Wirtschaft

Cum-Ex-Kronzeuge Kai-Uwe Steck im Interview: „Das Geld habe ich nicht mehr!“ | ABC-Z

Herr Steck, in Ihrem Buch gibt es eine Schlüsselszene, in der Hanno Berger Sie während eines Fluges nach Hamburg in die Geheimnisse der Cum-Ex-Geschäfte einweiht. War Ihnen damals klar, dass alle Gewinne aus den Aktenkreisgeschäften zulasten der Steuerzahler gehen?

Jeder, der an Cum-Ex beteiligt war und auch nur oberflächlich verstanden hat, wie die Transaktionen laufen, wusste, dass die Renditen vom Staat durch die Erstattung von Kapitalertragsteuern kommen.

Trotzdem haben Sie von 2006 bis 2011 Cum-Ex-Geschäfte mit eingefädelt – mit rund einer halben Milliarde Euro Schaden. Hatten Sie dabei nie Skrupel?

Die hatte ich, auch wenn das ein Prozess war, der sich über Jahre entwickelt hat. Noch im Studium war ich ein totaler Prinzipienreiter und bin nicht mal schwarz mit der Straßenbahn gefahren. Ich war stolz, als junger Rechtsanwalt ein „Organ der Rechtspflege“ zu sein. Mir war aber zugleich Geld immer sehr wichtig. Ich komme aus einem sehr materialistischen, zerbrochenen Elternhaus, hatte anfangs Probleme in der Schule, bin sitzengeblieben und war zeitweise eine verkrüppelte Seele. Im Jura-Studium habe ich dann meinen verschollen geglaubten Ehrgeiz wiederentdeckt und wurde leistungsbeflissener Streber. Während andere in die Kneipe gingen, saß ich im Seminar und in der Bibliothek. Das hatte eine positive Folge: Meine guten Noten öffneten mir viele Türen. Ich habe mich hochgearbeitet vom Jungen aus Jever in das Universum von Großkanzleien in New York, London und Frankfurt. Da wird nach eigenen Regeln gespielt.

Ihre Zeit als Großkanzleianwalt beschreiben Sie als Parallelwelt mit Porsche, Businessclass-Flügen und teurem Wein. Kollegen nannten Sie den ,Rocket Man‘.

So fühlte ich mich, so liebte ich mich. Doch das hat mir die Sinne verdreht. Dabei ging es zunächst nicht um Cum-Ex. Wir haben vermögenden Privatpersonen geholfen, Steuern zu vermeiden. Diese Menschen haben gerne unsere Unterstützung in Anspruch genommen, und wir haben uns diesem Ziel total verschrieben. Hanno Berger, mit dem ich zusammenarbeitete, hat schon damals gesagt: Steuern sind Kosten, und Kosten müssen reduziert werden. Das darf man nicht moralisieren, hat er gesagt. Auf diesem Nährboden ist später die Illegalität von Cum-Ex entstanden, auch wenn Hanno Berger nicht der Erfinder von Cum-Ex war. Mir war zwar klar, dass das Geld vom Staat kommt, aber mir war anfangs nicht klar, dass wir uns strafbar machen: In Europa haben damals Tausende an den Cum-Ex-Konstrukten mitgewirkt, darunter Anwälte, Wirtschaftsprüfer, Aktienhändler, Banken und Investoren. Es war eine regelrechte Industrie.

War Gier der Antrieb für Ihre Karriere?

Das kam erst später. Anfangs war es der Thrill, schlauer zu sein als alle anderen. Es war ein Hase-und-Igel-Spiel mit der Finanzverwaltung. Auf der einen Seite wir – die hochgerüsteten Anwälte und Steuerberater – technisch besser ausgestattet und auch mit mehr Informationen versorgt. Unsere Expertise war so gefragt, dass wir sogar einen eigenen juristischen Kommentar zum Investmentrecht geschrieben haben. Die Finanzverwaltung hatte dagegen noch nicht mal funktionierende Computer. So entstand eine gewisse Hybris in den Jahren vor 2009. Dann kam die Zeit ,Gier frisst Hirn‘. Damals hätten wir aufhören müssen, denn es war absehbar, dass das in die Grütze geht, was wir da machten. Es gab sogar Erpressungsversuche, die wir abgewehrt haben. Dennoch habe ich es damals nicht geschafft, aufzuhören. Die Gier war größer.

Ihre Eltern trennten sich, als Sie Jugendlicher waren. Später wurde Berger Ihr Ziehvater – bis Ihre gemeinsame Kanzlei im Frankfurter Bankenviertel 2012 durchsucht wurde. Was gab den Ausschlag, sich von Ihrem Mentor zu lösen?

Diese Razzia war der erste große Schuss vor den Bug. Ich war damals selbst nicht beschuldigt und habe daher gehofft, dass der Kelch an mir vorbeigeht. Aber ich war natürlich trotzdem voll involviert. Berger hat sich damals in die Schweiz abgesetzt, wir hatten aber regelmäßig Kontakt. Mitarbeiter unserer Kanzlei haben mich angeguckt mit dem fragenden Blick: ‚Oh Gott, was machen wir jetzt?‘ Berger hat dann von der Schweiz aus versucht, mit Gutachten von diversen Professoren zu belegen, dass alles rechtmäßig wäre. Rechtswidrig wäre nur, so seine damalige Auffassung, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt. Von 2012 bis 2014 bauten wir eine Phalanx auf – also eine Streitmacht, in der sich alle unterhaken und sich gemeinsam verteidigen. Er hat in dieser Phase versucht, die Beschuldigten zusammenzuhalten. Das war Kampf, Kampf, Kampf – Tag für Tag. Zwar wusste ich, dass wir etwas Falsches gemacht haben, wollte aber immer noch nicht glauben, dass wir uns damit strafbar gemacht hatten. In dieser Phase besuchte ich Berger häufig in Zuoz in der Schweiz, um mit ihm Informationen auszutauschen.

Bis Staatsanwältin Anne Brorhilker aus Köln in dem Komplex ermittelte.

Im Jahr 2014 kam es dann in einem anderen Fall europaweit zu Durchsuchungen, dieses Mal auch bei mir zu Hause. Von da an war ich in einem Abwärtsstrudel. Ich hatte eine Riesenangst. Und ganz viel Schamgefühl vor meiner Familie, Kollegen und Nachbarn. In den Durchsuchungsbeschlüssen war zu lesen, ich sei ein Krimineller, und mir wurde zur Last gelegt, ich hätte Hunderte Millionen an Steuern hinterzogen. Es ging immer weiter bergab. Damals habe ich tatsächlich auch darüber nachgedacht, Schluss zu machen.

Am Tiefpunkt 2015 hatte ich Suizidgedanken. Mir drohte Gefängnis, und nur ganz wenige Menschen in meinem engsten Umfeld wussten davon. Der größere Kreis der Familie und mein Freundeskreis kannten mich nur als Überflieger, als ,Rocket Man‘. Aus Scham hatte ich versucht, dieses Bild aufrechtzuhalten. Aber der ,Rocket Man‘ war längst, von vielen noch unbemerkt, abgestürzt und aufgeschlagen. Ich hatte damals einen Porsche Panamera Turbo – der fuhr 270 Stundenkilometer. Als ich, in diesen dunklen Stunden, einmal auf einer geraden vierspurigen Autobahn bei Leipzig fuhr, war ich wie im Tunnel. Ich wusste, dass ein kleines Zucken am Lenkrad den totalen Unfall bedeuten würde.

Heute bin ich Gott dankbar, dass er mich von der Autobahn wieder runtergeholt hat. Auch wenn ich zugeben muss, dass mich meine Rationalität mit leitete, diesen absoluten Verzweiflungsschritt nicht zu machen: Ich wusste, so ein Porsche hat mehr als 20 verschiedene Airbags, ich hatte Angst, dass ich womöglich als Krüppel überlebe, der anderen noch zur Last fällt. Später habe ich einen Mentor gefunden, der mich aus dieser Hoffnungslosigkeit geführt hat. Das war vor zehn Jahren, jetzt bin ich hier und weit weg davon. Auch das Buch zu schreiben, war eine gute Katharsis.

Wie kam es dann, dass Sie die Seite gewechselt haben? Gab es einen Moment, der das Fass zum Überlaufen brachte?

Eines Tages kam eine junge Kollegin in der Kanzlei auf mich zu, die nichts mit Cum-Ex zu tun hatte. Sie hatte mitbekommen, dass unser Büro wieder durchsucht wurde auf der Suche nach neuen Beweisen gegen mich. Eher als Nebenbemerkung sagte sie: ,Wenn ich das so beobachte und wenn ich das so lese in der Zeitung, sollten Sie wirklich mal überlegen, ob Sie nicht umdenken sollten.‘ Irgendwann habe ich mir selbst gesagt, vielleicht sollte ich wirklich einen anderen Anwalt konsultieren.

Ich habe zwei verschiedene getroffen. Beide haben mir gesagt: Sie müssen umdenken, sonst gehen Sie in den Knast. Und zwar für lange Zeit. Für ihre Botschaft bin ich Ihnen noch immer dankbar. Das war ein Weckruf.

Warum sind Sie dann Kronzeuge geworden? Aus moralischer Überzeugung oder um eine Haftstrafe zu vermeiden ?

Ich hatte Riesenangst. Es war nicht so, dass ich plötzlich die Moral wieder entdeckt habe. Juristisch hatte ich auch damals immer noch die Hoffnung, keine Straftaten begangen zu haben. Erst nach und nach reifte die Erkenntnis, dass ich womöglich wieder etwas gutmachen kann, auch um den Menschen wieder in die Augen sehen zu können.

Haben Sie mitgezählt, wie viele Menschen wegen Ihnen im Gefängnis sitzen?

Nein, das habe ich nicht. Ich führe da kein Buch drüber und beweihräuchere mich auch nicht dafür. Als Zeuge habe ich mittlerweile in elf Strafverfahren und einem Finanzgerichtsverfahren ausgesagt.

Es dürften gut 20 Personen sein. Manche betrachten Sie als Verräter.

Ich habe niemanden vor den Bus geschubst. Allen, die mir nahestanden – nicht nur Hanno Berger –, habe ich vorab offengelegt, dass ich mich der Staatsanwaltschaft als Zeuge und mit meinen Kenntnissen zur Verfügung stelle. Und ich habe alle gefragt, ob sie mitkommen wollen. Auch deshalb kann ich Ihnen sagen: Ich habe ein reines Herz.

Haben Sie Angst vor Rache?

Inzwischen nicht mehr. Aber zwischen 2018 bis 2020 hatte ich große Angst davor, denn ich wurde aufgrund meiner Aussagewilligkeit und meiner Bereitschaft, die Mechanismen und Verantwortlichkeiten von Cum-Ex zu enttarnen und zu benennen, massiv bedroht. Damals hätte es sich wahrscheinlich noch gelohnt, mich zu beseitigen.

Haben Sie Mitleid mit denjenigen, die Sie ins Gefängnis gebracht haben?

Mitleid ist nicht das richtige Wort. Mitgefühl habe ich. Insbesondere mit Hanno Berger. Er muss viele Jahre in Haft verbüßen.

Inwiefern haben Sie Mitgefühl mit ihm?

Weil er es bis heute nicht geschafft hat, sich aus seinem Kopfgefängnis zu befreien. Ich kann mir gut vorstellen, dass er – wenn er heute hier säße – umfassende Vorträge darüber halten würde, dass Cum-Ex-Geschäfte legal sind. Dass die Richter dies nicht verstanden haben. Er würde, so vermute ich, seine Unterlagen zeigen, in denen er die wichtigen Passagen unterstrichen hat, und er würde Ihnen offenkundig eine Normenkette an den Kopf werfen, sodass Ihnen schlecht würde. Und da habe ich Mitgefühl, weil mich das doch sehr an die Figur des Michael Kohlhaas erinnert.

Wollen Sie noch mal mit ihm reden?

Anne Brorhilker, die Sie zum Cum-Ex-Kronzeugen aufbaute, hat jüngst selbst ein Buch veröffentlicht. Über Sie heißt es, Sie hätten monatelang nicht auf Kernfragen geantwortet. Nicht Ihre blumigen Schilderungen hätten die Ermittler vorangebracht, Ihr Verdienst sei es gewesen, Aktienhändler zur Kooperation zu überzeugen. Was sagen Sie dazu?

Jeder darf seine eigene Wahrnehmung haben vor allem über die Frage, wer hier wen aufgebaut hat. Meine ist anders. Als ich im November 2016 erstmals von Frau Brorhilker vernommen wurde, habe ich schnell gemerkt, dass sie sehr viele Informationen hatte, aber das Puzzle musste zusammengefügt werden. Denn das war es nicht. Damals gab es 35 Beschuldigte. Heute sind es mehr als 1800. Wir wollten ursprünglich mit meinen Vernehmungen an Weihnachten 2016 fertig sein, aber insgesamt saßen wir fast anderthalb Jahre in einem kleinen Raum mit vergitterten Fenstern. Auf wenigen Quadratmetern waren das oft sieben oder acht Menschen, immer in stickiger Luft. Anfangs war die Stimmung eisig, aber nach etwa drei Monaten gab es Tauwetter. Einer der leitenden Ermittler, ein Kriminalhauptkommissar, hat in meinem Prozess als Zeuge ausgesagt und dort erklärt, wir hätten in einem Team gespielt. Das war so. Denn wir hatten ein gemeinsames Aufklärungsinteresse. Daher habe ich auch weitere Kronzeugen für den Staat gewinnen können.

Aktienhändler, die beteiligt waren. Denn Cum-Ex-Geschäfte hatten immer zwei Seiten: die juristische und die tatsächliche Ausführung durch Trader und Banken. Ich habe zwar rechtlich gewusst, wie die Geschäfte funktionieren und auch die Verträge dazu strukturiert. Aber das eigentliche effektive Trading und diese berühmten Absprachen am Telefon, das haben die Aktienhändler gemacht. Um einen von ihnen als Kronzeugen zu gewinnen, bin ich nach Dubai geflogen. Ich habe ihm eröffnet, dass ich seit langem von der Staatsanwaltschaft vernommen werde, hab ihm die den Aktenordner mit den Vernehmungsprotokollen hingelegt, aus dem etwa 100 gelbe Post-it-Kleber herausragten. Er wollte wissen, was die zu bedeuten haben. Ich habe ihm gesagt, die Post-its zeigen auf die Stellen im Protokoll, in denen sein Name genannt wird. Ob er mitkomme, um das Puzzle zu Ende zu bringen. Das wäre gut für mich und ihn. Dann bin ich gegangen. Er hat es getan, hat mittlerweile einen Vernehmungsmarathon hinter sich wie ich und ist mir heute dankbar.

Ein Gericht verurteilte Sie im Juni wegen Steuerhinterziehung zu einem Jahr und zehn Monaten, ausgesetzt auf Bewährung. Ihre Cum-Ex-Gewinne beziffern Sie selbst auf 50 Millionen. Der Staat fordert 23,5 Millionen Euro von Ihnen. Warum?

Weil mir aus den abgeurteilten Fällen 23,5 Millionen Euro zugeflossen sind. Es gibt noch andere Fälle, auch im Ausland, die noch nicht verhandelt sind. Aber der Richter sagte: Herr Steck hat einen Schaden von 500 Millionen Euro verursacht – aber durch seine Aufklärungsarbeit hat er geholfen, 650 Millionen Euro zurückzuholen. Das war Balsam für mich. Nach dem Urteil kamen noch rund 100 Millionen dazu, also beläuft sich die Summe auf meine Aufklärung hin auf 750 Millionen Euro.

Wenn Sie aus moralischen Gründen Kronzeuge geworden sind, warum geben Sie dann nicht das ganze Geld zurück?

Das Geld habe ich nicht mehr. Von den Cum-Ex-Gewinnen habe ich mehr als zehn Millionen Euro für Anwälte ausgegeben. Sonst hätte ich nie fast ein Jahrzehnt als Kronzeuge auftreten können. Denn die finanziellen Belastungen für jeden, der diesen Weg geht, sind erheblich. Und ich habe Fehlinvestments gemacht, musste Dienstleister und Steuern zahlen. Wenn das Urteil rechtskräftig wird, dann bin ich Stand heute nicht in der Lage, das Geld zurückzuzahlen. Schon während meines Prozesses bin ich unter Druck geraten wegen einer ausstehenden Zahlung von zweieinhalb Millionen Euro. Ich hätte diese Summe doch sofort gezahlt, denn es bestand die Möglichkeit, dass ich deswegen zu einer längeren Haft verurteilt werde. Im Übrigen: Alle Einnahmen, die ich mit meinem Buch generiere, gehen direkt an den Staat.

Zuerst hieß es, das Geld liege als Treugut auf einem Treuhandkonto. Später stellte sich heraus, dass Sie in zwei Start-ups investierten, die mittlerweile insolvent sind. Warum riskieren Sie Ihre Glaubwürdigkeit in aller Öffentlichkeit?

Ich habe Fehler gemacht. Und ich habe mich auf die Bewertungen dieser Firmen verlassen. Insofern bin ich damals davon ausgegangen, dass ich das Geld zurückzahlen kann. Aus heutiger Sicht würde ich meine Aussage anders formulieren.

Müssen Sie Privatinsolvenz anmelden, wenn das Urteil rechtskräftig wird?

Ja, das müsste ich. Doch das will und werde ich vermeiden. Denn an einer Privatinsolvenz hängt auch meine berufliche Existenz. Meine Anwaltszulassung ist mir vom Gericht belassen worden. Man gibt mir die Chance, weiterzuleben.

Ihr Strafverteidiger Gerhard Strate hat die Justiz heftig für den Umgang mit Ihnen als Kronzeuge kritisiert. Wie haben Sie die Zeit im Gerichtssaal erlebt?

Der Staat nimmt sich, was er braucht, schützt seine Kronzeugen aber nicht. Ich bin nicht der Erste, dem das passiert ist, und ich werde wohl auch nicht der Letzte sein. Kaum hatte ich im ersten Prozess ausgesagt, verklagte mich die Warburg-Bank auf persönliche Haftung in Höhe von 350 Millionen Euro. Sie stehen als Zeuge vor Gericht, und zwei Wochen später finden Sie eine Klage in Ihrem Briefkasten. Wenn man kein Geld für Verteidiger hat, ist man verloren. Ich habe es überstanden, weil ich über die nötigen Ressourcen verfügte und Menschen an meiner Seite hatte, die mir halfen. Insofern sind Sie als Kronzeuge immer noch sehr allein.

Plädieren Sie für eine Regelung nach amerikanischem Vorbild?

Mit meinem heutigen Wissen wäre ich besser in Amerika Kronzeuge geworden. Immerhin gibt es dort etablierte Regeln für den Umgang mit Hinweisgebern, und in Deutschland improvisieren wir. Wir erwarten Aufklärung, schützen aber nicht diejenigen, die sie leisten. Ich stehe in Kontakt mit amerikanischen Anwälten. Sie lachen über uns, weil wir in Deutschland Kronzeugen häufig wie alle anderen Verbrecher behandeln und nicht wie Helfer. Wenn wir künftig hochkomplexe Fälle wie Finanzskandale oder neue Betrugsmodelle, etwa mit Kryptowährungen, aufarbeiten wollen, dann brauchen wir rechtliche Sicherheit für Kronzeugen. Ich will nicht, dass Deutschland amerikanische Vorbilder nachahmen sollte, aber wir müssen lernen, wie man Menschen besser schützt, die ihr Wissen offenbaren.

In Amerika erhalten Whistleblower bis zu 30 Prozent der verhängten Strafzahlungen. Kommt daher Ihr flammendes Plädoyer?

Nein, ich halte solche finanziellen Anreize für gefährlich. Ich will aber, dass man Kronzeugen eine zweite Chance gibt – und schützt. Wenn sie Gold wert sind, darf man sie nicht wie einen Fußabtreter benutzen. Nicht jeder hat so viel Glück wie ich. Es gäbe viele, die an meiner Stelle aus dem Fenster gesprungen wären.

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