Vom Model zur Salafistin: Hanna Hansen wirbt für die Scharia | ABC-Z

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass sich Hanna Hansen mit einer sanft lächelnd vorgetragenen Botschaft an ihre Follower bei Instagram oder Tiktok wendet. „Allah bleibt, egal wer gegangen ist, egal wer dich vergessen hat.“ Allah sei der, der den Menschen näher ist als ihr eigenes Herz, der alles weiß, was man fühle, jedes einzelne Flüstern höre. „Also komm, nicht zu einer neuen Religion, einem Trend, sondern zu dem einzig wahren Weg: dem Islam.“ Die 41 Jahre alte Hansen, die eigentlich Victoria Stadtlander heißt, ist der deutsche Shootingstar der salafistischen Bewegung.
Das ist schon deshalb erstaunlich, weil Mädchen und Frauen im Salafismus entsprechend der strikt patriarchalen Ausrichtung der Ideologie eine nachgeordnete, auf die eigene Familie ausgerichtete Rolle zu spielen haben. Doch als in den vergangenen Jahren vermehrt männliche Dschihadisten in den Fokus der Sicherheitsbehörden gerieten und häufig zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, wuchs die Bedeutung der Frauen in der Szene.
Hinzu kamen nach dem militärischen Zusammenbruch der Terrororganisation „Islamischer Staat“ mehrere Dutzend Rückkehrerinnen aus den Kriegsgebieten in Syrien und dem Irak. Längst haben Frauen bei der Verbreitung von salafistischer Propaganda via Messengerdienst und Social Media eine entscheidende Bedeutung als „Ideologieproduzentinnen“, wenn auch überwiegend im Hintergrund, wie der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz schon vor einiger Zeit formulierte.
Bei der im westfälischen Herford geborenen Stadtlander ist das anders. Sie ist derzeit eine der wichtigsten Identifikationsfiguren der Szene. Dass Stadtlander früher ein Glamour-Leben führte, mit dem sie radikal gebrochen hat, scheint sie für ihre sinnsuchenden Follower umso glaubwürdiger zu machen.
Unter dem Künstlernamen Hanna Hansen legte Stadtlander in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehrere bemerkenswerte Karrieren hin: 2004 kam sie beim Miss-Germany-Wettbewerb auf Platz zwei, war ein international erfolgreiches Model, jettete in die Modemetropolen Paris, Mailand, New York. Heute tritt sie streng verhüllt im Hidschab auf, damals aber ließ sie viele freizügige Bilder und Videosequenzen von sich machen, die ihre Fans heute noch im Netz finden können. Später war sie als DJane für elektronische Musik erfolgreich. Eine dritte beeindruckende Karriere machte sie als Kickboxerin, wurde deutsche Meisterin und Weltmeisterin.
Aus ihrem schillernden Vorleben hat Stadtlander nur ihren Künstlernamen und ihre große Reichweite in den sozialen Medien übernommen. Bei Tiktok und Instagram folgen ihr mehr als 500.000 Menschen. Mit sanfter Stimme erklärt sie ihnen, warum all das verwerflich ist, was ihr bisheriges Leben ausmachte. Freiheit bedeute, dem „Allmächtigen zu dienen“, die Emanzipation der Frau führe in die Hölle, der Feminismus sei eine Gefahr. Ihr von westlichen Werten geprägtes Leben habe sie nicht erfüllt. Erfüllung habe sie erst durch den Koran gefunden, den sie strikt fundamentalistisch auslegt.

Von der Scharia, dem islamischen Recht, ist Hansen überzeugt. Sie propagiert die strikte Abgrenzung vom „sündigen“ Westen, hetzt gegen die „zionistische Presse“ und präsentiert ultrakonservative Rollenbilder als attraktiven Alternativ-Lifestyle. Andere Frauen ermahnt sie, sich nicht zu „verschenken“, sondern als „Diamanten“ vor männlichen Blicken zu schützen, also zu verhüllen. „Das Kopftuch ist eine Pflicht für jede Muslima“, heißt es an prominenter Stelle auf ihrem Instagramprofil.
Regelmäßig postet sie auf ihren Kanälen Clips, in denen sie wieder einer neuen „Schwester“ das islamische Glaubensbekenntnis abnimmt. Auch in der Offline-Welt ist Hansen sehr aktiv: Manchmal hält sie mehrfach im Monat in ganz Deutschland Vorträge, lädt in Cafés oder Moscheen zu „Schwesterntreffen“ oder zu „Picknicks“ in öffentlichen Parks ein. Sie wirbt für Pilgerreisen nach Mekka und treibt per emotionaler Ansprache mit ihrem Verein „Helfende Hand“ nicht nur Spenden für Afrika ein, sondern angeblich auch, um eine Schule für Mädchen in Afghanistan aufzubauen – wo die herrschenden islamistischen Taliban Mädchen systematisch von Bildung fernhalten.
Der Verfassungsschutz beobachtet Hansen
Für den Islam zu werben, ist durch die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit gedeckt. Die Meinungsfreiheit schützt auch abwegige und sogar extreme Ansichten von Ultrareligiösen. Extremistische Salafisten stellen aber die freiheitlich-demokratische Grundordnung infrage, indem sie das Prinzip der „göttlichen Souveränität“ predigen, wonach die Gesetzgebung ausschließlich von Gott ausgehen kann, niemals aber vom Volk.
Deshalb beobachten der nordrhein-westfälische und der bayerische Verfassungsschutz auch Hanna Hansen, die nach eigenen Angaben schon vor einigen Jahren zum Islam konvertiert sein will. Berührungspunkte zum Islamismus ließ sie anfangs nicht erkennen. „Erst Anfang 2024 fiel sie durch Bezüge in die Szene auf, die sich im Lauf des Jahres weiter verfestigten“, heißt es vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz. Mit allen maßgeblichen nationalen und internationalen Größen des Salafismus sei sie vernetzt, so die Behörde.
Vor Kurzem wurde bekannt, dass Hansen mittlerweile mit dem selbsternannten Prediger Sven Lau nach islamischem Recht verheiratet ist – als dessen dritte Ehefrau. Angeblich soll es auf einer Mekka-Fahrt zwischen den beiden gefunkt haben.

Lau ist ein prominentes Beispiel dafür, wie rasch die Radikalisierung von Salafisten voranschreiten kann, weil der Dschihadismus mit dem Salafismus dieselbe ideologische Basis teilt. Der Berufsfeuerwehrmann aus Mönchengladbach war neben Pierre Vogel zeitweilig einer der „Stars“ der deutschen Salafisten-Szene. Überregionales Aufsehen rief er mit seinem Moscheeverein „Einladung zum Paradies“ hervor, der bis zur Selbstauflösung 2011 eines der wichtigsten salafistischen Netzwerke in Deutschland war.
Und 2014 war Lau dann der Initiator der „Scharia-Polizei“: Mit einer Gruppe befreundeter Männer war Lau mehrfach in orangefarbenen Westen durch das nächtliche Wuppertal gezogen, um junge Muslime an die Regeln für ein Leben nach islamischem Recht zu erinnern. In dieser Zeit zählten die Sicherheitsbehörden Abu Adam, wie sich Lau nannte, schon nicht mehr zum friedlichen Teil der Szene. Die Ermittler fanden heraus, dass er unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe eine Untergruppe der Terrormiliz „Islamischer Staat“ mit Geld und Sachleistungen wie einem ausrangierten Notarztwagen unterstützt hatte und junge Männer aus seinem Umfeld zur Ausreise in den „Heiligen Krieg“ anstiftete. Lau war selbst für kurze Aufenthalte nach Syrien gefahren. Ende Juli 2017 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu fünfeinhalb Jahren Haft.
„Die sind so ein bisschen gegen mich am Hetzen“
Im Gefängnis schien er sich zu wandeln. Lau nahm an einem Ausstiegsprogramm teil, gab sich in einem Interview geläutert und kam nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe auf freien Fuß. Das Gericht bescheinigte ihm nach Rücksprache mit Gutachtern und dem Generalbundesanwalt, er habe sich von seiner ursprünglichen radikal-islamischen Haltung „deutlich distanziert“.
Doch kaum war seine fünfjährige Bewährungszeit 2024 abgelaufen, soll er wieder in der salafistischen Szene aktiv geworden sein und eine radikalislamische Veranstaltung in Mannheim besucht haben. Lau selbst beteuert seine Abkehr. Wie er in seinem Podcast auf Spotify im Frühjahr betonte, arbeite er nach wie vor an seiner Resozialisierung, wolle aber auf keinen Fall „de-islamisiert werden“, sondern sich auf seine Familie konzentrieren – zu der als „Drittfrau“ nun eben auch Hanna Hansen zählt, der aktuelle Topstar der salafistischen Social-Media-Blase.
Hansen selbst findet sich nicht radikal. In einem ihrer neuesten, in einer Moschee aufgenommenen Instagram-Reels zitiert sie den Salafisten Pierre Vogel: „Ich gebe dem 1000 Euro, der mir eine Sache findet, wo ich radikal extremistisch geredet habe.“ Das könne sie sofort unterschreiben. Derzeit habe sie „ein bisschen Schwierigkeiten“ mit der Öffentlichkeit, sagt sie dann gar nicht so freundlich säuselnd wie sonst. „Die sind so ein bisschen gegen mich am Reden und am Hetzen.“ Das sei alles nicht die Wahrheit.
Trotzdem komme die „meist zionistische Presse – ist ja nun mal so – von außen und drückt mich einfach in eine Ecke“. Wird sie angegriffen, wechselt Hansen wieder in die Sprache der Profiboxerin.





















