Rüstungsindustrie in Schweden: Saab und die europäische Verteidigung – Wirtschaft | ABC-Z

Hier, auf dem Gelände in Karlskoga, das sich inmitten eines schwedischen Waldes versteckt, testet der schwedische Rüstungskonzern Saab Panzerfäuste. Der andauernde Nieselregen hat überall kleine Pfützen hinterlassen – typisches Schwedenwetter im Dezember. Ein ahnungsloser Spaziergänger würde nie ahnen, dass sich hier ein hochgesichertes Testgelände befindet. Wieder und wieder erschüttern dumpfe Geräusche den Boden, die von einem anderen Testgelände herüberdringen.
Nach dem Schuss geht der Übungsleiter zum Zielobjekt, vorbei an den leeren Plastikhülsen. Inmitten des Panzers klafft nun ein Loch. Ein ramponierter Panzer aus der Ex-Sowjetunion, das ist irgendwie symbolisch für das zerrüttete Verhältnis zwischen Schweden und seinem Fast-Nachbarn Russland, der vor fast vier Jahren die Ukraine überfallen hat. Wenn man ihn darauf anspricht, auf Europa, auf die USA, auf die geopolitischen Anspannungen, schüttelt der Übungsleiter kurz den Kopf. „Europa könnte allein dastehen“, sagt er.
Der Kontinent investiert so viel in Rüstung wie noch nie, über 343 Milliarden Euro waren es 2024. Gleichzeitig steht die europäische Verteidigungsfähigkeit auf dem Prüfstand: Die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump sind als Partner nicht mehr verlässlich, nun muss Europa für sich selbst sorgen, und zwar schnell. Hier in Schweden, einem Land, das auf europäische Lösungen angewiesen ist, warnt der schwedische Rüstungskonzern Saab daher nicht zufällig vor nationaler Abschottung.
Das ist nicht ganz uneigennützig. Das Unternehmen würde von einem europäischeren Markt profitieren, seine Kampfflugzeuge, Radarsysteme, Munition und andere Produkte könnte es dann auch hier in Deutschland besser verkaufen. Am Ende geht es um eine der Kernfragen in der Verteidigungsdebatte: Wie glaubhaft ist die europäische Abschreckung gegenüber Russland, wenn Nationalstaaten vorwiegend an ihren eigenen Lösungen werkeln?
Bei Saab arbeiten nun auch Friseure
Ein paar Autominuten von dem Übungsplatz in Karlskoga entfernt bereitet man sich auf den Ernstfall vor. Über die Kleinstadt sagen die Bewohner halb im Scherz, dass ihr irgendwann die Friseure und Kindergärtner ausgegangen sind – die Rüstungsindustrie habe sie alle zu sich geholt.
In den Produktionshallen von Saab hält Magdalena Hvenmark eine Granate in den Händen. Sie steht in einem grellen Raum ohne Fenster. Im Gebäude ist es warm und feucht, bei trockenem Raumklima könnten sich die Granaten sonst entzünden. Auch Hvenmark war bis zum russischen Überfall auf die Ukraine bei einem anderen Unternehmen beschäftigt, in der Logistik. Jetzt leitet sie die Produktionsabteilung, hier stellen sie Munition her. Sie ist eine von vielen, die nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs zum Unternehmen gekommen sind.
Allein 2025 hat Saab 2700 neue Mitarbeiter bekommen, die Mitarbeiterzahlen wachsen stetig. Einst war die Firma international eher als Autohersteller bekannt als für seine Flugzeuge. Nun gehört Saab zu den Profiteuren des Rüstungsbooms in Europa. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine ist der Umsatz des Unternehmens um 23 Prozent gewachsen. Laut einem Bericht des Friedensforschungsinstituts Sipri aus Stockholm gehört es zu den 30 größten Rüstungsunternehmen der Welt.
Hvenmark geht in einem fensterlosen Raum an Kollegen vorbei, die hier gerade mit Schutzanzug und Brille den Zünder einer Granate für Saabs Panzerfaust zusammensetzen. Millimeterarbeit, die der Zusammensetzung einer Armbanduhr gleicht, nur geht es um viel mehr: Kleine Zahnrädchen, nur wenige Millimeter groß, nimmt eine Mitarbeiterin mit einer Pinzette aus einem Kasten heraus. Sie ist Anfang 20, überall sitzen hier junge Menschen, die erst vor Kurzem angefangen hätten, erzählt Hvenmark. Auch sie habe eine Friseurin bei sich im Team.
„Das ist mein Weg zu helfen“, sagt Magdalena Hvenmark. Überall hört man hier, wie sehr sich das Image der Rüstungsindustrie gewandelt hat. Früher, da habe man auf Partys den Namen des Arbeitgebers eher vermieden, die Rüstungsindustrie wurde im gleichen Atemzug wie die Pornoindustrie genannt. Heute will die Rüstungsindustrie auf einmal für Demokratieschutz stehen. Und für ein Europa, das im Krieg von den USA unabhängig ist.
Was in Europa schiefläuft? Da hört man in diesen Tagen bei Saab so einiges, auch von Konzernchef Micael Johansson. Nun, da überall in Europa große Summen für Verteidigung ausgegeben werden, sei er ein wenig besorgt. Für ein „starkes Europa“ müsse der Kontinent auch über Partnerschaften und eine bessere Zusammenarbeit nachdenken. „Wir können nicht einfach national vor uns hinarbeiten“, sagt Johansson. Das passiere vor allem in Deutschland, aber auch in Frankreich, Schweden, Polen.
Die Rüstung ist wie kaum eine andere Industrie national orientiert. Deutschland kauft überwiegend von deutschen Unternehmen, Frankreich wiederum von französischen – und für komplexe Systeme, die die heimische Industrie allein nicht stemmen könnte, kauft man dann eben in den USA ein. Lange war das der Status quo. „Das ist aus meiner Perspektive eine geopolitische Hypothek“, sagt Guntram Wolff, Rüstungsexperte und Volkswirtschaftsprofessor an der Solvay Brussels School. Die Abhängigkeit zu den USA? Gefährlich, so Wolff, weil die USA nun nicht mehr verlässlich seien.
Auch Saab-Chef Johansson wundert sich über die neue amerikanische Sicherheitsstrategie und die Abkehr des Landes von Europa. Dabei produziert die Firma selbst den Motor des Kampfjets Gripen – es ist das Kernstück des Flugzeugs. Eine weitere Produktionsanlage errichtet Saab gerade im US-Bundesstaat Michigan, wo die Produktion 2026 anlaufen soll.
Der neue alte Feind Schwedens
In Linköping, im Süden von Schweden, entwickelt und baut die Firma die Kampfjets. Die Stadt trägt den Spitznamen Flugstadt: Wer von der Autobahn abfährt, wird von den Kampfjets der Firma begrüßt, die neben der Straße ausgestellt sind. Überall, auch an der Arena der Stadt, steht der Name Saab.
Im Büro der Firma zeigt David Moden eine Karte der Ostsee, darauf bewegen sich kleine Punkte: Es sollen mögliche Kriegsschiffe, Panzer, Drohnenschwärme sein. Was zunächst wie ein Computerspiel wirkt, ist das Überwachungssystem Global Eye, das Saab heute zeigt. Aus bis zu 650 Kilometer Entfernung kann es Feinde ausspähen.
„Das System könnte auch an der Grenze zu Russland zur Überwachung genutzt werden“, sagt Moden. Die Bedrohung durch Russland und ein möglicher Angriff auf Nato-Gebiet noch in diesem Jahrzehnt ist hier eine Gefahr, die sich allein schon wegen der geografischen Nähe realer als im Westen Europas anfühlt. Schwedens Armeechef warnte daher schon im vergangenen Jahr: Russland könnte die schwedische Ferieninsel Gotland angreifen.
In Schweden ist die Abneigung gegenüber Russland groß, und das hat eine lange Geschichte. Seit dem Mittelalter bekriegen sich die beiden Länder, ihr Verhältnis ist eine Abwechslung von Phasen der Entspannung und Anspannung. Nachdem Russland die Krim 2014 annektierte und immer wieder in der Ostsee militärische Stärke zeigte, verschickte Schweden, zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges, ein Pamphlet an seine Bevölkerung mit den Worten: „Falls Krieg ausbricht“.
Bis heute erhalten die Schweden diesen Flyer mit genauen Details, wie man sich auf einen Krieg vorbereiten soll. Hier spürt man diese Vorkriegszeit, wie Menschen wie der polnische Ministerpräsident Donald Tusk die Gegenwart nennen. Eine Gegenwart im Dazwischen: kein Krieg, aber auch kein richtiger Frieden mehr.
In einer Fertigungshalle, größer als ein Fußballfeld, stehen drei Flugzeuge herum. Hier baut das Unternehmen das Geschäftsflugzeug Bombardier Global zu einem militärischen Flugzeug mit dem Global-Eye-System um. An der Wand erstrecken sich vier Flaggen der Kundenländer des Unternehmens: Pakistan, Thailand, Brasilien und die Vereinigten Arabischen Emirate, doch keine einzige europäische Flagge. Daneben hängen zwei weiße Plakate mit dem Wort „reserviert“. Schwedische Geschäftsdiplomatie, die Botschaft lautet: Wir wollen hier noch ein paar weitere Flaggen hinhängen. Nur welche?
„Wir wären glücklich, die deutsche Flagge hier anzubringen“, sagt ein Ingenieur. Ein Pressesprecher rudert zurück, natürlich müsse das die Politik entscheiden. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat bereits Interesse bekundet, Deutschland fehlt solch ein Überwachungssystem bisher. Global Eye sei in der „Pole-Position“ dafür, sagte Pistorius.
Für Saab ist Deutschland nach Schweden der wichtigste Markt in Europa: Mit dem Münchner KI- und Drohnen-Start-up Helsing haben sie hier einen KI-Agenten in das Kampfflugzeug Gripen eingebaut, das den Piloten unterstützen soll; den Marschflugkörper Taurus produziert es zusammen mit dem deutschen Unternehmen Diehl Defense, auch weitere Projekte werden in Deutschland umgesetzt.

Der Ruf nach mehr europäischer Kooperation liegt also nicht nur an einer selbstlosen Sorge über ein souveränes Europa, sondern auch an den eigenen Interessen der Firma. Saab will für sich neue Märkte erschließen, durch Kooperationen mit den Firmen vor Ort. Das ist oft der einzige Weg in der Rüstungsindustrie, um in anderen europäischen Ländern Geschäftsfelder zu erschließen. Doch auch der Saab-Chef davor, dass die technologische Unabhängigkeit des Landes gewahrt werden müsse.
Wie also soll ein Europa zwischen Partikularinteressen und einer gemeinsamen Abschreckung aussehen? Wird nur dann kooperiert, wenn es gerade in die eigene Interessenlage passt? „Eine Koalition der Willigen wird in Europa entstehen“, sagt Johansson.
Dass eine solche Koalition auch mal problematisch werden kann, zeigt das einstige europäische Vorzeigeprojekt FCAS. Das steht für „Future Combat Air System“, ein Luftkampfsystem, das Deutschland, Frankreich und Spanien gemeinsam entwickeln wollen. Doch nun könnte das Milliardenprojekt scheitern – wegen Spannungen zwischen den beteiligten Unternehmen Airbus und Dassault.
Er wolle das Projekt nicht bewerten, sagt Johansson, fängt dann aber doch an, FCAS zu kommentieren: „Ich glaube, dass es selten funktioniert, sich nur politisch darauf zu einigen, etwas gemeinsam zu tun.“ Es müsse halt auch die Industrie miteinander können. Ob Saab hier einspringen könne als neuer Projektpartner? Nun, sie hätten immer offene Türen, sagt er – ganz europäisch.





















