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Hoher Peißenberg: Stefan Schwarzer und die Wetterbeobachtung – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Stefan Schwarzer hat wohl einen der schönsten Arbeitsplätze im Oberland. Der Hohe Peißenberg im Landkreis Weilheim-Schongau ist mit seinen 988 Metern eine der höchsten Erhebungen im Alpenvorland. Das Panorama sucht seinesgleichen: Bei klaren Sichtverhältnissen erstreckt sich im Süden auf 200 Kilometern Breite die Alpenkette; nördlich glänzen der Ammersee und der Starnberger See. Mit etwas Glück ist sogar ein Zipfel des Staffelsees auszumachen. An manchen Tagen wird die atemberaubende Landschaft jedoch zur Nebensache. Das Wolkenspektakel am Himmel zieht alle Blicke auf sich. Auch die von Stefan Schwarzer. Er ist gelernter Wetterbeobachter.

Seit 30 Jahren arbeitet Schwarzer beim Deutschen Wetterdienst (DWD). Heute nicht mehr als Wetterbeobachter, sondern als Programmierer. Nachdem er den Beruf des Fernsehtechnikers erlernt hatte, habe er sich umorientiert, erzählt der 52-Jährige. 1997 war er mit seiner zweijährigen Ausbildung zum Wetterbeobachter fertig – ein Beruf, den es so heutzutage nicht mehr gibt. Wetterbeobachter wurden früher häufig auf Flughäfen eingesetzt. Die Ausbildung sei praxisorientiert gewesen, berichtet Schwarzer. Wolken zu beobachten, war ein wichtiger Bestandteil. „Damals gab es keine Webcams oder ähnliches.“

Seine erste Station danach führte ihn auf die Zugspitze. Elf Jahre war die Wetterstation des DWD dort sein Zuhause. Eine intensive Zeit, erinnert sich Schwarzer. „Es ist schon beeindruckend, wenn man auf dieser Höhe einem Gewitter ausgesetzt ist und die Blitze nur so einschlagen“, sagt er, „eine ganz andere Perspektive eröffnet sich da.“

Das „analoge“ Beobachten der Natur, um herauszufinden, ob mit Gewittern, Stürmen oder anderem zu rechnen ist, ist längst automatisierten und digitalisierten Vorgängen gewichen. Das Wetter wird von Stationen auf der Erde, Wetterballons, Satelliten und Flugzeugen in der Atmosphäre beobachtet. Die gesammelten Daten werden an Supercomputer gesendet, die diese anhand von Wettermodellen auswerten und so Vorhersagen erstellen.

Die Wetterstation des DWD auf dem Hohen Peißenberg. Dort findet Grundlagenforschung statt. (Foto: Alexandra Vecchiato)

Das Programmieren habe er schon im Alter von acht Jahren begonnen, nun habe er es zu seinem Beruf gemacht, erzählt Schwarzer weiter. Wetterbeobachter gibt es nämlich auch im Observatorium auf dem Hohen Peißenberg nicht mehr. Dort arbeiten etwa 60 Personen ganz im Zeichen der Wissenschaft. Denn das Wetter sei noch längst nicht erforscht, weiß Schwarzer. Es gebe noch vieles zu entdecken, zumal sich in den vergangenen Jahren extreme Wetterphasen gehäuft hätten. „Zumindest sind die Abstände kürzer geworden“, sagt der 52-Jährige.

Mit den Wetterbeobachtern sei viel Wissen verloren gegangen, sagt Schwarzer. Allerdings seien die Wettermodelle des DWD „wirklich gut“. Auch wenn er nur noch als „Automat“ im Observatorium arbeite, wie er ironisch anmerkt, hat ihn die Faszination des Beobachtens nie losgelassen: „Wetter ist mein Ding.“

Der Hohe Peißenberg wird wegen seines Alpenpanoramas auch „bayerischer Rigi“ genannt in Anlehnung an den Berg Rigi in der Schweiz.
Der Hohe Peißenberg wird wegen seines Alpenpanoramas auch „bayerischer Rigi“ genannt in Anlehnung an den Berg Rigi in der Schweiz. (Foto: Alexandra Vecchiato)
Nicht nur Berge, auch Seen (im Bild der Ammersee) sind dem Blick geboten. Auf der rechten Seite klein zu erkennen die denkmalgeschützte Satelliten-Bodenstation in Raisting (Radom).
Nicht nur Berge, auch Seen (im Bild der Ammersee) sind dem Blick geboten. Auf der rechten Seite klein zu erkennen die denkmalgeschützte Satelliten-Bodenstation in Raisting (Radom). (Foto: Alexandra Vecchiato)

Nebenbei betreibt Schwarzer auf Facebook die Seite „Private Wetterstation Peißenberg“. Seine lokalen Vorhersagen sind gefragt, die Community wächst. Follower hat Schwarzer nicht nur in seinem Heimatlandkreis. Auch in Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen und darüber hinaus verfolgen Interessierte die Prognosen und Wetterkarten. Insbesondere wenn sich Gewitterzellen durch das Oberland schieben, hält Schwarzer die Gruppe auf dem Laufenden und aktualisiert stetig die neuesten Trends. Das kann schon mal bis tief in die Nacht gehen. Videos, Karten, Statistiken – alles frei Haus. Selbst aus dem Urlaub meldet sich der Peißenberger, um seine Follower auf dem Laufenden zu halten.

Spätestens seit der Hagel-Katastrophe im August 2023 ist das Interesse für präzise, örtliche Wettervorhersagen gestiegen. Unter anderem wurde das Klosterdorf Benediktbeuern verwüstet. Schwarzer kann sich noch gut an jene Tage erinnern. Dass sich etwas zusammenbrauen könnte, sei zu erkennen gewesen. „Doch so ein Ausmaß …“ Schwarzer war damals einer der ersten Helfer, die im ebenfalls zerstörten Bad Baiersoien eintrafen.

„Wetter ist wie das Zubereiten eines Gerichts“, meint der 52-Jährige. Manchmal seien alle Zutaten für ein Unwetter da, doch dann komme keines. Das mache die Faszination aus. Was ihm allerdings aufstoße, sei die wachsende Sensationslust: Jedes Gewitter, jeder Schneefall werde zur Katastrophe hochstilisiert – oder zumindest zur Schlagzeile, wie etwa der Schneefall im Sommer auf der Zugspitze. „Dabei ist das im Rahmen“, erklärt Schwarzer. Auf Facebook betreibt er Aufklärung und beschreibt, wie Statistiken manipuliert werden können. Zumindest sei deren Interpretation durch manch bekannte Wetterexperten nur durch die Gier nach medialer Aufmerksamkeit getrieben, so Schwarzer.

Der Hagelsturm im August 2023 zerstörte unter anderem weite Teile der Gemeinde Benediktbeuern. Das Kloster mit seinen Einrichtungen ist bis heute noch nicht wieder komplett hergestellt.
Der Hagelsturm im August 2023 zerstörte unter anderem weite Teile der Gemeinde Benediktbeuern. Das Kloster mit seinen Einrichtungen ist bis heute noch nicht wieder komplett hergestellt. (Foto: Harry Wolfsbauer)
Kaum ein Dach blieb im Loisachtal heil.
Kaum ein Dach blieb im Loisachtal heil. (Foto: Manfred Neubauer)

Soziale Medien als Plattform für einen privaten Wetterdienst zu nutzen, sei ihm nicht gleich in den Sinn gekommen. „Ich hatte eigentlich kein Interesse an Facebook“, bekennt er. Aber dann traf das Hochhochwasser 2016 seinen Heimatort Peißenberg.  Die Menschen wollten und brauchten solide Informationen. Die Idee für eine Gruppe auf Facebook war geboren. „Eher experimentell von meiner Seite aus. Doch die Leute waren plötzlich interessiert.“

Schwarzer entwickelte eine Hochwasser-App, ein Warnsystem, für den Markt Peißenberg. Momentan arbeitet er an der zweiten Version. „So komme ich an viele Daten, die ich für meinen Wetterdienst nutzen kann.“ Als begeisterter Bergsteiger behält er auch das Geschehen in den Alpen im Blick. Dass Menschen immer wieder selbstverschuldet in Bergnot geraten, ärgert ihn. „Alle haben die Infos in der Hosentasche“, sagt er mit Verweis auf die über Smartphone verfügbaren Informationen. „Das Wetter betrifft uns halt tagtäglich.“ Man müsse nur wieder lernen, den Himmel zu deuten.

Stefan Schwarzer bietet Gruppenführungen im Observatorium des Deutschen Wetterdienstes auf dem Hohen Peißenberg an. Zu buchen auf der Homepage des DWD unter www.dwd.de

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