Wirtschaft

Konjunktur in Deutschland: Und wo ist jetzt das Wachstum? | ABC-Z

Es gab diesen Moment im vergangenen Jahr, da kam ein fast vergessenes Gefühl in Deutschland auf: die Zuversicht. Es war der Frühling 2025, die neue Bundesregierung hatte sich gerade erst formiert. Union und SPD hatten in einer Hauruckaktion noch vor der Amtsübernahme beschlossen, die Schuldenbremse aufzuweichen und künftig Hunderte Milliarden Euro in die Infrastruktur und Rüstung zu investieren. Bundeskanzler Friedrich Merz versprach schnelle Reformen, es keimte die Hoffnung, dass nach gut zweieinhalb Jahren wirtschaftlicher Stagnation endlich das Wachstum zurückkehrt. Und jetzt? 

Geblieben ist wieder nur eine Null vor dem Komma. Nicht mal um ein Prozent ist die Wirtschaft den vorläufigen Berechnungen zufolge im Jahr 2025 gewachsen. Und der Blick ins neue Jahr bringt wenig Zuversicht, die Konjunkturprognosen der maßgeblichen Wirtschaftsinstitute in Deutschland geben allesamt wenig Anlass zur Hoffnung. “Von Aufbruchstimmung ist weit und breit nichts zu sehen”, sagt Klaus Wohlrabe, der am Münchner ifo Institut den Bereich der Konjunkturumfragen leitet, in denen monatlich Tausende von Unternehmen zu verschiedenen Aspekten befragt werden. “Wirklich optimistisch blickt kaum eine Branche auf 2026”, sagt Wollmershäuser.

Gut ein Viertel der deutschen Unternehmen erwartet 2026 eine Verschlechterung der Geschäfte, ergab die jüngste ifo-Umfrage. Knapp 60 Prozent rechnen damit, dass sich ihre wirtschaftliche Lage in diesem Jahr nicht verändern wird. Nur etwa 15 Prozent hoffen auf eine Verbesserung. Das klingt nach einem nicht gerade euphorischen Start ins neue Jahr. Und dennoch muss man zwischen den wichtigsten Branchen der Wirtschaft differenzieren, um ein genaueres Bild zu erhalten. Schließlich hatten die Konjunkturforscher bislang angenommen, dass von dem Sondervermögen der Bundesregierung über 500 Milliarden Euro ein spürbarer Wachstumseffekt für die Wirtschaft ausgehen wird. Auch wenn das Geld über einen Zeitraum von zwölf Jahren ausgegeben werden soll, könnten Investitionen eine neue Dynamik auslösen. 

Höchstens 0,8 Prozent Wachstum durch Sondervermögen

Genauer analysiert hat diesen Effekt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, besser bekannt als die Wirtschaftsweisen. In ihrem Herbstgutachten haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Gremiums sich angesehen, wie die Bundesregierung bisher mit dem Geld aus dem Sondervermögen plant und was dies bewirken würde. 

Das Urteil fällt wenig ermutigend aus. Die Mittel würden “nicht nur für zusätzliche Investitionen”, sondern zu “nennenswerten Teilen zur Finanzierung von Konsum”, also den laufenden Ausgaben im eigentlichen Kernhaushalt der Regierung verwendet. Dadurch ergebe sich “lediglich ein geringer positiver Effekt” auf das Wirtschaftswachstum in Deutschland. Wenn es gut läuft, könnte das Bruttoinlandsprodukt lediglich zwischen 0,4 und 0,8 Prozent zusätzlich wachsen. 

Zudem ist offen, wie zügig das Geld bei den Unternehmen ankommt, die die neuen Straßen oder Schulgebäude bauen sollen. Schnell umsetzbar seien vorrangig Subventionen und Steuersenkungen, die aus den Sondervermögen direkt finanziert werden, heißt es dazu vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. Auch könnten laufende Projekte aus dem Kernhaushalt in das Sondervermögen verschoben werden, um sie effektiver voranzubringen. Zusätzliche Investitionen, die “erfahrungsgemäß einen gewissen Vorlauf brauchen”, dürften dem Kieler Institut zufolge “erst im Verlauf des Jahres 2026 eine zunehmende Rolle spielen”. 

Profitieren dürfte vor allem die Bau- und Immobilienbranche und die ihr nachgelagerten Sektoren, wie etwa Unternehmen, die Baustoffe und Werkzeuge herstellen. Auch für den Maschinenbau und die Elektroindustrie könnte es positive Effekte geben, wenn Straßenbauunternehmen volle Auftragsbücher haben und neue Gerätschaften bestellen. Erste Anzeichen für diese Entwicklung zeigten sich Ende letzten Jahres. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts legte die Produktion im Maschinenbau im Oktober um knapp drei Prozent zu, getrieben war dies durch eine stärkere Nachfrage im Inland, die den zweiten Monat infolge stieg. 

Investitionsbooster scheint zu wirken

Zurückzuführen ist das wohl auch auf den sogenannten Investitionsbooster, den die Bundesregierung im Sommer 2025 beschlossen hatte und der günstigere Abschreibungsmöglichkeiten für Unternehmen schafft, die in neue Maschinen oder Anlagen investieren. Sie können bereits im Jahr des Erwerbs bis zu 30 Prozent der Anschaffungskosten mit ihrem Gewinn verrechnen. Im zweiten und dritten Jahr sollen erneut bis zu 30 Prozent auf den restlichen Wert geltend gemacht werden können. Offenbar hat das schon einen spürbaren Effekt gebracht.

Allerdings betreffen diese Entwicklungen vor allem die Nachfrage im Inland, auch die erwarteten Impulse des Sondervermögens dürften eher den Binnenkonsum beleben. Rückläufig hingegen sind die Exporte, besonders nach China und in die USA. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres verkauften deutsche Unternehmen gute zwölf Prozent weniger Waren nach China als im Jahr zuvor; betroffen ist vor allem die Autoindustrie. Der Export von Kraftfahrzeugen und Fahrzeugteilen sank um mehr als ein Drittel. “Gleichwohl ist eine Erholung der deutschen Warenausfuhren in die Vereinigten Staaten fraglich, da die nun geltenden höheren US-Zölle sowie die Aufwertung des Euro weiterhin belastend wirken”, stellt hierzu das Kiel Institut für Weltwirtschaft fest.

Bisher ist nicht absehbar, dass die deutsche Industrie schnell aus ihrer Exportmisere herauskommt, auch wenn die meisten Fachleute immerhin erwarten, dass es zumindest nicht weiter abwärtsgehen soll. Das belastet die Konjunktur dennoch weiterhin in Gänze. “Es ist insgesamt enttäuschend, dass wir für das kommende Jahr nicht mehr als ein Prozent Zuwachs erwarten können”, sagt Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts. Und das, obwohl “die Bundesregierung hohe Schulden aufnimmt und die staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung erhöhen will”. Die vielen strukturellen Probleme im Sozialsystem, die Überbürokratisierung und der Rückstand bei künstlicher Intelligenz und anderen modernen Technologien ließen Deutschlands Wirtschaft weiterhin auf der Stelle treten.

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