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Asylunterkunft Fürstenfeldbruck: Zahme Krähe wird zum Problemvogel – Fürstenfeldbruck | ABC-Z

Saatkrähen sind Wildtiere und halten Abstand zum Menschen. Und der Mensch hält meist Abstand zu den schwarzen Vögeln mit den großen Schnäbeln. Im sogenannten Ankerzentrum für Asylbewerber am Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst sind sich Mensch und Krähe jüngst ungewöhnlich nahegekommen: Ein Bewohner nimmt sich im Frühling eines Kükens an, das vermutlich aus einem der Nester der dortigen Saatkrähenkolonie gefallen ist. Der Piepmatz wird im Zimmer offenbar vor allem mit Essensresten aufgepäppelt und wächst in eine Welt hinein, in der er Menschen nicht als Bedrohung, sondern als wohlgesonnene Futterquelle wahrnimmt. Und für die Menschen wiederum ist der zahme Vogel eine Bereicherung des bisweilen sehr eintönigen Alltags.

Das Tier landet in der Manier domestizierter Wellensittiche mit Vorliebe auf Schultern und Köpfen. Die meisten Bewohner freuen sich darüber, vor allem Kinder reagieren aber auch unsicher. Schließlich haben die hochintelligenten Vögel ein Imageproblem: In Märchen haben sie oder die nah verwandten Raben einen Stammplatz auf der Schulter der Hexe. Und Alfred Hitchcock schürt mit seinem Horrorfilm „Die Vögel“ Angst vor den als Waffen eingesetzten großen Schnäbeln. Die Leitung der Unterkunft will kein Risiko eingehen, aus ihrer Sicht wird der zutrauliche Vogel zunehmend zum Problem. Der macht sich derweil einen Spaß daraus, Bewohnern Zigaretten aus dem Mund zu stibitzten oder klaut schon mal einen Ausweis und zerfleddert ihn in aller Ruhe.

Für die Geflüchteten im sogenannten Asyl-Ankerzentrum am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ist die Aufzucht der Krähe eine willkommene Abwechslung im oft eintönigen Alltag. (Foto: Carmen Voxbrunner)

Mitte August wendet sich die Leitung der Asyl-Erstaufnahmestelle Rat suchend an den promovierten Biologen Uwe Temper aus Gernlinden. Der 76-Jährige gilt als sachkundiger Experte, wenn es um die streng geschützten Wildvögel geht, die sich in Fürstenfeldbruck, Puchheim und Germering zeitweise zu großen Kolonien zusammenfinden und Nester in den Baumkronen bauen.

Der gemeldete „aggressive Rabe“ entpuppt sich schnell als fehlgeprägte junge Saatkrähe. In enger Abstimmung mit den Umwelt- und Naturschutzbehörden wird Mitte September beschlossen, den Vogel in einer spezialisierten Einrichtung fit zu machen für die Auswilderung und damit für ein artgerechtes Leben in freier Natur. Er soll auf lange Sicht wieder Anschluss finden an eine Saatkrähenkolonie, möglichst weit entfernt von den ihm vertrauten Menschen. Denn er soll nicht wieder in alte Verhaltensmuster verfallen, sondern in die Lage versetzt werden, aus eigener Kraft in der Natur Futter zu suchen – wie etwa Körner, Saaten, Insekten oder Regenwürmer.

Je größer die zahme Krähe wird, desto mehr wird sie von der Fürstenfeldbrucker Unterkunftsleitung als „Problemvogel“ wahrgenommen.
Je größer die zahme Krähe wird, desto mehr wird sie von der Fürstenfeldbrucker Unterkunftsleitung als „Problemvogel“ wahrgenommen. (Foto: Uwe Temper)

Gemeinsam mit mehreren Helfern, darunter der im Umgang mit verletzten und fehlgeprägten Wildtieren erfahrene Ornithologe Christian Fackelmann, gelingt es Uwe Temper, die Krähe mit Vogel-Leckerlis anzulocken und einzufangen. In einer Transportbox geht es zur staatlichen Vogelwarte nach Garmisch. Die schrittweise Auswilderung übernimmt dann eine Spezialpflegestation in Unterfranken. Der Brucker Vogel soll zunächst von einem dort ebenfalls untergebrachten Artgenossen lernen.

Der jungen Saatkrähe gehe es gut, sagt Uwe Temper, der sich regelmäßig nach den Fortschritten des jungen Vogels erkundigt. Ihr werde gerade „beigebracht, natürliche Nahrung zu erkennen und aufzunehmen, die Entfremdung von Menschen ist schon fortgeschritten“.

Verletzen sich Wildtiere, dann können spezialisierte Einrichtungen die Pflege übernehmen (hier die Vogelklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in Oberschleißheim). Dabei wird immer versucht, sie nicht an den Menschen zu gewöhnen.
Verletzen sich Wildtiere, dann können spezialisierte Einrichtungen die Pflege übernehmen (hier die Vogelklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in Oberschleißheim). Dabei wird immer versucht, sie nicht an den Menschen zu gewöhnen. (Foto: Florian Peljak)

Temper warnt grundsätzlich davor, „sozial und geistig hoch entwickelte Tiere aus der Natur zu entnehmen und in laienhafter Eigenregie selbst großzuziehen“. Das Beispiel zeige, dass „eine Umprägung auf natürliches Verhalten, wenn überhaupt, nur mit sehr großem Aufwand und Mühe möglich“ sei. Sein dringender Rat: Wer verletzte oder hilflose Wildtiere findet, sollte die artgerechte Behandlung oder Aufzucht unbedingt qualifizierten Aufnahme- und Pflegestationen überlassen.

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