“Der Astronaut”: Ryan Gosling auf launigem Himmelfahrtskommando | ABC-Z

Binnen kurzer Zeit hat sich der US-Autor Andy Weir (53) den Ruf als Experte für Weltraum-Robinsonaden erarbeitet. War es in der Verfilmung seines Debütromans “Der Marsianer” noch Matt Damon (55), der die Population des roten Planeten von 0 auf 1 anhob, ist es in “Der Astronaut” (Kinostart: 19. März) nun Ryan Gosling (45), der einsam im All gestrandet ist – oder doch nicht? Die Parallelen zwischen den beiden Werken und somit ihren jeweiligen Adaptionen wirken auf den ersten Blick erdrückend. Doch gibt es einen kleinen, zugleich gigantischen Unterschied, der im Buch noch für einen absoluten Magic-Moment sorgte – beim Film aber leider schon im Trailer gespoilert wird.
Einfach-Ticket ins Weltall – darum geht es
Unsere Sonne stirbt. Mikroskopisch kleine, tiefschwarze Organismen, von den Wissenschaftlern Astrophagen getauft, rauben dem lebenswichtigen Stern die Energie. In den nächsten 30 Jahren, errechneten die Experten, wird die Sonne radikal abgekühlt sein und sich infolgedessen die Weltbevölkerung halbiert haben – und das ist das Best-Case-Szenario. Schon wenig später wird die gesamte Menschheit ausgelöscht sein.
Doch ganz will sich diese ihrem düsteren Schicksal noch nicht fügen. Unter der Leitung der stoischen wie kompetenten Eva Stratt (Sandra Hüller, 47), stellt ein internationales Team an Fachleuten eine Weltraummission mit extrem geringen Aussichten auf Erfolg zusammen. Aber kaum eine Hoffnung ist besser als gar keine. Der Molekularbiologe Ryland Grace (Gosling), der inzwischen als Lehrer an einer High School arbeitet, könnte ausgerechnet aufgrund seiner von Kollegen belächelten Theorien das Zünglein an der Waage zur Rettung des gesamten Universums sein.
Originaltreue zur Vorlage: Fluch und Segen
Dass “Der Astronaut” im Original “Project Hail Mary” heißt, hat durchaus seinen Grund: Die Mission zur Rettung der Menschheit ist als Einbahnstraße konzipiert und damit symbolisch wie wortwörtlich ein Himmelfahrtskommando. Dieses hat im Buch extrem viele Facetten und Wendungen. Weir liebt es, seine Fiktion auf so vielen wissenschaftlich plausiblen Grundlagen wie möglich fußen zu lassen.
Die Kinoadaption versucht diesem komplexen Ansatz halbwegs gerecht zu werden, was einerseits nicht genug gelobt werden kann – generische Science-Fiction-Filme mit Actioneinschlag gibt es wahrlich schon zuhauf. Andererseits wirkt “Der Astronaut” dadurch aber speziell in seiner Exposition sehr überhastet. Selbst die knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit schaffen es zuweilen nur an der Oberfläche der clever ausgearbeiteten Prämisse der Vorlage zu kratzen.
Die anachronistische Erzählweise wurde ebenfalls originalgetreu und im Gegensatz durchweg gelungen umgesetzt. Goslings Figur wacht zu Beginn des Streifens aus einem jahrelangen künstlichen Koma auf, sehr zu seiner eigenen Überraschung auf einem Raumschiff inmitten der Unendlichkeit des Alls. Wie er dort hingekommen ist, warum all seine Crewmitglieder tot sind und was das eigentliche Ziel der Mission ist… nur langsam kehren seine Erinnerungen daran zurück, die den Zuschauern dann per Rückblenden gezeigt werden. Eine Amnesie der Hauptfigur fühlt sich häufig wie ein billiger, filmischer Taschenspielertrick an. In diesem Fall fügt sie sich aber sehr organisch in die Geschichte ein und weiß für manch einen Twist zu sorgen.
Ein Magic-Moment schon im Trailer
Apropos Twist: Dass Trailer inzwischen zu lang sind und zu viel vom Film verraten, ist bei “Der Astronaut” leider in Reinform zu beobachten. Will man optimistisch darauf blicken, erleichtert es zumindest das Umtänzeln von Spoilern in Kritiken wie dieser. Ja, wie im Vorschauclip zu sehen ist, macht Ryland Grace im Laufe seines Weltraum-Abenteuers eine unheimlich rührende Begegnung der dritten Art. Das zog einem als Leser noch komplett den Boden unter den (gefühlt schwerelosen) Füßen weg. Bis zu diesem Zeitpunkt war “Der Astronaut” schließlich noch wie “Der Marsianer” ein eher bodenständiger Sci-Fi-Film.
Ohne zu viel über das Alien zu verraten, das Ryland als auch dem Publikum rasch ans Herz wächst: Kenner der Vorlage dürften diesbezüglich wohl etwas sorgenvoll auf die Ankündigung reagiert haben, dass “Der Astronaut” verfilmt wird. Würde es die Leinwand-Umsetzung auch nur ansatzweise schaffen, die liebenswerte und lebensbejahende intergalaktische Bromance der beiden würdig darzustellen?
In diesem sowie einem weiteren Punkt dürfen Skeptiker beruhigt werden. Die Interaktion der beiden ungleichen Hauptfiguren stellt auch im Film das Highlight dar. Die übergeordnete Botschaft, die Weir schon mit “Der Marsianer” zwar wenig subtil, aber durchaus charmant anstrebte, kommt ebenfalls an. Arbeiteten darin noch alle Nationen der Erde zusammen, um Mark Watney lebend vom Mars zu holen, ziehen nun gar zwei völlig unterschiedliche Lebensformen des Universums an einem Strang, um selbiges zu retten. Zum Glück stehen ihnen dafür mehr als vier Arme zur Verfügung.
Showstehlerin Sandra, zu viel Humor und ein zu hübscher Ryan?
Dass das gelingt, ist neben der Spezialeffekt-Abteilung natürlich primär der Verdienst von Hauptdarsteller Ryan Gosling. Hatten Buchleser den Schönling vorm inneren Auge, als sie die Heldenreise des nerdigen Molekularbiologen Ryland Grace verfolgten? Sicherlich nicht. Wenn überhaupt ist es Goslings grundsätzliche Starpower, die zuweilen vom eigentlichen Geschehen ablenkt und die Immersion raubt. Ein etwas unbekannterer, weniger präsenter Schauspieler hätte dem Stoff womöglich besser zu Gesicht gestanden. Als Fehlbesetzung muss Gosling aber nicht verunglimpft werden.
Es gibt jedoch auch ein perfektes Casting zu bestaunen: Sandra Hüller vermag quasi jede Szene, in der sie vorkommt, zu stehlen. Herrlich pragmatisch, nie unsympathisch und mit subtilem Schalk im Nacken geht sie als Eva Stratt die Rettung allen Lebens an. Ganz nebenbei sorgt sie für einen der emotionalsten Momente des Films, in dem sie nach “Toni Erdmann” wieder beweisen darf, wie ausdrucksstark sie singen kann. Angeblich setzte sich Gosling höchstpersönlich dafür ein, dass Hüller in einer der Rückblenden zum Karaoke-Mikrofon greift und in einem Mix aus Melancholie und Optimismus Harry Styles’ (32) “Sign of the Times” singt. Sollte das wirklich stimmen, dann: Danke, Ryan!
Was im Vorfeld beim Blick auf den Regiestuhl für Unbehagen sorgte, bewahrheitet sich jedoch. Auch Weir geizt in seinem Buch zwar nicht mit Humor, er benutzt ihn in aller Regel aber als Ventil seiner Hauptfiguren, um mit aussichtslosen Situationen umzugehen. Das Regie-Duo Phil Lord und Chris Miller (“21 Jump Street”, “The Lego Movie”) übertreibt es abseits davon zu deutlich am Klamauk-Regler. Zu oft werden in der Haupthandlung als auch in den Rückblenden zutiefst emotionale Szenen unnötig aufgebrochen. Das scheint seit den Marvel-Streifen und neuen “Star Wars”-Filmen ein regelrechter Reflex der Traumfabrik geworden zu sein, der hoffentlich bald der Kino-Vergangenheit angehört.
Fazit:
Zeigt bei “Der Astronaut” der Daumen nun nach oben oder nach unten? Wie seine beiden ungleichen Hauptprotagonisten werden sich darüber wohl auch einige Zuschauer uneins sein. Das Vorhaben einer originalgetreuen Umsetzung ist eigentlich vorbildlich, doch wirkt der Film aufgrund der Fülle an Geschehnissen im Buch dadurch zuweilen arg überhastet.
Nichtsdestotrotz schafft es die mitunter zu humorlastige Adaption des Regie-Duos Phil Lord und Chris Miller, die simple wie hoffnungsfrohe, leider aber so schwer in die Realität umsetzbare Botschaft der Vorlage ans Kinopublikum zu transportieren: Gelingt es uns, über Tellerrand und Differenzen hinwegzusehen und an einem Strang zu ziehen, können wir die Welt – nein, Welten – retten. Wenn selbst ein menschlicher Fleischsack und ein steiniges Alien das hinbekommen, warum schaffen wir das untereinander eigentlich nicht?
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