicht waren Freunde von uns da, wir wissen es nicht“, sagt einer aus der Gruppe. Sein Kollege kann das alles kaum fassen: „So ins neue Jahr zu starten“, sagt er. Er schluckt, seufzt.

Das Dorf war in der Silvesternacht voll mit Feiernden, Einheimische waren da, und Touristen. Hunderte hatten sich zunächst auf dem Victoria-Platz versammelt, auf dem DJs mit lauter Musik und Lichtshow die Menge bis ein Uhr morgens ins neue Jahr anfeuerten. Danach, so ist das in Crans-Montana gang und gäbe, verlagerte sich die Party in die Bars und Clubs.

„Le Constellation“ ist vor allem bei jungen Menschen beliebt, die Bar gilt bei internationalen Gästen als „Place to Be“. Sie gehört einem französischen Ehepaar aus Korsika, das in der Region mehrere Lokale besitzt. Sie hat Platz für etwa 300 Personen. Wie viele sich in der Silvesternacht darin befanden, ist unklar. Die Menschen im Dorf reden von mehreren hundert, doch sie treibt vor allem das Sicherheitskonzept um.

„Es gibt dort nur einen einzigen Ausgang“, sagt ein junger Einheimischer, der schon in der Bar war. Er und seine Freunde behaupten, sie habe keinen Notausgang. Bestätigen lässt sich diese Angabe bislang nicht. Doch es sind Fragen, die in den nächsten Tagen geklärt werden müssen: Wie sah das Sicherheitskonzept der Bar aus? Wurden zu viele Personen reingelassen? „Die Untersuchung wird zeigen, ob die Sicherheitsvorschriften eingehalten wurden“, sagt Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud den Medien.

Der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin beim Besuch der Unglücksstelle in Crans-Montana.
Der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin beim Besuch der Unglücksstelle in Crans-Montana. (Foto: Harold Cunningham/Getty Images)

Im Zentrum steht vorerst aber die Frage, warum es gebrannt hat. Es gibt viele Gerüchte. Zunächst ist von Pyrotechnik die Rede, dann von Wunderkerzen. Noch haben die Behörden keine Ursache bekannt gegeben – sie wird forensisch untersucht. Aber: „Der ganze Raum hat Feuer gefangen“, sagt Pilloud.

Während die Behörden und Krankenhäuser mit Hochdruck daran arbeiten, die Brandopfer zu identifizieren und die Schwerverletzten zu betreuen, spürt man in Crans-Montana auch große Solidarität. Viele Lokale an der Rue Centrale sind am Donnerstag geschlossen. Die wenigen, die geöffnet sind, werden zum Treffpunkt für die Einheimischen.

„Geht’s dir gut?“, fragt ein Mann die Besitzerin des Cafés und Restaurants „Plaza“, keine 200 Meter von der Bar „Constellation“ entfernt. Immer wieder kommen Bekannte vorbei, um nach ihr zu fragen. „Mir geht es okay“, sagt sie, man umarmt sich, tröstet einander. Mit den Medien länger sprechen will sie nicht. „Bin zu aufgewühlt“. Und schließlich müsse sie ihre Gäste bedienen.

Der Betrieb in Crans-Montana geht dann doch weiter. Zumindest ein Stück weit. Vor dem „Plaza“ pilgern Schneesportler mit Skiern auf der Schulter am Absperrband vorbei in Richtung Gondelbahn. Vorbei an jenen Menschen, die ungläubig in Richtung der Unglücksbar blicken. Eine Frau bleibt kurz am Absperrband stehen, bekreuzigt sich. Dann geht sie weiter.

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