Jachenau: Eine Dorfschule ist Klimaschutz-Meister – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Etwa in der Mitte des rund 15 Kilometer langen „Sonnentals“ Jachenau liegt die Ferdinand-Feldigl-Schule. Eine Dorfschule in einem Bilderbuchtal zwischen Walchensee und Isarwinkel – und die kleinste im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Zurzeit besuchen 42 Kinder die Grundschule, die in zwei Kombiklassen unterrichtet werden: Erste und zweite sowie dritte und vierte Jahrgangsstufe sind zusammengefasst. Die Kinder kommen aus den Weilern und Einöden des Hochtals; aus Orth, Bäcker, Mühle oder dem am westlichen Ende gelegenen Hauptort Jachenau mit seinem kleinen Dorfladen.
In dieser ländlichen Gegend geht es eigentlich nicht ohne Auto. Eigentlich, denn die Kinder aus der Jachenau haben gezeigt, dass es doch geht. Drei Wochen lang sind sie mit dem Rad, mit dem Roller und mit dem kleinen Bus in die Schule gefahren oder zu Fuß gegangen. Für jeden umweltfreundlich zurückgelegten Schulweg durften sie einen Aufkleber in Form einer Eisscholle auf ein Poster kleben. 261 respektive 262 Eisschollen haben sie in den beiden Kombiklassen gesammelt und so das Loch, das die Eisbärenmama von ihrem Eisbärenbaby trennt, wieder geschlossen.
„Fit in die Schule, fit für die Zukunft“, lautete der Titel des Grundschulwettbewerbs, der in den fünf MVV-Verbundlandkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Dachau, Freising, Miesbach und Starnberg zwischen 29. September und 17. Oktober stattgefunden hat. Ziel der Aktion war, Kinder frühzeitig für aktive, sichere und klimafreundliche Mobilität zu begeistern und den Autoverkehr vor den Schulen zu verringern.
Insgesamt 29 Grundschulen mit 330 Klassen und 7590 Kindern haben sich an dem Projekt beteiligt, das vom Mobilitätsreferat der Landeshauptstadt München entwickelt wurde. Den größten Erfolg erzielte die kleine Jachenauer Schule. „Wir haben uns sehr gefreut“, sagt Lehrerin Andrea Kiening. Alle Kinder hätten mitgemacht, viele seien „bei Wind und Wetter mit dem Radl gekommen“.
Obwohl das nicht ungefährlich ist: Der Radweg, der einmal durch das ganze Tal führen soll, endet im Ortsteil Raut, etwa fünf Kilometer von der Schule entfernt. Auch ein Gehweg fehlt. Dass der Radweg seit „zig Jahren“ nicht recht vorankommt, liege vor allem an den strengen Umwelt-Auflagen des FFH-Gebiets, sagt der Jachenauer Bürgermeister Klaus Rauchenberger, dem man anhört, dass ihn das ärgert. „Dass Kinder und Familien sicher und klimafreundlich unterwegs sein können, sollte doch auch einen Wert haben“, sagt er.

Elterntaxis, die die Kinder direkt vor dem Tor absetzten, gebe es deshalb auch an ihrer Schule, sagt Kiening. Wenn auch längst nicht so viele wie im benachbarten Lenggries, wo regelmäßig der Lehrerparklatz zugestellt werde. In der Jachenau sei ein Großteil der Kinder auf den kleinen Schulbus angewiesen, den die Gemeinde zahlt. „Das war für den Wettbewerb natürlich ein Glücksfall“. Die Schüler hätten das Projekt sehr ernst genommen und nicht geschummelt. „Kinder sind sehr ehrlich“, sagt ihre Kollegin Claudia Schneider-Michl. „Sie haben freimütig erzählt, wenn sie mal verschlafen haben, und die Mama sie ausnahmsweise zur Bushaltestelle gefahren hat.“ Dann durften sie freilich keine Eisscholle aufkleben.
Die Kinder zeigen, dass es auch auf dem Land ohne Auto geht
In der Jachenau sei die Natur noch intakt, „die Leute hier schützen ihre Heimat“, sagt Kiening. Über den Klimawandel werde in vielen Familien gesprochen, auch im Unterricht würden die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz behandelt: Regionale Lebensmittel zum Beispiel, „dass man keine Erdbeeren im Winter kaufen soll“. Insektensterben und Artenschutz. Oder wie die Trockenheit den Wäldern zu schaffen macht, die dann anfälliger für den Borkenkäfer sind. „Die Kinder wissen, dass sich die Welt erwärmt, und dass das zu ihrem Nachteil ist“, sagt Kiening.
Und so gehen sie neuerdings zu Fuß zur Bushaltestelle, fahren mit dem Rad oder dem Roller. Das sei wichtig wegen des Klimas, erklärt Josti. „Weil aus dem Auspuff CO₂-Gas kommt, das die Eisschollen kaputtmacht“. Wenn alle immer mit dem Auto fahren, „dann steigt der Meeresspiegel, und es gibt Überschwemmungen“, ergänzt Kilian. Es ist erstaunlich, wie viel schon die Erst- und Zweitklässler wissen, und mit welchem Engagement sie dabei sind.

Die Auftaktgeschichte mit der Eisbärenfamilie, die durch das schmelzende Eis getrennt wurde, habe die Kinder gepackt, sagen die beiden Lehrerinnen. Das Projekt soll freilich nicht nur ein Problembewusstsein schaffen, sondern auch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. „Kinder sind eigentlich machtlos, aber nun haben sie das Gefühl, sie können etwas bewirken“, sagt Schneider-Michl.
Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen haben zehn Grundschulen mit 110 Klassen und 2527 Schülern mitgemacht, die insgesamt rund 25 000 Schulwege klimafreundlich zurückgelegt haben. Das Poster mit der Eisbärenfamilie mache sichtbar, „wie aus vielen kleinen Schritten gemeinsam etwas Großes entsteht“, heißt es in einer Pressemitteilung. Landrat Josef Niedermaier lasse es sich nicht nehmen, den Gewinnern bei einer Preisverleihung am 9. Dezember „persönlich zu gratulieren.“
Dass es ein Preisgeld von 500 Euro gibt, sei für ihre „Zwergenschule“, in der es keinen Förderverein gebe, ein willkommenes Geschenk, sagt Schneider-Michl. Damit könnten sie vielleicht einen Ausflug ins Lenggrieser Hallenbad „Isarwelle“ oder zum Marionettentheater nach München organisieren. Zur Belohnung gehört außerdem Rosi, der „rollende Simulator“, mit dem man ausprobieren kann, wie es ist, eine S-Bahn zu steuern. Für die Jachenauer Kinder werde das eine spannende Sache, sagt Schneider-Michl. „Viele sind noch nie mit einer S-Bahn gefahren.“





















