„Hier darf man so sein, wie man ist“ | ABC-Z

In dem großen Raum mit hell-braunem Parkett strecken elf Kinder die Arme über ihre Köpfe, „eins, zwei, drei, vier“, zählt die 29-jährige Tanzpädagogin Ronja Schäble im Takt zu dem Hip-Hop-Song „Turning Point“ und leitet die Kinder an. Manche beobachten sich konzentriert in dem großen Spiegel, andere albern herum, kommen aus dem Rhythmus. In der ersten Reihe tanzt die neunjährige Clara mit geröteten Wangen – während der letzten Beats ruft sie „Pause, Pause, Pause“ und lässt sich lachend auf den Boden fallen. „Hier ist egal, ob man etwas kann oder nicht. Hier darf man einfach so sein, wie man ist“, sagt Clara.
Hier in der Paul-Zobel-Straße 9, in dem flachen Kasten mit blauem Zaun, weiß-blauer Fassade und dem blauen Schriftzug „blu:boks Berlin – die Selbstwertmanufaktur“ werden Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Lebenslagen unterstützt. Der Name der Einrichtung spielt auf das Blue-Screen-Verfahren an, eine Filmtechnik, um Menschen vor einem anderen Hintergrund zu platzieren. Das Konzept wird hier symbolisch auf junge Menschen übertragen: Hier, mitten in Lichtenberg, umringt von Hochhausblocks, können sie sich kreativ, künstlerisch ausleben, neue Perspektiven bekommen und werden so in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestärkt.
blu:boks in der Paul-Zobel-Straße Lichtenberg: Hier können Kinder sich kreativ ausleben.
© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen
blu:boks Berlin – Mit diesen Probleme haben die Kinder in Lichtenberg zu kämpfen
Was 2009 mit einem kleinen Team von Ehrenamtlichen angefangen hat, ist heute zu einer festen Einrichtung mit Kita, Theaterbühne und Café geworden – die Kita wird vom Senat finanziert, die anderen Angebote sind auf Spenden angewiesen. Berliner helfen e. V., der Verein der Berliner Morgenpost, unterstützt blu:boks Berlin mit einer Spende aus der Jubiläumsspendenaktion.
An mehreren Tagen in der Woche gibt es kostenfreie Workshops für Schauspiel, Chor und Musik für Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters.
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Die Probleme, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, seien ganz unterschiedlich, sagt Geschäftsführer Carsten Mollica. Manche würden zu Hause Gewalt erfahren, manche fehle seit der Corona-Pandemie der Anschluss und manche hätten finanziell bedingt nicht die Möglichkeit dazu, sich kreativ auszuleben – Rund
13. 500 Kinder sind in Lichtenberg armutsgefährdet. „Wir machen Kinder stark, egal, wo sie herkommen. Wir schicken niemanden weg, sondern wollen ihnen das Gefühl geben, niemals zu viel zu sein“, sagt Mollica.
Clara (l.) und Naomi bei blu:boks in der Zobelstraße.
© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen
Neunjährige: „Mir gefällt, dass die Mitarbeiter sich Zeit nehmen“
Während der Workshops – heute steht Tanzen für Acht- bis ElfJährige auf dem Programm – ist zwischendurch deshalb auch Zeit, um über das zu sprechen, was die Kinder beschäftigt. In kleinen Gruppen sitzen sie im Raum verteilt auf dem Boden und erzählen von ihren Wünschen, Erlebnissen und Problemen. Clara wird dabei kurz ernst und erzählt auf dem Rücken liegend, dass sie heute Stress in der Schule hatte. Was genau passiert ist, möchte sie nicht erzählen, aber sie sagt, dass ihr das im Kopf herumgeht. „Mir gefällt, dass die Mitarbeiter sich Zeit nehmen, um über Probleme zu reden“, sagt die Neunjährige und spielt verlegen an einem ihrer blauen Ohrringe.
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Clara macht schon seit mehreren Jahren regelmäßig bei verschiedenen Workshops von blu:boks mit – das helfe ihr dabei, sich zu entspannen, sagt sie. Konzentriert hüpft sie bei einem Spiel durch ein paar Hula-Hoop-Reifen, die auf dem Boden liegen, in der Pause erzählt sie begeistert von ihrem Lieblingsschauspieler Johnny Depp, kichert mit einer Freundin und als es um das Konzept für ihren gemeinsamen Tanz geht, meldet Clara sich gleich mehrmals und sprudelt nur so vor Ideen.
Clara (l.) mit Tanzpädagogin Ronja Schäble beim Tanz-Workshop in Lichtenberg.
© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen
So wird den Kindern das Gefühl von Selbstwirksamkeit gegeben
Das war nicht immer so: Tanzpädagogin Schäble erzählt, dass Clara anfänglich sehr schüchtern gewesen sei, sich vieles nicht getraut habe. Mit der Zeit sei sie mehr und mehr aus sich herausgekommen, habe gelernt, für sich einzustehen und ihren Standpunkt zu vertreten. „Inzwischen steht sie selbstbewusst auf der Bühne und man sieht dabei den Stolz in ihren Augen“, sagt Schäble. Auch darum geht es hier: Den Kindern das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu geben, ihnen zu zeigen, was sie alles drauf haben und dass sie die Gesellschaft mit verändern können. Deshalb bringen die Kinder ihre eigenen Ideen ein, entwickeln gemeinsam etwas und haben immer ein Ziel vor Augen – etwa eine Tanzaufführung.
Neben Clara wirbelt in der ersten Reihe die ebenfalls neunjährige Naomi in einem T-Shirt mit Pailletten-Schmetterling durch die Gegend. Das in Indien geborene Mädchen spricht mit ihren Eltern englisch und erzählt, dass sie in der Schule deshalb Probleme im Deutschunterricht habe. Hier ist das egal, hier ist sie zum Spaß haben – und zum Ausprobieren. „Zu Hause bin ich vielleicht mal draußen oder am iPad. Aber hier kann ich mal ganz was anderes machen“, sagt die Neunjährige.
















