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Café Lev in der Monacensia: Wo Gäste herzlich willkommen sind – München | ABC-Z

Normalerweise würde man Emanuel Rotstein woanders vermuten als hinter dem Tresen eines Cafés in Bogenhausen. In einem großen Kinosaal etwa. Denn Rotstein ist ein international bekannter Dokumentarfilmer und -produzent. Momentan arbeitet er unter anderem an „Hitler in Hollywood“, einem Projekt, in dem es um Künstlerinnen und Künstler geht, die in den 1930er-Jahren aus Nazi-Deutschland nach Amerika geflohen sind. Rotstein untersucht, wie groß der Einfluss des nationalsozialistischen Regimes auf deren Arbeit in Hollywood war. Rotsteins Recherchen führten ihn eines Tages in die Monacensia im Hildebrandhaus. Und nun ist er immer öfter bei der Arbeit im dortigen Café anzutreffen.

„Ich war im Mai 2025 zum ersten Mal in diesem Haus, dessen Aura mich sofort fasziniert hat, ich war sofort schockverliebt“, erzählt er. Als er damals bei seinen Recherchen Lust auf einen Kaffee bekommt, sticht ihm eine Ausschreibung ins Auge: „Die suchten einen neuen Pächter für das Café.“ Rotstein ruft seine Frau Michaela Rotstein-Tuchfeld an und sagt: „Du musst sofort herkommen.“

Das Paar wünschte sich schon seit Längerem, Gäste in einem eigenen Lokal zu bewirten. Das mag an ihrem engen Verhältnis zum Thema Essen liegen: „Bei uns geht es permanent nur darum“, erzählt die 45-Jährige. Sie und ihr ein Jahr älterer Mann stünden gewissermaßen im Zentrum ihrer gut 20-köpfigen Großfamilie: Bei allen jüdischen Feiertagen und auch sonst seien sie es, die Kinder, Geschwister, Neffen, Nichten und die eigenen Eltern einladen und bekochen.

Michaela Rotstein-Tuchfeld verweist bei ihrer Art zu kochen auf ihre unterschiedlichen kulinarischen Wurzeln: Der Vater stammt ursprünglich aus Polen, die Mutter aus Marokko. Viel Zeit verbrachte sie aber bei ihrer Großmutter, und diese wiederum kam aus Wien: „Noch immer träume ich von ihrem Mohnstrudel-Rezept, das werde ich auch fürs Café machen.“

Die Wirtin kocht selbst: Linsensuppe mit Brot und Aubergine mit Tehina Madrasreis und Salat (Foto: Florian Peljak)

Denn sie ist die eigentliche Chefin des „Café Lev“, wie die Gastronomie im Hildebrandhaus nun heißt. Und diesen Namen kann man getrost als Programm sehen. „Lev“ ist hebräisch und bedeutet „Herz“. Weil seine Frau Gäste grundsätzlich mit sehr viel Herz bewirte, sagt Emanuel Rotstein. Und weil dieses Lokal auch an eine frühere Bewohnerin des Hildebrandhauses erinnern soll: Elisabeth Braun.

In der NS-Zeit brachte sie in der Villa Opfer des Nationalsozialismus unter, rettete Verfolgte. 1941 wurde sie selbst mit 1000 Münchner Juden nach Kaunas in Litauen verschleppt und dort ermordet. Diese Vergangenheit, aber auch die Möglichkeit, hier zum Brückenkopf für Kultur und Kulinarik zu werden, möglichst viele Menschen zu erreichen und zu verbinden, habe die Idee von dem Café zum Herzensprojekt werden lassen, sagen beide.

Hohe Räume mit viel Glas könnten auch kühl wirken. Die Atmosphäre in dem neuen Lokal ist aber recht angenehm.
Hohe Räume mit viel Glas könnten auch kühl wirken. Die Atmosphäre in dem neuen Lokal ist aber recht angenehm. (Foto: Florian Peljak)

Wenn man sich in den hohen, aber gemütlichen Räumlichkeiten, mit viel Glas und Blick in den Innenhof, niederlässt, merkt man schnell, dass sich seit der Eröffnung vor gut dreieinhalb Wochen schon einige Stammgäste gefunden haben. Ein älterer Herr zum Beispiel kommt täglich auf einen Cappuccino und ein Croissant vorbei, eine jüngere Frau betont, hier die richtige Atmosphäre zum Arbeiten gefunden zu haben. Die einen kommen mit Hund, die anderen mit Kind. Michaela Rotstein-Tuchfeld begrüßt sie alle, als kenne sie diese schon ewig.

Und sie kümmert sich um das leibliche Wohl der Gäste. Es gibt Croissants und Teilchen zum Frühstück, Torten und Kuchen am Nachmittag und zwei bis drei frisch gekochte Gerichte: „So, wie ich für meine Kinder (Anm. d. Red.: zwei Söhne 13 und 16 Jahre alt) koche.“ An diesem Tag sind es Linsensuppe und überbackene Aubergine mit Sesampaste, israelischem Salat und Granatäpfeln. Am Tag zuvor gab es mit Bio-Hackfleisch gefüllte Paprika, Kürbissuppe und Pinsa mit Lachs oder Burrata, Tomaten und Rucola.

„Koscher ist das alles aber nicht“, sagt Rotstein, „dafür müsste man jemanden einstellen, der das überwacht – nicht machbar.“ Preislich bewegen sich die Gerichte zwischen sieben und elf Euro, die Kuchen zwischen vier und fünf Euro, der Cappuccino liegt bei 3,80 Euro. Moderat also für die Qualität, die einem in einer Lage geboten wird, die zu den hochpreisigen der Stadt gehört.

Doch das Lev ist nicht nur einfach ein Café. In ihm sollen auch kulturelle Veranstaltungen angeboten werden, einmal im Monat, kuratiert von Emanuel Rotstein. Im direkt an das Lokal angrenzenden Forum des Hauses will er von 2026 an ein „Gedenken in Wohnzimmeratmosphäre“ schaffen: mit Zeitzeugengesprächen, etwa mit Überlebenden aus der Shoah-Zeit, mit Menschen, die erzählen, wie es damals war, in einem amerikanischen Flüchtlingslager mitten in München, in Bogenhausen aufzuwachsen. Ein „Zikaron BaSalon“, wie Rotstein auf Hebräisch den fast privat anmutenden Gesprächskreis beschreibt. Er will dort zudem Filme zeigen, auch die eigenen, und darüber mit dem Publikum diskutieren: „Hitler in Hollywood“ wird also auch hier zu sehen sein, wenn er Ende 2026, Anfang 2027 auf Arte zu sehen sein wird.

Während er davon erzählt, serviert Michaela Rotstein-Tuchfeld einer jüngeren Frau einen heißen Tee aus frischer Minze. Die Frau überlegt noch, welchen Kuchen sie dazu möchte: „Wir“, sagt sie und deutet auf ihren Hund, „waren spazieren, und jetzt gibt es eine Belohnung.“ Michaela Rotstein-Tuchfeld lächelt: „Lassen Sie sich Zeit.“ Draußen ist es kalt und grau an diesem Tag, innen warm und herzlich. Eben ganz so, wie es der Name des Cafés verspricht.

Das Café Lev im Hildebrandhaus der Monacensia, Siebertstraße 2, (Hildebrandhaus auch Maria-Theresia-Straße 23) hat dienstags, mittwochs und freitags von 9.30 bis 17.30, am Donnerstag von 12 bis 19 Uhr und am Samstag von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Sonntags und montags bleibt es geschlossen.

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