Halten wir sie von Kindern fern | ABC-Z

Liebe Leserin, lieber Leser,
diese Szene neulich im Bus hat mich nachhaltig beschäftigt: Es war voll, ich machte Platz für eine Frau, die einen Buggy samt Kleinkind in die Mitte des Busses schob. Sie stellte die Bremse am Buggy fest, klappte den Notsitz aus und schnappte sich ihr Handy. Das kleine Mädchen im Kinderwagen war vielleicht zwei. Es streckte stumm ein Ärmchen aus; die Mutter (ich unterstelle mal, es war die Mutter, genau weiß ich es natürlich nicht) griff in die Tasche, die am Griff des Buggys hing, und zog ein Tablet raus. Dann stellte sie wortlos einen Kanal ein und schon sang eine Frauenstimme in unerträglicher Langsamkeit das alte Kinderlied „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“. Das kleine Mädchen tippte auf dem Tablet herum, die Mutter wischte über den Bildschirm ihres Smartphones.
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Ich ärgerte mich, weil ich wusste, dass ich für den Rest des Tages dieses Kinderlied nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Vor allem aber war ich empört, weil diese Frau dem Kind einfach so das Tablet in die Hand drückte, statt mit ihm zu sprechen. Es gab so viele Eindrücke. Zum Beispiel der Mops, den eine ältere Dame mit zu rotem Lippenstift auf dem Schoß festhielt. Oder der Busfahrer, der Fahrgäste im Eingang anschrie, sie sollen die Tür freimachen.
Kleinkind und iPad: Das passt einfach nicht zusammen
Egal wie kleinkindgerecht die Spiele angeblich sind: Kinder sollten damit nicht allein gelassen werden. Mein Gefühl untermauerte ein Interview, das ich im Radio gehört hatte: Eine Expertin einer Kinder- und Jugendambulanz erklärte darin, was der exzessive Tablet- und Smartphone-Konsum bei Kindern anrichtet: Er verhindere Kommunikation, Wahrnehmung, Interaktion. Die Kinder seien wie verkapselt; was um sie herum passiert, gehe vollkommen an ihnen vorbei.
Ältere Kinder sind eher gefangen in der Social-Media-Welt. Mit allen negativen Folgen, da brauche ich nur die Schlagworte „Mobbing“, „Körperkult“ und „Pornografie“ einzuwerfen. Es ist eine ungefilterte Masse an Information, Lügen, Tipps und schnellen Schnitten. Klar, verantwortlich sind in erster Linie die großen Konzerne in China und den USA. TikTok und Mark Zuckerbergs Meta (Instagram, Facebook, WhatsApp). Und die haben versagt, wenn es um den Schutz der Kinder und Jugendlichen geht.
Birgitta Stauber, Textchefin der Zentralredaktion
© Montage | FMG/Reto Klar/FFS
Die Zeit ist reif für ein Social-Media-Verbot für Kinder
Ich bin ganz klar für ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Nicht, weil ich glaube, dass es so einfach durchzusetzen ist. Aber es wird womöglich zu einem bewussteren Umgang führen, und wenn es nur die Eltern sind, die dann mal genauer hinschauen, was ihre Kinder so machen.
Immerhin wächst inzwischen in der Politik dafür das Bewusstsein – auch weil etwa in Australien seit ein paar Monaten Kinder und Jugendliche nicht mehr legal in den sozialen Netzwerken aktiv sein dürfen. So ist auch in der deutschen Politik ein mögliches Verbot in der Politik angekommen. Julia Emmrich und Christoph Link beschreiben hier, was die CDU auf ihrem Parteitag in der vergangenen Woche diskutiert hat. Damit treffen sie einen Nerv, denn die Mehrheit – über 80 Prozent – spricht sich laut einer Umfrage des ZDF-Politbarometers für ein Verbot aus. Bei den 18-30-Jährigen sind es sogar 84 Prozent. Die jungen Erwachsenen, die mit den sozialen Medien aufgewachsen sind, kennen die Gefahren. Sie wissen, dass selbst ein bewusster Umgang – Stichwort Medienkompetenz – nicht davor schützt, Opfer von Mobbing zu werden.
Miese Reichsbürger-Masche: Wie Unschuldige zu Schuldnern werden
Einen Großteil ihres Erfolgs haben übrigens rechtsextreme Gruppen den sozialen Medien zu verdanken. Das gilt längst nicht nur für die AfD und ihre jungen Ableger, die gerade bei der Rekrutierung von Minderjährigen mit schnellen und handwerklich gut gemachten Reels lange den etablierten Parteien voraus waren. Auch antisemitische Verschwörungstheoretiker, Corona-Leugner oder auch Vertreter der Identitären Bewegung sind in den sozialen Medien aktiv.

Die Reichsbürgerflagge wird oft bei Demonstrationen von Rechtsextremisten geschwenkt.
© picture alliance | Jean MW/Geisler-Fotopress
Die sogenannten Reichsbürger, die den Staat erst gar nicht anerkennen, haben ein ganz anderes Betätigungsfeld entdeckt: Sie schüchtern Menschen, die sie als Gegner sehen, über US-Schuldner-Portale ein. Allein beim Washingtoner Portal landeten 2000 Deutsche, etwa der Bürgermeister von Kleinmachnow Bodo Krause oder der SPD-Finanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil, der brandenburgische Innenminister und sogar Bundespräsident Steinmeier. Aber eben auch Banker oder Behördenchefs. Schulden haben sie keine. Also wozu das Ganze? Den Reichsbürgern gehe es um Machtdemonstration und Einschüchterung, erklärten Experten meinem Kollegen Christian Unger.

Abendessen leicht gemacht: Philipp Luther fastete. Eine Schale Brühe, mehr gab es zehn Tage lang nicht.
© FUNKE Foto Services | Philipp Luther
Philipp fastet – und nimmt schnell ab
Zurück zu Social Media: Dort sind auch selbsternannte Ernährungsexperten. Obwohl ich immer schnell weiterwische, tauchen sie immer wieder in meinem Feed auf. Vielleicht, weil ich so viele Kochvideos schaue. Offenbar ist das Thema Ernährung, vor allem in Kombination mit Diäten, besonders erfolgversprechend. Schließlich gehört das in die Lifestyle- und Longevity-Wolke, auch bei uns klicken diese Themen besonders gut. Allerdings kommen bei uns echte Experten zu Wort, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die forschen über die Folgen von Zucker, die wissen, ob gekochter oder über Nacht gequollener Haferbrei gesünder ist. Und welche Diät als besonders erfolgversprechend gilt (kleiner Spoiler: Es ist die Mittelmeer-Diät.). Mein Kollege Philipp Luther hat es mit Fasten versucht. Und innerhalb weniger Tage ziemlich viel abgenommen. Lesen Sie hier, warum es ihm dabei sogar ziemlich gut ging.
Wenn es um gesunde Ernährung geht, ist das Schwein ziemlich aus der Mode gekommen. Ob zu Recht oder Unrecht, will ich hier nicht beurteilen. Ich selbst esse nur noch Schwein, wenn ich in Italien bin und auf den hauchdünnen luftgetrockneten Prosciutto nicht verzichten will.
Chinesische Landwirte müssten 1,4 Millionen Menschen ernähren: So geht das
In China ist Schweinefleisch fester Bestandteil der Küche. Und in dem Land, in dem 1,4 Milliarden Menschen leben, ist es eine große Herausforderung für die Landwirtschaft, genügend Lebensmittel zu produzieren. Nur Platz gibt es dafür offenbar nicht genug. Ein ehemaliger Zementkonzern erfand nun die Hochhaus-Ställe für Schweine.

In diesem Hochhaus in China leben Schweine.
© laif | The NewYorkTimes/Redux
Einer steht in der Nähe der Metropole Ezhou. Laut unserem Korrespondenten ist es der höchste Stall der Welt. Was die Herausforderungen der Landwirtschaft sind und wie es den Schweinen dort geht, lesen Sie hier.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.
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zu.
Bleiben wir in der Ferne. Sie haben es wahrscheinlich mitbekommen: In Mexiko wurde „El Mencho“, Boss eines Drogenkartells, von mexikanischen Sicherheitskräften getötet. Er war der meistgesuchte Kriminelle des Landes. Danach brannten Autos, bewaffnete Bandenmitglieder zogen durch die Straßen und zündeten Geschäfte an.
Kollegin Anne wanderte aus nach Mexiko. So lebt sie heute mit ihrer Familie
Mexiko gehört mit seinen traumhaften Karibikstränden zu den Sehnsuchtszielen vieler Menschen. Doch nach dem Tod von „El Mencho“ zog der Rauch der vielen Feuer über die Buchen. Meine frühere Kollegin Anne Baumgarten ist dorthin ausgewandert. Mit Mann und zwei kleinen Kindern genießt sie seit Jahren zwar die traumhaften Strände von Playa del Carmen, die freundlichen Menschen, das unkomplizierte Lebensgefühl. Und doch ist da auch die Angst vor der Gewalt, die jederzeit ausbrechen kann. Für uns hat sie aufgeschrieben, wie sie diese Ambivalenz erlebt und vor allem: wie ihre Kinder darauf reagieren. Ich drücke ihr die Daumen, dass das Gefühl, im Paradies zu sein, überwiegt.

Anne Baumgarten lebt mit ihrer Tochter Isabella (4), ihrem Mann Carlos und Sohn Santiago (2) in Playa del Carmen in Mexiko.
© privat | Privat
Hoffnung für die Menschen im Iran?
Für mich bedeutet das Paradies in diesen Tagen, den Mantel beim Spaziergang offen lassen zu können und das Gesicht in die Sonne zu halten. Auch wenn der Splitt noch unter den Schuhen knirscht. Mit meinen Gedanken bin ich allerdings bei den Menschen im Iran. Viele sind zerrissen zwischen Angst vor einem große Krieg und der Hoffnung, es möge endlich zu Ende gehen mit dem Terrorregime der Mullahs. „Wir beobachten in diesen Stunden gespannt die Ereignisse“, sagte mir am Samstag kurz nach dem Angriff der israelischen Armee Mariam Claren. Sie ist die Tochter von Nahid Taghavi, einer deutschen Architekten, die vier Jahre lang im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran einsaß. Lesen Sie hier alle aktuellen Nachrichten zur Lage im Iran.
Wie immer wünsche ich Ihnen einen erholsamen Sonntag. Bleiben Sie zuversichtlich!
Ihre Birgitta Stauber





















