Süße Teigwaren: Waffeln für den Weltfrieden! | ABC-Z

I n meiner Kindheit waren die schönsten Tage die, an denen wir Pfannkuchen gebacken haben. Meine Mutter mit einer Marlboro 100 in der einen Hand und einem Pfannenwender in der anderen. Meistens stellte ich mich zu ihr und half. Denn für sechs Personen mussten viele Pfannkuchen gebacken werden.
Zwölf Eier schlugen wir dafür auf. Um den Teig schön fluffig zu bekommen, gaben wir Mineralwasser hinein. Damit die Braterei nicht ewig dauerte, benutzten wir zwei Pfannen, manchmal sogar drei. Das viele Fett in der Luft reizte Augen und Atemwege. Und wenn mein Vater dabei war, gab er gerne ein bisschen an und warf seine Pfannkuchen virtuos durch die Luft. Danach belegte er sie mit Schmelzkäse und Zwiebeln, weil „echte Männer“ wie er vorgeblich nichts Süßes essen, aber dann spätnachts den Schokovorrat plündern. Wir anderen hingegen bestreuten unsere Pfannkuchen mit Zimt und Zucker oder strichen eine dicke Schicht Apfelmus darauf.
Bis heute gibt es wenig, was mich so sehr tröstet wie eine gute Mehlspeise: Rosinenbrötchen, Zuckerkuchen, Germknödel. Ich liebe diese weiche, kissenhafte Konsistenz, die mir vorgaukelt, dass alles in bester Ordnung ist. Man beißt in ein fluffiges Gebäck, gleich fühlt sich die Welt viel sanfter und freundlicher an, irgendwie harmlos und bewältigbar.
Viele Menschen haben während der Pandemie wie wild zu backen begonnen, und einige haben seitdem nicht mehr aufgehört. Hefezopf, Buchteln, Apfelstrudel – mein damaliger Freund und ich entdeckten in dieser Zeit die Zubereitung süßer Mehlspeisen für uns. Einmal machten wir sogar Waldviertler Mohnnudeln selbst, die wir aus Kartoffelteig formten und nach dem Anbraten in brauner Butter in einer Mischung aus Puderzucker und Mohn wälzten.
Wozu die Melodramatik?
Vielleicht habe ich einen an der Waffel, aber meiner Meinung nach sind Waffeln die beste Waffe in Konflikten. Solange man eine süße Portion Teig im Mund hat, fällt einem das Streiten schwer. Deshalb: Waffeln für den Weltfrieden!
Das Problem ist nur, dass ich diese Exitstrategie momentan etwas zu oft wähle. Wenn ich so weitermache, werde ich noch aufgehen wie ein Hefekloß. Die Politik, der Job, das Leben, zack, stehe ich wieder in dem kleinen Café unweit meiner Wohnung: „Eine Waffel mit gaaanz viel Puderzucker.“ In meiner Gegend muss man das dazusagen, denn sonst bekommt man sie „Öko-Mami“-gerecht, mit wenig Zucker. Kommt mir nicht mit der Gesundheit! Ein Vorteil des Erwachsenenlebens ist ja, dass man sich nach Herzenslust zugrunde richten kann.
Einer glücklichen Fügung sei Dank, ist mein neuer Freund wieder Österreicher. Und so schwebe ich in Sachen Mehlspeisen weiterhin im siebten Himmel. Gestern erst bin ich durch den Wiener Prater gelaufen. Als ich an der Achterbahn „Wilde Maus“ vorbeikam, musste ich an Josef Haders gleichnamigen Film denken. Hader spielt darin einen gefeuerten Musikkritiker, der in seiner Midlife Crisis einen Rachefeldzug beginnt.
Gar nicht mal so abwegig. Immerhin erleben wir ja gerade wirklich stressige, ungerechte Jahre. Aber warum müssen manche Menschen gleich so melodramatisch sein? Da esse ich doch lieber eine Portion Kaiserschmarrn mit Powidl. „Einmal Kaiserschmarrn, bitte.“ – „Das macht dann 18 Euro.“ – „&$!#%.“





















