Friedensnobelpreisträgerin Olexandra Matwijtschuk dokumentiert russische Kriegsverbrechen in der Ukraine | ABC-Z

Zu Beginn des Bühnengesprächs mit Olexandra Matwijtschuk spricht die Journalistin Sabine Adler eine Warnung an ihre Zuhörer aus. Es sei stets eine große Freude, mit der ukrainischen Menschenrechtlerin zu reden. „Aber ich warne Sie: Es ist auch immer wieder sehr traurig.“
Seit vier Jahren verteidigt sich die Ukraine gegen Russland. Matwijtschuk und ihr Team dokumentieren die russischen Kriegsverbrechen. Sie spricht über Folter an ukrainischen Soldaten, die in russische Gefangenschaft geraten. Und sie gibt den zivilen Opfern in der Ukraine eine Stimme. Zum Beispiel dem zehnjährigen Ilja. Matwijtschuk schildert, wie der Junge und seine Mutter in Mariupol unter Beschuss gerieten, als die Russen die Stadt eingekesselt hatten. Sie retteten sich mit letzter Kraft in eine Wohnung. Dort lagen sie stundenlang, fest umarmt auf einem Sofa. „Die Mutter starb in seinen Armen.“
Es ist nur eine Geschichte von vielen, die Matwijtschuk und ihre Kollegen recherchiert und dokumentiert haben. Die ukrainische Menschenrechtsanwältin leitet das Zentrum für bürgerliche Freiheiten in Kiew und wurde 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die Menschenrechtler identifizieren Täter und sammeln Beweise.
„Wir dokumentieren diese Fälle nicht für die Archive“
„Wir dokumentieren diesen Horror“, sagt sie. Denn diese Hölle sei das Ergebnis der Straffreiheit, die Russland seit Jahrzehnten genieße, auch in anderen grausamen Konflikten. „Sie glauben, sie können tun, was sie wollen. Wir dokumentieren diese Fälle nicht für die Archive. Sondern für Gerechtigkeit.“
In der Evangelischen Akademie am Frankfurter Römerberg schildert Matwijtschuk nicht nur individuelle Schicksale wie das von Ilja und seiner Mutter, die die Zuhörer im vollbesetzten Saal sichtlich berühren. Sie analysiert auch die Situation im fünften Kriegsjahr. Und sie spricht davon, wie der Nobelpreis ihre Arbeit verändert hat. „Der Preis bedeutet mehr Verantwortung. Er gibt uns eine Bühne, um die Stimmen der Leidenden lauter zu machen.“
Matwijtschuk hat schon Hunderte Kriegsgefangene nach ihrer Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft interviewt. „Es gibt wenig, was mich noch überrascht“, sagt sie. Wie aber hält sie das aus? Es sei nicht leicht, sich jeden Tag mit menschlichem Leid zu beschäftigen. Aber sie habe eines verstanden: „Unsere Verletzlichkeit ist unsere Stärke. Ich kann diese Arbeit machen, weil ich Empathie habe.“
Generatoren aus Deutschland gegen die Kälte
Die Ukrainerin dankt auch für die Unterstützung aus anderen europäischen Ländern. „Wir haben überlebt, dank euch.“ Solidarität bedeute nicht nur, geflohene Ukrainer herzlich aufzunehmen, wie dies in Deutschland geschehen sei. „Solidarität bedeutet auch Infrastruktur“, sagt sie und erinnert an Freiwillige aus Deutschland, Belgien und Dänemark, die im kalten Winter Generatoren nach Kiew brachten.
Matwijtschuk hat auch eine Antwort auf die Frage, wie der Krieg beendet werden kann. Dass man mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin Kompromisse finden kann, sei Wunschdenken. „Putin will ein russisches Imperium wieder herstellen. Die Opfer sind ihm egal.“ Es gebe deshalb nur einen Weg: Der Krieg müsse für Putin kostspieliger werden als der Frieden.
Was geschehe, wenn die Ukraine unter russische Besatzung gerate, könne man in den besetzten Gebieten im Osten der Ukraine erkennen. Wer nicht kollaboriere, werde verfolgt, sagt Matwijtschuk und berichtet von einem Pfarrer, der zu Tode gefoltert wurde. Die Kinder in den besetzten Gebieten würden schon im Kindergarten brutalisiert, verroht und militarisiert. „Wir müssen unsere Kinder vor der russischen Besatzung beschützen.“
Gestern waren die Soldaten noch Bauern oder Musiker
Auch deswegen hätten sich schon mehr als 17.000 Frauen zur ukrainischen Armee gemeldet, „um ihre Familie und ihr Land zu verteidigen“. Auch engste Freundinnen von ihr sind darunter. „Unsere Armee ist eine der Zivilbevölkerung. Gestern noch waren diese Menschen Bauern oder Musiker.“
Adler stellt auch die Frage nach dem Schuldgefühl jener Menschen, die den Eindruck haben, es reiche nicht aus, was sie tun. Viele Menschen fühlten sich hilflos, antwortet Matwijtschuk. „Wir sind nur Tropfen im Ozean. Aber zusammen sind wir das Meer.“
Am Ende eines mitreißenden Abends erntet Matwijtschuk nicht nur tosenden Applaus. Die Zuhörer erheben sich und klatschen im Stehen, minutenlang. Vermutlich sehen sie es ähnlich wie Christoph Kehr-von Plettenberg, dessen Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik den Abend mit organisiert hat: „Die Ukraine verteidigt unser aller Frieden.“





















