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München: Amiris Appell gegen die Gleichgültigkeit – München | ABC-Z

An diesem Morgen, sagt Natalie Amiri, habe ein Klavier sie zum Lächeln gebracht. Beim Blick aus dem Fenster habe sie gesehen, wie es in einer gegenüberliegenden Wohnung angeliefert worden sei. Es sei ein Lächeln der Freude gewesen – über eine Freiheit, die vielen Menschen auf dieser Welt verwehrt bleibe. In Iran, wo die Journalistin lange als Korrespondentin tätig war, seien Musikinstrumente von den Milizen des islamistischen Regimes lange Zeit noch auf der Straße zerstört worden, sobald sie diese in den Händen eines Menschen sahen. Denn Musik ist in Iran ein fundamentales Element des Strebens nach Freiheit.

Während Natalie Amiri, Tochter einer Deutschen und eines Iraners, diese Anekdote erzählt, hat sie Tränen in den Augen, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Abend. Die 47-Jährige steht am Rednerpult im voll besetzten Audimax der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Dort hält sie am Mittwochabend die Gedächtnisvorlesung zur Erinnerung an die Weiße Rose, die Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, der auch Hans und Sophie Scholl angehörten. Im Publikum lauschen neben Studierenden und LMU-Vertretern auch Gäste aus Politik und Gesellschaft. Angehörige der Mitglieder der Weißen Rose Stiftung sind ebenso anwesend wie die Holocaust-Überlebenden Eva Umlauf und Charlotte Knobloch.

Am 18. Februar 1943 wurden die Geschwister Scholl an der LMU verhaftet, nachdem sie Flugblätter verteilt hatten; am 22. Februar 1943 wurden sie gemeinsam mit ihrem Freund Christoph Probst im Gefängnis München-Stadelheim hingerichtet.

Es sei „die größte Ehre“ in ihrem Leben, diese Vorlesung halten zu dürfen, sagt Amiri. Sophie Scholl sei das einzige Vorbild, das sie je gehabt habe. Mutig – und bereit zu handeln angesichts des Verlusts von Freiheit. Auch wenn der Preis des eigenen Handelns hoch sein sollte. Denn Freiheit, so Amiri, sei der Kern der Demokratie. „Was würde Sophie Scholl heute sagen, um die Demokratie zu verteidigen?“

Sophie Scholl habe sich entschieden, anders zu handeln als ein Großteil der Deutschen, um die Freiheit zu verteidigen. In dem Satz „Als Einzelner kann ich nichts bewirken“ stecke keine Wahrheit, sagt Amiri. Er sei lediglich eine Ausrede, eine bequeme Rechtfertigung, nichts zu tun. „Wissen Sie, wir leben wieder in einer Zeit, in der etwas zu tun ist.“

Am meisten Angst, so Amiri, machten ihr die „gleichgültigen Demokraten“, die glaubten, in einem autoritären System genauso gut weiterleben zu können wie in Freiheit; die nicht begriffen, dass erst die Demokratie all die Strukturen zulasse, auf denen ihr gutes Leben beruhe. Doch den meisten Menschen fehle es an der Erfahrung der Abwesenheit von Freiheit, erklärt Amiri. Und mit ihr „das Empfinden für die Einmaligkeit, die Besonderheit, die Menschlichkeit der Freiheit“.

In Iran gingen die Leute trotz aller Gefahr auf die Straße, sie seien mutig, wie einst Sophie Scholl, und ebenso wie sie bereit, für ihre Freiheit den höchsten Preis zu zahlen: das Leben. Von den iranischen Frauen habe sie gelernt, keine Angst mehr zu haben, sagt Amiri. Und sie habe gemerkt, dass auch sie immer ein bisschen mutiger sein könne, als sie zuvor geglaubt habe. „Jedes Mal ein Stückchen mutiger.“ Und trotz aller Brutalität, mit der das Regime bisher die Aufstände in Iran niedergeschlagen habe – „sie werden wieder auf Straße gehen, bis sie ihre Freiheit erreichen“, sagt Amiri.

Natalie Amiri (links) hält in diesem Jahr die Gedächtnisvorlesung. Neben ihr sitzt Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung. Im Publikum sitzt auch CDU-Politiker Armin Laschet (rechts). (Foto: Johannes Simon)
Hildegard Kronawitter, Natalie Amiri und Matthias Tschöp, Präsident der LMU, gedenken der Mitglieder der Weißen Rose.
Hildegard Kronawitter, Natalie Amiri und Matthias Tschöp, Präsident der LMU, gedenken der Mitglieder der Weißen Rose. (Foto: Johannes Simon)

Anders als in Iran brauche es in Deutschland keinen besonderen Mut, seine Meinung zu sagen. In Deutschland sei es das Recht eines jeden Menschen, dies zu tun. Wichtig sei aber, dass man von diesem Recht auch Gebrauch mache. „Wir in Deutschland“, sagt Amiri, „sollten jeden Morgen, wenn wir aufstehen, unsere Demokratie feiern“. Dazu gehöre es auch, sich einzumischen, Widerspruch zu geben, dem Widerspruch zu widersprechen, „Stopp“ zu sagen, wenn ein Mensch in seiner Würde angegriffen werde. Deutschland gehöre zu den lediglich 7,8 Prozent der 63 Demokratien auf dieser Welt, die als vollständige Demokratie gelten. „Wie groß muss der Druck noch werden, damit die Menschen beginnen, wirklich zu reagieren?“

In Deutschland sieht Amiri die größte Gefahr für die Demokratie derzeit in der AfD, die, wie einst die NSDAP, eine gewählte Partei sei. Die AfD habe es geschafft, ein normaler Teil der Parteienlandschaft zu werden, doch dies sei sie nun eben nicht. Sie sei eine Partei voller Verachtung und Zerstörungslust für die Demokratie, ganz ohne dies zu verstecken. „Niemand kann sagen, er sei getäuscht worden. Damals wie heute.“

„Der Demokrat nur als Zuschauer der Demokratie ist nicht verwertbar“, erklärt Amiri. Ohne das Wegschauen von Millionen Menschen wäre die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten nicht möglich gewesen. Schweigen sei eine Entscheidung. Und nichts zu tun, bedeute eine Mitschuld. Das habe auch Sophie Scholl gewusst. „Ich kann nicht begreifen, wie man die Augen schließen kann vor allem, was geschieht“, schrieb sie 1942 in ihr Tagebuch. Die Demokratie lebe vor allem von Menschen, die Verantwortung übernähmen, auch wenn es unbequem sei. „Bitte seien Sie nicht gleichgültig! Bitte handeln Sie!“

Es ist eine eindringliche Rede, die Natalie Amiri an diesem Abend hält. An einer Stelle lässt sie das Lied „Baraye“ des iranischen Musikers Shervin Hajipour abspielen, das bei den Protesten 2022 zur Hymne der Freiheit wurde. Die Menschen im Saal schließen die Augen, und Amiri verliest Wünsche. Wünsche, für die Menschen in Iran zu sterben bereit sind, Wünsche von Menschen, die von Diktatoren beherrscht werden – „Wünsche, die bei uns alle erfüllt sind“.

„Es lebe die Freiheit!“ Das waren die letzten Worte Hans Scholls, vor seiner Ermordung durch das NS-Regime, und Natalie Amiri beendet mit diesen Worten ihre Vorlesung: „Er wusste, wovon er sprach.“

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