Serie „Sea Shadows“ in der Das Erste: Ungeheuer aus der Tiefe des Meeres | ABC-Z

Einen Funkspruch kann der Fischtrawler vor der Küste der Normandie noch absetzen, dann spielen alle Instrumente verrückt. Keine Zeit mehr, die Schleppnetze einzuholen. Chaos, das kein Mensch mehr beherrschen kann. Das Boot bricht entzwei. Vierzehn Seeleute werden in die Tiefe gerissen. Die Rettungsleute finden keine Spur an der Meeresoberfläche. Darunter sieht man die Lichter des sinkenden Trawlers, die schnell verlöschen. Und plötzlich eine grelle Lichtquelle.
Die französisch-belgische Serie „Sea Shadows“ beginnt bildgewaltig und hochdramatisch, mit ikonographischen Seefahrermotiven. Die Fischer sortieren Jakobsmuscheln, als das Unglück sie ereilt. Wichtige Erwerbsquelle der Küstenstädte der Normandie, aber auch das Symbol der Pilger Richtung Spanien. Für Christen auch ein Zeichen der Demut vor Gottes Schöpfung.
Von Naturausbeutung in großem Maß kann bei der bescheidenen Trawlerflotte aus Fécamp nicht die Rede sein, aber, das ist der nächste Problemaufriss dieser Serie, die nicht bloß archaische Motive bedienen will, von Auseinandersetzungen englischer und französischer Fischer. Multinationale Konzerne plündern die Fischgründe, dezimieren den Bestand.
Umweltthriller trifft auf Mystery
An diesem Schauplatz, in und vor Fécamp, über und unter Wasser, zeigt die See die Eingriffe des Menschen deutlich. In der Tiefe liegt ein Bombenfeld mit scharfen Weltkriegsüberbleibseln, in der Nähe ein Offshore-Windpark, der massiv ausgebaut werden soll. Das „Risiko“ Meeresgetier), so sagen die Planer, habe man im Griff. Nach dem Unglück zu Beginn macht sich in der Stadt Aufruhrstimmung breit.
Es brodelt bald auch bei der Biologin Abigail Dufay (Fleur Dufay), Expertin für Meeresakustik, die gerade Studenten am Pariser Institut für die Nutzung der Meere mit der Entschlüsselung faszinierend mystischer Sonaraufnahmen vertraut macht. Delfine, doziert sie, vernetzen sich durch Schallwellen, bilden ein „Superhighspeednetzwerk, das nicht nur Infos, sondern auch Emotionen überträgt“, als sie den Auftrag bekommt, mit Oberkommissar Prigent (Jonas Bloquet) den Vorfall zu untersuchen. Unter Verdacht stehen die Engländer, oder die Ökoaktivisten, die es auf die Netze abgesehen haben und die gegen den Windpark demonstrieren.
Abigail muss freilich nicht nur dieses Unglück aufklären, sondern auch ihr eigenes. Drei Jahre zuvor ertrank ihr Sohn in Fécamp am Strand. Sie verschwand danach spurlos und ließ ihren Mann und dessen gehörlosen Sohn unbekannt verzogen zurück. Der sinnessensible junge Jimmy (Ewenn Weber) sieht und spürt nachts am selben Strand merkwürdige Licht- und Wellenphänomene im Wasser. Ein leuchtendes Meeresungeheuer? Eine durch die Erwärmung und Erforschung der Meere aus der Tiefe aufgeschreckte Kreatur?
Trauernde Mutter, gebrochene Heldin
„Sea Shadows“ beginnt vielversprechend mysteriös und verunsichernd (Regie David Hourrègues, Buch Jonathan Rio und Monica Rattazzi, Kamera Xavier Dolléans). Die Lage der Fischer, die Stimmung in Fécamp, der Protest gegen die Konzerne, das Anrücken des Militärs nach weiteren Vorfällen, all das verbindet sich mit überlieferten Mythen und der Hybris, das Meer zu beherrschen, die zur Apokalypse führt.

Sechs Folgen lang versucht Abigail Dufay, klassische gebrochene Heldin, herauszufinden, was sich in die Bucht verirrt hat und wie es ohne neue Kollateralschäden gerettet werden kann. Ein Flugzeugträger ist auf dem Weg, das Ding, das Seeungeheuer oder was auch immer, zu vernichten, bevor es ins Bombenfeld gerät oder ins Visier gegnerischer Mächte.
Die überzeugende Umwelt-Mystery-Thriller-Thematik verbindet die Serie allerdings auch noch mit der dramatischen Familiengeschichte der Meeresbiologin. Das gerät überemotionalisierend. Dufay trifft auf ihren Nochehemann Julien (Guillaume Labbé), Fischer in der Flotte ihres Vaters Henri (Thierry Godard). Ein Heimkommen gestaltet sich schwierig, Mutter Joannes (Anne Loiret) Trost ist vergebens, nur ein Häuflein Verschworener unterstützt Dufay dabei, die Sprache des Ungeheuers zu entschlüsseln.
Beim Tauchgang schließlich entdeckt Abigail, dass selbst Leben aus dem Mariannengraben biologisches Geschlecht kennt und emotional anschlussfähig ist. Eine trauernde Mutter, so die Conclusio, ist ein mystischeres und abgründigeres Wesen als alle vorstellbaren Aliens. Der letzten Folge hätte weniger Emotionssüßstoff besser gestanden, entschädigt wird man durch schöne Meeresaufnahmen und eine gute Behandlung der erzählten Zeit. In der ARD-Mediathek findet sich die Serie synchronisiert, aber auch in der französischen Originalfassung.
Sea Shadows steht in der ARD-Mediathek und läuft beim NDR am 1. November ab 21.45 Uhr und 5. November ab 22 Uhr.





















