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Eishockey bei Olympia: Draisaitl erfüllt die Erwartungen nach 23 Sekunden – Sport | ABC-Z

Dreiundzwanzig Sekunden, in Zahlen: 23. So lange dauerte es, bis Leon Draisaitl all den Vorschusslorbeer zum Blühen brachte. Erster Schuss, erstes Tor. Und ein Zeichen an die Gegner, an die eigenen Kollegen, an die Eishockey-Nation: Ich bin da.

Einen Pass von Frederik Tiffels lenkte der 30-jährige Stürmer von den Edmonton Oilers ins dänische Tor, ballte einmal die Faust und grinste wie der kölsche Bub, der schon im Nachwuchs mit seinem besten Kumpel die Pucks ins Tor gezaubert hat. „Cool, dass Freddy und ich das zusammen gemacht haben“, sagte der Torschütze. „So haben wir früher auf der Straße gespielt in Köln als kleine Kids.“ Was Hänschen gelernt hat, klappt offenbar auch beim Hans noch.

Wer die deutschen Fans am Donnerstagabend nach Rho hinauspilgern gesehen und sie ein wenig belauscht hatte, konnte den Eindruck gewinnen, Siegfried und Roy wären auferstanden, um noch einmal ihre besten Las-Vegas-Tricks aufzuführen. Habt ihr gehört? Der Zirkus ist in der Stadt! Die besten Artisten aller Herren Länder werden zwölf Tage lang zeigen, was es sonst nur im Pay-TV zu sehen gibt. Da muss man dabei sein.

Die Erwartungen an dieses olympische Eishockeyturnier, das erste seit 2014 mit den Profis aus der Glamourliga NHL, und an diese deutsche Mannschaft, die womöglich die talentierteste der DEB-Geschichte ist, sie waren enorm. Das 3:1 gegen robuste Dänen konnte sie bedingt erfüllen. Es dauerte ein Drittel, bis die Mechanismen im deutschen Spiel griffen, die Pässe an ihrem Bestimmungsort ankamen. Draisaitl, der mit großer Gewissheit begabteste Spieler der deutschen Eishockeygeschichte, erfüllte die Erwartungen schon nach 23 Sekunden.

Ein frühes Tor kann Sicherheit geben. Es kann einen aber auch in trügerischer Sicherheit wiegen. Die Spieler müssten ihre Laufrouten noch justieren, hatte Bundestrainer Harold Kreis vor dem Spiel gesagt. Die Mannschaft ist erst seit Sonntag komplett, die Eisfläche ist kleiner als gewohnt. Und die Dänen waren nicht gewillt, den Deutschen jeden Trick durchgehen zu lassen. „Das sind alles gute Mannschaften hier“, erinnerte Draisaitl. „Die werden jetzt nicht, nur weil es 1:0 steht, einpacken und sagen: Gute Nacht, wir fahren nach Hause.“ Ganz und gar nicht. Die Dänen machten sich erst recht und mit der branchenüblichen Körperlichkeit daran, die eine oder andere Illusion der Deutschen zu entzaubern.

Das kleine Eis in Mailand ist ungewohnt für manchen deutschen Eishockeyprofi

Oscar Moelgaard, Teamkollege von Philipp Grubauer in Seattle, mogelte einen Pass von Nikolaj Ehlers – Simsalabim – unter dem Schoner des deutschen Torwarts zum 1:1 ins Netz (14.). Am Ende dieses ersten olympischen Drittels, das für die deutsche Mannschaft so erfreulich begonnen hatte, hatten die Dänen öfter aufs Tor geschossen.

Nico Sturm hatte vor diesem ersten Härtetest auf dem kleinen Mailänder Eis gewarnt: „Wir werden nicht viel zaubern können.“ Und wer ein Kaninchen aus dem Zylinder zaubern will, muss vorher zumindest eins darin versteckt haben. Hatten die Deutschen etwa das Kaninchen vergessen? Draisaitl hatte darauf hingewiesen, Erfolg werde es nur über die Mannschaft geben, nicht über ihn allein. Und die Mannschaft reagierte.

John-Jason Peterka legte auf für Tim Stützle, beide Leistungsträger in ihren NHL-Teams in Utah und Ottawa. Und Stützle hatte vier Jahre nach seinem WM-Debüt sowie ein Jahr nach einer für ihn unglücklich verlaufenen WM in Dänemark endlich, endlich seinen ersten Länderspieltreffer erzielt (25.). „Hat ganz schön lang gedauert“, sagte er später. Nach dem 2:1 rodelte er auf seinem culetto übers Eis: So sieht das also aus, wenn Hochbegabte sich auf den Hosenboden setzen.

Und sobald es mal läuft, reicht es manchmal schon, wenn man im Powerplay den Gegner anschießt: Wieder war es Stützle, der nach Pass von Draisaitl als letzter Deutscher an der Scheibe war (31.). Der 24-Jährige, in manch vorherigem Länderspiel noch von seinen eigenen Erwartungen erdrückt, jubelte seine späte Erleichterung in die Mailänder Hallenluft. Es geht ja doch im Nationaltrikot!

Zunehmend ließ sich das Spiel erkennen, das Kreis von seiner Mannschaft sehen will. Die Deutschen hatten nun ihr Navigationssystem kalibriert, flitzten wie auf unsichtbaren Linien ihre einstudierten Routen entlang und zwangen die Dänen dazu, die Scheibe immer häufiger unkontrolliert aus der eigenen Zone zu schlagen. Grubauer, in dieser Saison einer der stärksten NHL-Torhüter, untermauerte seine Leistung zudem mit 37 Paraden und einer fantastischen Fangquote von 97 Prozent. „Die Jungs haben es mir leicht gemacht“, sagte der Schlussmann.

„Im letzten Drittel haben wir es sehr gut gemacht, sehr gut weg verteidigt“, konstatierte Kapitän Draisaitl. Er selbst gab den umsichtigen Zirkusdirektor, der die Nummern ansagt und sich nicht selbst zur größten Attraktion aufspielt. Er leistete es sich sogar, allein vor dem Tor der Dänen einen Konter auszulassen. Der Laden gehört ihm ohnehin.

Mit einem Sieg am Samstag (12.10 Uhr/ARD und Eurosport) gegen Lettland hätte die DEB-Auswahl alle Chancen, sich als einer von drei Gruppensiegern oder als bester Gruppenzweiter direkt fürs Viertelfinale zu qualifizieren. Zum Abschluss der Vorrunde wartet am Sonntag allerdings Weltmeister USA. Und Obacht: „Auch die Letten werden zurückpushen. Das wird in jedem Spiel so sein, damit muss man leben“, sagte Draisaitl. Mit der ersten Vorstellung war er ganz zufrieden.

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