Kultur

“Tatort” Schwarzwald: Der Wolf stirbt immer | ABC-Z

In den Credits des neuen Schwarzwald-Tatorts: Das jüngste
Geißlein
(SWR-Redaktion: Katharina Dufner) taucht unter
“Besetzung” der Name Jacqueline Rietz auf. Ein Zeichen dafür, dass
echte Kinder und Jugendliche im Film mitspielen; Rietz’Agentur ist auf
Personal in der Altersspanne von sechs bis Anfang 20 spezialisiert. Das Drehen mit
Minderjährigen ist aufwendig, weil strengere Vorschriften kürzere Arbeitszeiten
verordnen. Deshalb greifen Filmproduktionen bei Teenagern öfter auf
ältere, erwachsene Darstellerinnen zurück
– auf Kosten stimmiger Besetzung.

Die Hauptfigur Eliza wird in Das jüngste Geißlein von
Hanna Heckt (geboren 2015) gespielt, deren eindrucksvolles Gesicht vom Plakat
des deutschen Cannes-Darlings
und Oscar-Kandidaten In die Sonne schauen
blickt. Der wegen des letzten Mals vom Dienst suspendierte Kommissar Berg (Hans-Jochen
Wagner) entdeckt das Mädchen im leeren Haus; hingefahren ist er auf Bitten der Bäckersfrau (Michaela Caspar),
bei der Elizas Mutter arbeitet, die an diesem Tag aber nicht zum Dienst gekommen ist.
Ergebnisorientiert betrachtet könnte man sagen, dass damit schon die
Täterin gefunden ist. Das traumatisierte Kind, das nicht spricht
(“Mutismus”), lebt in einer märchenhaften Welt, in der erst der neue
Freund der Mutter und dann die pelzbemantelte Mutter selbst als Wolf erscheinen, den es mit einem
Küchenmesser zu töten gilt.

So aufgeschrieben, klingt die Handlung blöde. Weil im Film
anders als im Fußball aber die Spielzüge entscheidend sind, ist dieser Tatort
ein sehr schöner. Ein kluges Beispiel dafür, wie sich aus einer einfachen, auf
dem Papier abwegig wirkenden Plot-Idee eine atmosphärische, präzise Erzählung
entfalten lässt (Drehbuch: Ulrike Schölles und Regisseur: Rudi Gaul).

Das Schweigen des Kindes setzt die Ermittlung in Gang. Die
Polizei muss sich ein Bild machen, von dem, was geschehen ist, und verfolgt bei
der Suche nach der verschwunden geglaubten Mutter Annahmen (häusliche Gewalt),
die wieder verworfen werden müssen. Der dosierte Horror kommt über das
schaurige Märchen der Grimms in den Tatort. Die Sprecherin aus dem Off am Anfang des Films wird an einem bestimmten Punkt erkennbar als die Stimme, die Eliza auf der Kassette im altmodischen
Walkman hört.

Wenn man solche Details lobt, klingt das nach B-Note, nach
einem Außerdem, das zu einem herausragenden ARD-Sonntagabendkrimi auch noch
gehört. In Wahrheit macht die Genauigkeit im Kleinen das Gelingen aus. Die
Betrachterin bekommt durch
vermeintliche Details ein tiefes Verständnis  der Figuren.

Wenn es etwa darum geht, Berg in Das jüngste Geißlein zu
integrieren, obwohl der doch nicht arbeiten darf. Er entdeckt das Mädchen, das sich wie im Märchen in
einem Uhrenkasten versteckt und nähert sich ihm behutsam, indem er zur
Beruhigung Frère Jacques singt, was eine spezifisch deutsche (das
Märchen) mit einer spezifisch französischen Kultur verschweißt (dem Kanon),
weil es in dem Lied auch um Glockenschläge und Zeit geht. Die
schweigende Eliza spricht dann später auf dem Revier mit Berg, den sie für
ihren Retter hält – eine Verbindung, die auf der Tonebene durch eine Variation des
Kanons bedeutet wird (Musik: Verena Marisa).

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