Berlin

“Ich habe keine schlechten Zeiten mitgemacht – auch nicht in der DDR” | ABC-Z

An der Tanke in Brandenburg

“Ich habe keine schlechten Zeiten mitgemacht – auch nicht in der DDR”


Bild: rbb

Fast jeder kommt mal an der Tanke vorbei. Zwei rbb|24-Reporter sprechen Leute an der Zapfsäule in Brandenburg an und fragen, was sie umtreibt. Heute: ein Rentner mit bewegter Geschichte und illustren Bekanntschaften.

rbb|24 will mit den Gesprächsprotokollen, die “An der Tanke” entstanden sind, Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben die Meinungen der Gesprächspartner wieder.

Wer: Rentner
Alter: 89 Jahre
Uhrzeit: 10:28 Uhr
Getankt: nichts, mit dem Fahrrad da
Woher: zu Hause
Wohin: zur Kneipe zum Kaffeetrinken

 

Er rollt langsam auf seinem blauen Fahrrad in den Tankstellenbereich. Nach einem Interview gefragt, strahlt er breit und bleibt stehen. Er hat offensichtlich einiges zu erzählen.

Ich wohne hier am Kloster. Und wollte jetzt zur nächsten Kneipe, da wo es Kaffee gibt. Der dritte heute schon!

Ich war 41 Jahre selbstständig, als Karosseriebauer. War ein schöner Beruf, interessanter Beruf. Den Betrieb führt jetzt mein Sohn, wir haben noch zehn Mitarbeiter. Wir sind während des Krieges 1942 irgendwann hierher gezogen, zu meinem Großvater – weil das in Berlin mit den Luftangriffen immer mehr zunahm.

Wir haben damals für die Wehrmacht gearbeitet und nach dem Krieg eben für die Volksarmee. Das haben wir bis zur Wende gemacht. Wir haben auch immer auf der Leipziger Messe ausgestellt, Kofferanhänger gebaut, speziell für die Barkas, die die Staatssicherheit hatte – für die Anhänger, wo die Koffer reinkamen.

Er spricht langsam und nimmt sich Zeit, manchmal überlegt er, bevor er spricht. Oft antwortet er mit einem langgezogenen “Joooaa”. Auf dem Kopf trägt er die Kappe einer Segelregatta.

Ich war fünf Mal DDR-Meister im Segeln, ich kenne mich mit allem so ein bisschen aus.

Er wirkt stolz, während er erzählt.

Ich war auch NSW-Reisekader. Bin aber nicht weit gekommen, nur bis Jugoslawien und Österreich. Da hat man mir gesagt: “Was wollen Sie in der Sowjetischen Besatzungszone? Sie können doch auch bei uns als Trainer arbeiten.” Aber ich wollte dort nicht bleiben. Das kam nicht in Frage. Weil das hier meine Heimat ist. Lindow ist so ein schöner Ort. Es war auch alles gut hier.

Mein Vater wollte nicht, dass ich Fußball spiele, und so bin ich zum Segeln gekommen. Wann ich das letzte Mal auf dem Boot stand? Boah, das ist auch schon wieder eine Weile her.

Er lacht.

Aber ich habe noch ein Boot, ich mache hier auch noch den Übungsleiter und kümmere mich um die Kinder. Unsere Kinder sind segeltechnisch so gut, dass sie runterfahren bis zum Gardasee und Regatten fahren.

Mir geht es an und für sich gesundheitlich gut, ich habe keine Gebrechen. Fahre täglich mit dem Fahrrad zum See runter oder zur Gaststätte. Das Leben im letzten Jahr ist normal abgelaufen.

Wir kommen auf die Deutsche Einheit zu sprechen – kürzlich war der 35. Jahrestag. Die Frage, ob das für ihn ein Grund zum Feiern sei, beantwortet er schnell:

Eindeutig ja.

Weil die Einheit uns überhaupt weitergebracht hat. Sonst wären wir ja in der DDR weiter verkümmert. Das hat schon große Fortschritte gebracht. Manche sehen das anders, aber ich sehe das so.

Meine Verwandten sind mehr oder weniger alle im Westen. Ich durfte die früher alle besuchen. Wenn ich nach West-Berlin gefahren bin, habe ich immer Brötchen beim Bäcker vor Berlin gekauft – die haben sich immer über unsere Brötchen gefreut – die haben besser geschmeckt als die aus dem Westen.

Wir beenden das Gespräch – vorerst – er fährt mit dem Fahrrad davon. Der Tankstellen-Chef ruft beim Vorbeigehen: “Der kennt’ se alle.” Ein paar Minuten später kommt er wieder mit seinem Fahrrad vorbeigerollt, in der Hand eine Mappe – voll mit Zeitungsartikeln über seine Zeit als Segler, seinen diamantenen Meisterbrief – und Fotos mit diversen Politikern – Dietmar Woidke, Manfred Stolpe, Kai Wegner – Bilder eines bewegten Lebens.

Ja, ich kannte nen Haufen Leute, ja ja. Ich sage mal so, ich habe keine schlechten Zeiten mitgemacht – auch nicht in der DDR. Ich kann das auch nicht schlechter reden als es war. Ich hatte auch immer was zu tun.

Das Gespräch führte Jonas Wintermantel, rbb|24

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