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Wandern auf dem Dolphin Trail in Südafrika | ABC-Z

„Und hier – unser Serienkiller!“ Kaum hat Minando Jafta diesen Satz ausgesprochen, fliegen die Köpfe seiner Mit-Wanderer herum, Augen scannen hektisch Unterholz und Dickicht – nach Giftschlangen und Riesenspinnen. Naheliegende Reflexe im dunklen Regenwald an Südafrikas Südküste. Doch Guide Minando, stets vielsagend lächelnd und mit Sinn für Überraschungen, tätschelt einen Baum: „Der hat schon reichlich Morde auf dem Gewissen!“ Ungläubiges Staunen. „Ja, diese Würgefeige nistet als kleiner Busch in der Krone eines großen, kräftigen Baumes, treibt dann unzählige Luftwurzeln aus, die sich – unten angekommen – in den Waldboden graben. Dort saugen sie erstens unterirdisch ihrem Wirtsbaum das Wasser weg, während sie zweitens oberirdisch seinen Stamm umwickeln und ihn so strangulieren, bis er morsch zusammenfällt.“

„Open air classroom“ nennt Minando solche Stopps auf dem dreitägigen Dolphin Trail augenzwinkernd. Stets auf seinen selbst geschnitzten Eukalyptus-Stock gestützt – streut er Bio-Fakten in seine Wandergruppe wie ein cooler Jung-Lehrer: Engagiert, aber ohne Öko-Zeigefinger, detailreich, aber nicht schlaumeiernd. Um nur ja keine Minando-Story zu verpassen, lauschen die Dolphin-Trailer ebenso aufmerksam auch bei Infos zu den bis neuneinhalb Kilometer langen Tagesrouten und Minandos Warnungen vor Giftschlangen: „Bitte nicht auf die Puff-Otter treten!“ Wird wenig später nicht klappen…

Davon aber ahnt die Gruppe am ersten Tag noch nichts beim Start im Camp mit komfortabel ausgestatteten Übernachtungs-Holzhütten. Nach einer halben Stunde schon der erste Wow-Moment: Zwei Hängebrücken überspannen die Mündung des Storms River und geben den Blick frei auf dicht bewaldete Bergrücken zu beiden Seiten und Meereswasser, das dazwischen schäumt, als hätte ein Riese Waschmittel reingekippt. Zwischen Felsen sonnen sich Klippschliefer, sehen aus wie stummelschwänzige XXL-Meerschweinchen und posieren mit Glück für Kameras. „Na, wer kennt deren engste Verwandte“, fragt Minando. „Hamster?“ „Murmeltier?“ „Oder Kaninchen?“ Die Wanderer tippen durch den Kleintierzoo. „Elefanten“, löst der Guide das Rätsel dann zur Überraschung aller auf und erklärt, Jumbo und das krabbelnde Fellknäuel hätten vor etwa 80 Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahren gehabt, der bis heute im Gensatz beider Tiere verewigt ist.

Der erste Kraxel-Aufstieg. Von Null auf fast 200 Meter über steile, schmale Ge­röll-Tritte und Steinplateaus. Mit großprofiligen Wanderschuhen und mittelmäßiger Kondition gut zu schaffen, so wie der gesamte Trail. Bei Heike, Margareta und Volker juckt’s jetzt, sie dieseln sich gegen Insektenstiche ein mit Mückenschutz von zu Hause. Bringt nix, meint Minando und spendiert seine selbst angerührte Mischung aus Wasser, Alkohol, Parfüm, Paraffin-Öl und Vaseline. Riecht nach Zitronen-Joghurt – und wirklich: einmal auf der Haut, surrt und piekt kein Insekt mehr bis zum letzten Meter Dolphin Trail. Vielleicht hat die Regenspinne viele von ihnen gefangen? Könnte man nachsehen, im Tennisball-großen Nest, gewebt und an weißen Spinnfäden in einem Busch verankert. „Lieber nicht“, empfiehlt Minando, „die Regenspinne legt ihre Eier ins Nest und verteidigt es bei Bedarf sehr zäh.“

Schon geht‘s wieder runter Richtung Meer (der Aufstieg war doch gerade geschafft…) Egal, Dolphin Trailing macht schon wegen der immer wieder sich öffnenden Küsten-Panoramen Spaß und führt nun durch niederstämmige, dichte Fynbos-Vegetation. „Etwa 8000 verschiedene Arten fassten niederländische Eroberer einst unter dem Sammelbegriff ‚fijnbosch‘ zusammen“, erzählt Minando, „daher der Name.“ Eine davon: die wunderschön blühende Protea – Südafrikas Nationalpflanze. Wieder unten bei der Brandung angekommen, wird beim Lunch auf warmen Sandsteinfelsen klar: Minando schleppt nicht nur das Erste-Hilfe-Set für alle, sondern im Rucksack auch Wasserflaschen, leckere Sandwiches und Äpfel. Sonderbeifall!

Kurz vorm Ziel der ersten Tagesetappe – alle Dolphin-Wanderer sind gedanklich schon in luxuriösen Übernachtungs-Chalets der Misty Mountain Reserve – da hören sie noch ein „Achtung“ von Minando, dieses deutsche Wort, das er so sehr liebt. „Achtung, eine Puff Otter – rechts im Gebüsch.“ Die Gruppe weicht instinktiv zwei Schritte zurück. „Also, sie war da“, fährt Minando fort und deutet auf fleckige Haut, die sich die Giftschlange offenbar an einem Baumstamm abgeschubbert hat. Alle atmen durch und schauen sich den etwa fünf Meter langen, fleckigen Schlauch näher an.

Start zum zweiten Wandertag: Dauerregen – waagerecht über die Küste geblasen. Nun wird klar, warum Minando sagt, der Dolphin Trail biete vier Jahreszeiten an einem Tag. Bemooste Böden, verwunschene Bachläufe, schroffe Felsengrate in changierenden Brautönen – die Wanderer fühlen sich kurz Zeit in herbstliche, schottische Highlands gebeamt. Doch dann – volle Konzentration im Hier und Jetzt! Denn der schmale, ursprünglich von Fischern geschaffene und daher sogenannte Delfin-Pfad endet abrupt. Minando bittet auf einen Felsvorsprung, kaum einen Fuß breit. Eigentlich kein Ding, würde es rechts nicht etwa zehn Meter steil runtergehen. „Also schön nach links lehnen und gut am Felsen festhalten“, rät der Guide. Geländer? Gibt’s hier nicht. Die Dolphin-Kraxler tasten sich vorsichtig über den Grat – alle mit Pudding-Knien, einige im Krebsgang.

Wieder auf sicherem Boden deutet Minando auf eine Farn-ähnliche, grüne Pflanze: „Wormwood – sehr gut gegen Schul-Krankheit“, sagt er feixend: „Wenn unsere Kinder nicht zum Unterricht wollen, sagen südafrikanische Mütter, sie müssten Wormwood als Medizin nehmen. Das schmeckt so scheußlich, da machen sich die Kleinen lieber sofort auf den Schulweg…“

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