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Almpflegemaßnahmen im Naturpark Karwendel: Ein Tiroler Freiwlligenprojekt mit Vorbildcharakter – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Aus der Überforderung heraus hat sich im größten Schutzgebiet Tirols, dem Naturpark Karwendel, über eineinhalb Jahrzehnte lang ein Freiwilligenprogramm mit Vorreitercharakter entwickelt. Für das „Team Karwendel“ steht ein Pool von um die 500 Personen bereit, welche die Ranger der Naturpark-Verwaltung bei Pflegemaßnahmen auf den Almen, Natur- und Artenschutzprojekten unterstützen. „Für uns ist das eine riesige Erleichterung. Viele Sachen könnten wir ohne Freiwillige nicht bewältigen“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Marina Hausberger, die das Team Karwendel hauptverantwortlich koordiniert.

Als Besucher im Jahr 2011 große Müllansammlungen im Hafelekar an der Nordkette oberhalb der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck meldeten, war die Menge für die fest angestellten Ranger einfach zu viel. Das Naturpark-Team startete einen Aufruf über Social-Media-Kanäle und Tourismusverbände, um Helfer zu finden. Die Stadt Innsbruck und das Land Tirol unterstützten die Aktion. „Das war die Geburtsstunde des Freiwilligenteams“, schildert der Naturpark-Geschäftsführer Anton Heufelder.

Mit vereinten Kräften gelang es, die Müllmengen zu entfernen. „Andere Regionen haben uns als Vorbild genommen“, erzählt Heuberger. „Team Ammertal“ nennt sich etwa ein Pendant in der Region der bayerischen Ammergauer Alpen. Auch auf der bayerischen Seite des Karwendelgebirges würde man den Tiroler Nachbarn gerne nacheifern. Allerdings steht man hier beim Einsatz von Freiwilligen noch ganz am Anfang.

Mit dem Team Karwendel setzt die Naturpark-Verwaltung aktuell etwa ein Dutzend Projekte im Jahr um. Zu den Zielen zählt es beispielsweise, Büsche, Steine oder Unkraut auf Almen zu entfernen. Damit helfen die Freiwilligen, dass die sommerlichen Viehweiden am Berg nicht zuwachsen, sich seltene Pflanzenarten wie Enzian oder Orchideen sowie Insekten besser entwickeln können. Oder es geht darum, die jung nachwachsenden Bäume im Großen Ahornboden durch Zaunbau und -reparaturen vor Wild- und Weideviehverbiss zu schützen.

Heuer entfernte das Team Karwendel etwa Algen und Wasserlinsen aus den Teichen an der Walderalm oberhalb des Vomperlochs. Diese Pflanzenarten vermehrten sich in der Vergangenheit teils so stark, dass die Gewässer zuzuwachsen drohten. Verantwortlich dafür war zu hoher Nährstoffeintrag, der womöglich mit den unmittelbar benachbarten Weideflächen zusammenhing. Auf Initiative des Vereins „Wax und Wiach“ begann der Naturpark Karwendel ein Renaturierungsprojekt. Für kontinuierliche Pflegemaßnahmen unterstützen die über die Plattform „Team Karwendel“ zusammengeschlossenen Freiwilligen die Hauptamtlichen.

Sponsoren unterstützen im Karwendel die Projekte

Aus dem großen Pool finden sich zwar laut Hausberger immer genügend Helfer. „Die Aktionen sind immer ausgebucht“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des Naturparks. Es existieren aber auch Obergrenzen, da viele Projekte mit zu vielen Personen nicht zu koordinieren sind. Denn für manche Maßnahmen müssen die Freiwilligen etwa am Berg übernachten, wo allerdings Schlafkapazitäten begrenzt sind. Für die Projekte stellt eine Genossenschaft etwa Brotzeiten bereit, andere Unternehmen stellen Werkzeuge oder sponsern die geleistete Arbeitszeit.

Auch das Zusammenrechen von Heu gehört zu den Aufgaben, die das Team Karwendel übernimmt. (Foto: M. Hausberger)

„Aus Naturschutzsicht ist das Team Karwendel wichtig“, so Hausberger. Die Landwirte könnten Arbeitskräfte, um Almen freizuhalten heute vielfach nicht mehr bezahlen. Gleichzeitig baue das Projekt gegenseitige Vorurteile ab. Die Freiwilligen würden für die wertvolle Tätigkeit der Bauern sensibilisiert. Durch den regelmäßigen Kontakt sei das Verhältnis zu den Landwirten gestärkt worden. Das habe geholfen, die grundsätzliche Skepsis so mancher gegen Naturschutzmaßnahmen abzubauen. „Das ist ein Geben und Nehmen“, sagt Hausberger.

Margret Hütt ist Alpengebietsbetreuerin des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen und kann nur in Ausnahmefällen auf Freiwillige zurückgreifen..
Margret Hütt ist Alpengebietsbetreuerin des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen und kann nur in Ausnahmefällen auf Freiwillige zurückgreifen.. (Foto: Manfred Neubauer)

Auf bayerischer Seite grenzt im Norden das Naturschutzgebiet Karwendel und Karwendelvorgebirge an, das teils im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, teils im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen liegt. Im letzteren Zuständigkeitsbezirk ist Margret Hütt als Alpengebietsbetreuerin in Vollzeit angestellt. Eine halbe Stelle steht zusätzlich für eine weitere Unterstützerin bereit. Auf Initiative von Hütt sind in der Region zwar ein paar Freiwilligenaktionen angelaufen. Dafür wurde etwa mit dem Alpenverein oder dem Bund Naturschutz zusammengearbeitet. Doch das Projekt in größerem Umfang zu institutionalisieren, gestaltet sich schwierig.

Einen Erklärungsansatz könnte die Situation der Kreisorganisation des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) liefern. Von zehn bis fünfzehn jährlichen Pflegemaßnahmen ihres Vereins im Alpenvorland spricht die Geschäftsstellenleiterin Sabine Tappertzhofen. Um etwa die wichtigen Projekte zur Streuwiesenmahd organisieren zu können, braucht es mehrere trockene Tage unmittelbar davor. Daher müsse sie oft kurzfristig Helfer finden.

Die Tiroler sind  den Bayern eineinhalb Jahrzehnte voraus, sagt die LBV-Kreisgeschäftsstellenleiterin

Das sei bei 160 Freiwilligen im Pool teils gar nicht so einfach, sagt Tappertzhofen. In den Gebirgsregionen komme noch die abgelegene Lage hinzu. „Ich kann ja die Leute nicht eine Stunde laufen lassen, um zu arbeiten“, sagt die Leiterin der LBV-Kreisgeschäftsstelle. Zudem sei die Alpengebietsbetreuerin erst seit dem Vorjahr damit beschäftigt, ein Freiwilligenteam aufzubauen. Der Naturpark Karwendel habe mehr Ranger und sei auch bei den Freiwilligen eineinhalb Jahrzehnte voraus. Das sei zu berücksichtigen, sagt Tappertzhofen.

Tatsächlich dauerte es auch im Naturpark Karwendel, ein Freiwilligen-Team aufzubauen. Die Resonanz sei in den ersten Jahren eher klein gewesen, sagt Hausberger. Inzwischen wurde das Team Karwendel mit dem Österreichischen Kulturlandschaftspreis für Leistungen zur Umweltbildung und für den Naturschutz ausgezeichnet.

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