Kultur

9-Stunden-Film auf der Berlinale: Bomben, Flugzeuge, Schüsse und Schreie | ABC-Z

Gerade die Forum-Sektion der Berlinale hat im Lauf der Jahre immer wieder überlange Filme gezeigt, acht, neun Stunden lange Werke, die abseits dieser Festivalvorführungen kaum einmal im Kino zu sehen waren. „Satanstango“, das Meisterwerk des kürzlich verstorbenen Béla Tarr, erlebte etwa im Forum seine Weltpremiere, ebenso wie Claude Lanzmans „Shoah“.

An diesen epochalen Dokumentarfilm muss man während der rund neuneinhalb Stunden denken, die sich Haile Gerima für seinen Film „Black Lions, Roman Wolves“ Zeit lässt. Der befasst sich mit einer im Westen – zumindest außerhalb Italiens – wenig bekannten historischen Phase: der italienischen Besetzung Äthiopiens zwischen 1935 und 1941. Manche Historiker betrachten diese Phase als vergleichbar mit einer Kolonialisierung. Eine Ansicht, die nicht allgemein geteilt wird und der besonders in Äthiopien selbst vehement widersprochen wird.

Denn aus der Position, als einziges Land auf dem afrikanischen Kontinent nie kolonialisiert worden zu sein, leitet Äthiopien sein Selbstverständnis ab, was auch zur Verklärung des damaligen Kaisers Haile Selassie als Wiedergänger Christi führte, was wiederum die Rastafaribewegung inspirierte.

Der Film

„Black Lions, Roman Wolves“:

18. 2., 10 Uhr, Cinemaxx (Teil 1-2)

18. 2., 14.30 Uhr, Cinemaxx (Teil 3-5)

So oder so muss man den erfolgreichen Widerstand gegen das faschistische Italien fraglos als einen der großen und auch raren Momente sehen, in denen ein Land aus der – heute als Globaler Süden bezeichneten – Region, dem Norden, der westlichen Welt die Stirn geboten hat. Überspitzt gesagt wurde mit Speeren gegen Panzer gekämpft, auch gegen den virulenten Rassismus einer Zeit, der auch die Politik von Nationen beeinflusste, die am Krieg in Äthiopien nicht beteiligten waren. Dieser Rassismus beeinflusste auch die Politik der League of Nations, der Vorgängerorganisation der Vereinten Nationen, die ihrer Rolle nie gerecht wurde.

Beschaffung des Bildmaterials war schwierig

Ein großer Stoff also, ein faszinierendes Sujet, das es wert wäre, einem breiteren Publikum gerade im Westen die Augen zu öffnen. Diesen Versuch unternimmt der inzwischen fast 80-jährige Haile Gerima, einer der renommiertesten Regisseure des afrikanischen Kontinents, der dieses Jahr mit einer Berlinale Kamera geehrt wird. Seine Filme „Bush Mama“ oder „Sankofa“ zählen zu den Klassikern des afrikanischen Kinos. Letzterer wurde 1993 sogar im Wettbewerb der Berlinale gezeigt, während Gerimas bislang letzter Film, „Teza“, 2008 mit dem Hauptpreis des Fespaco ausgezeichnet wurde, des wichtigsten Filmfestivals Afrikas.

Nicht erst seit diesem Erfolg arbeitet Gerima an „Black Lions, Roman Wolves“. In seinem Voiceover-Kommentar beschreibt Gerima seinen seit 30 Jahren währenden Wunsch, dieses Projekt zu realisieren, was sich besonders durch die Beschaffung des Bildmaterials schwierig gestaltete. Zwar wurden während des sechsjährigen Krieges enorme Mengen Material gedreht, doch die verschwanden nach der italienischen Niederlage in den Archiven des Landes und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Archiven der Siegermächte.

Berechtigterweise prangert Gerima dies als weiteren Affront an, der es afrikanischen Nationen schwer macht, ihre eigene Geschichte zu reflektieren. Diese Lücke versucht Gerima nun zu füllen, tut dies allerdings auf eine Weise, die nicht unproblematisch erscheint.

Triumphaler Sieg der Äthiopier

In fünf zwischen etwa 90 und 120 Minuten langen Kapiteln zeichnet Gerima die Geschichte der italienischen Besatzung nach, von der Vorgeschichte über Invasion und Guerillakrieg bis zum triumphalen Sieg der Äthiopier. Nach einer kurzen Passage, in der Gerima über die Geschichte seiner eigenen Familie spricht und die Rolle, die sein Vater, ein bekannter Autor und Historiker, in seiner Entwicklung spielte, überlässt er Historikern die Bühne, und zwar ausschließlich einheimischen.

Sie erinnern zunächst an die legendäre Schlacht von Adua, bei der 1896 italienische Truppen bei dem Versuch, Äthiopien, beziehungsweise Abessinien, wie es damals noch hieß, zu erobern, eine katastrophale Niederlage erlitten. Ein Stachel im Fleisch der „römischen Wölfe“, was knapp 40 Jahre später unter dem faschistischen Regime Mussolinis wettgemacht werden sollte.

Dieser zunehmend agitatorische Dokumentarfilm gibt sich wenig Mühe, sein Thema von allen Seiten zu beleuchten

Eindringliche Bilder von den Reden des „Duce“ hat Gerima zusammengetragen, die den Fanatismus zeigen, der nach Kolonien verlangte, nach Siegen in Ostafrika, nach einer Wiedergutmachung der als Schande empfundenen Niederlage. Eine Haltung, die sicher auch zu der besonderen Brutalität führte, mit der Italien in Äthiopien vorging: Als westliche Industrienation war die italienische Armee ohnehin weit überlegen, über den Suezkanal wurden Unmengen an Waffen, Panzern und Bomben ans Horn von Afrika verfrachtet und über die italienische Besetzung im heutigen Somalia und Dschibuti an die Grenzen von Äthiopien gebracht.

Geächtete Waffen eingesetzt

Äthiopien dagegen wurde vom internationalen Handel weitestgehend isoliert, moderne Waffen fanden nur spärlich den Weg ins Land. Doch trotz des ungleichen Kampfes ließ der Widerstand nicht nach. Und das war schließlich Anlass für Italien, sich einer Waffe zu bedienen, die einige Jahre zuvor, während des Ersten Weltkriegs, ihre grauenhafte Zerstörungskraft gezeigt hatte: Giftgas.

Zehntausende Todesopfer verursachte der Einsatz von Gift- und Senfgas, oft auch unter der Zivilbevölkerung. Schwer zu ertragende Bilder zeigt Gerima hier, zumal er zu Recht aufführt, dass Italien sich auch nach seiner Niederlage nie für den Einsatz dieser Waffe vor internationalen Organisation verantworten musste.

So verständlich und berechtigt diese Anklage auch ist, führt sie doch auch zu den Problemen eines zunehmend agitatorischen Dokumentarfilms, der sich wenig Mühe gibt, sein Thema von allen Seiten zu beleuchten.

Stilistisch experimentell, inhaltlich agitatorisch

Als Erzähler dienen besagte äthiopische Historiker, hinzu kommen Zeitzeugen, was nicht zuletzt andeutet, wie lange Gerima schon an diesem Film arbeitet. Wer allerdings nicht zu Gehör kommt, sind italienische oder internationale Wissenschaftler. Eine Lücke, die fragwürdige Aussagen unkommentiert im Raum stehen lässt, etwa die, dass Italien bis heute den Einsatz von Giftgas abstreite.

Auch an anderen Stellen lässt Gerima es an dokumentarischen Standards mangeln, begibt sich stattdessen in stilistisch experimentelle, inhaltlich agitatorische Bereiche. In einer Passage zeigt er etwa Bilder vom Weihnachtsfest in italienischen Städten, zeigt ein Leben in Saus und Braus, Priester, die zur Messe rufen, glückliche Kinder. Diese Aufnahmen werden mit Bildern aus Äthiopien gegengeschnitten, die das Leid der Bevölkerung zeigen, Elend, weinende, hungernde Kinder.

Auch wenn dem Grundtenor nicht zu widersprechen ist, auch wenn das von Italien verursachte Grauen unbestritten ist: Ein Verzicht auf solche zugespitzten Momente hätte dem Film gutgetan. Sie wären angesichts der nicht zu bestreitenden Fakten auch gar nicht nötig gewesen.

Ähnliches muss man über die Tonspur sagen, auf der praktisch dauerhaft ein generischer Kriegssound dröhnt: Bomben explodieren, Flugzeuge rauschen, Schüsse und Schreie sollen die historischen Aufnahmen untermalen, die größtenteils auf 8 Millimeter und damit ohne Originalton gedreht wurden. Das sind bedauerliche stilistische Entscheidungen, die „Black Lions, Roman Wolves“ manches von seiner Kraft und Bedeutung nehmen.

Epochal lang wirken die knapp neuneinhalb Stunden, die einer wichtigen, viel zu wenig bekannten Episode der europäisch-afrikanischen Geschichte Raum geben, allerdings ohne als der intendierte epochale afrikanische Dokumentarfilm bezeichnet werden zu können, den Gerima ursprünglich sicherlich im Sinn hatte.

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