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FC Liverpool in der Champions League: Slot muss den Kursabsturz verhindern – Sport | ABC-Z

Der bisherige Saisonverlauf des FC Liverpool dürfte John Henry an einen volatilen Aktienkurs erinnern: ein stetiges Auf und Ab, ohne jede Konstanz in den Ergebnissen. Der US-Amerikaner, der den Weltklub von der Merseyside über seine Holding Fenway Sports Group (FSG) besitzt, hat sein Vermögen einst mit dem Handel von Rohstoffen an der Börse gemacht. Zu seinen besonderen Fähigkeiten zählt, sich von vorübergehenden Hochs und Tiefs nicht aus der Ruhe bringen zu lassen – eine Eigenschaft, die er auch bei seinen Entscheidungen für die Reds unter Beweis stellt.

Trotz des alarmierenden 0:4-Debakels gegen Manchester City im FA Cup am Osterwochenende (be­reits die dritte Saisonniederlage gegen den Erzrivalen) hält Henry vorerst am zunehmend unter Druck geratenen Trainer Arne Slot fest. Die harte Währung für den Besitzer ist die erneute Qualifikation für die Champions League. Diese kann sein Verein ja immer noch auf zwei Wegen sichern: über mindestens Platz fünf in der Premier League, denn dank der starken Leistungen englischer Fußballklubs in Europa wird es höchstwahrscheinlich einen zusätzlichen Startplatz geben – oder eben über den Gewinn der Champions League, der automatisch die Teilnahme garantiert. Derzeit belegt der LFC in der Liga genau diesen fünften Rang; und im Europapokal geht es im Viertelfinale gegen den Titelverteidiger Paris Saint-Ger­main.

Ein Verpassen dieses minimalen Saisonziels käme für die Liverpooler Ambitionen finanziell einem signifikanten Kursabsturz gleich. Historisch hat die Führungsriege um Henry in solchen Situationen unterschiedlich gehandelt. Während nach der Klub-Übernahme im Jahr 2010 mehrere Trainer gehen mussten, sprach man später Slots Vorgänger Jürgen Klopp in schwierigen Zeiten unverrückbar das Vertrauen aus. Ähnliches gilt derzeit für Slot, dessen Vertrag noch ein Jahr läuft. Der Niederländer wurde als Nachfolger Klopps 2024 in einem sorgfältigen Auswahlprozess bestimmt und erarbeitete sich durch die Meisterschaft in seiner ersten Saison den Respekt des Klubs. In dieser Spielzeit geriet sein Team allerdings in eine Krise, die er bislang nicht lösen konnte – auch weil die Verantwortung dafür nicht allein bei ihm liegt.

Auslöser war der gewaltige, aber notwendige Umbruch im Profikader vergangenen Sommer: Zehn Spieler verließen den Klub für insgesamt 220 Millionen Euro, während sechs neue Spieler für 480 Millionen verpflichtet wurden. Dabei unterliefen dem Management rückblickend mehrere Fehleinschätzungen in der Kaderplanung. Zunächst verlängerte der Verein nach langen Überlegungen die Verträge mit Torjäger Mohamed Salah, 33, und Kapitän Virgil van Djik, 34, jeweils um zwei Jahre. Beide Routiniers konnten danach jedoch nicht mehr an ihr herausragendes Niveau aus den Vorjahren anknüpfen. Kürzlich gaben der Klub und Salah bekannt, sich bereits nach dieser Spielzeit zu trennen.

In guten Partien gelingt es, Kraftfußball mit Ballbesitzansatz zu verbinden

Der nachlassende Einfluss der beiden Galionsfiguren wirkt sich unmittelbar auf das Spiel der Mannschaft aus, der es defensiv an Stabilität und offensiv an Durchschlagskraft fehlt. Dies war auch jüngst gegen City zu beobachten, als Salah einen Elfmeter verschoss sowie mehrere hochkarätige Chancen ausließ, und van Dijk auf der Gegenseite ungeschickt einen Strafstoß verursachte, der zum 0:1 führte. Als Alternative für den Angriff hatte Liverpool am letzten Transfertag den Rekordkauf von Newcastles Alexander Isak (150 Millionen Euro) getätigt. Zudem hatte man vergeblich versucht, den Innenverteidiger Marc Guéhi von Crystal Palace abzuwerben; im Winter ging Guéhi zu Manchester City. Isak wiederum kam körperlich nicht fit nach Liverpool und wird seither von Verletzungen zurückgeworfen.

Dieser Substanzverlust ist kaum aufzufangen. Dem Spiel des LFC mangelt es regelmäßig an Intensität und Widerstandskraft, insbesondere auswärts. Mit der Unterstützung der eigenen Fans in Anfield wurden immerhin einige wichtige Siege erzielt: Slots Mannschaft schlug etwa drei Champions-League-Viertelfinalisten – Real Madrid und Atlético Madrid in der Champions League und Arsenal in der Liga. In diesen Partien gelang es den Reds wie im erfolgreichen Vorjahr, Klopps Kraftfußball mit Slots Ballbesitzansatz zu verbinden. Gelingt das nicht, sehen die Darbietungen oft erschreckend identitätslos aus.

„Niemand kann irgendetwas verlässlich vorhersagen“, hat Liverpool-Eigentümer John Henry über Investments an der Börse gesagt. Das gilt auch für den Klub.
„Niemand kann irgendetwas verlässlich vorhersagen“, hat Liverpool-Eigentümer John Henry über Investments an der Börse gesagt. Das gilt auch für den Klub. Michael Regan/Getty

Diesen Vorwurf muss sich Slot gefallen lassen: Seine Personalauswahl trägt offenbar dazu bei, dass seiner Mannsch­aft häufig die notwendige Frische fehlt. Nach den bisherigen zehn Champions-League-Spielen in dieser Saison konnte Liverpool anschließend in der Liga nur drei Siege verbuchen. Der Trainer setzt nahezu ausschließlich auf eine feste Startelf. Entsprechend klafft in der Liste der Einsatzminuten in der Premier League eine enorme Lücke zwisch­e­n Stamm- und Ersatzspielern: Hugo Ekitiké, der am elfthäufigsten eingesetzte Spieler auf dem Rasen, kommt auf knapp 500 Minuten mehr als Curtis Jones, auf fast 900 Minuten mehr als der seit geraumer Zeit verletzte Conor Bradley – und sogar auf über 1000 Minuten mehr als Andrew Robertson auf Platz 14. Bezeichnend ist auch die kuriose Bilanz des Angreifers Federico Chiesa: Trotz 23 Einsätzen absolvierte er nur 278 Minuten, im Schnitt also zwölf pro Spiel.

Slots Misstrauen in die Kaderbreite hat sich bereits in der Meistersaison abgezeichnet. Kürzlich sagte der Trainer rückblickend, einer der Gründe für den Titel könnte das frühe Champions-League-Aus gegen PSG im Achtelfinale gewesen sein, weil sein Team danach jeweils eine ganze Woche zur Vorbereitung auf die Ligaspiele blieb. Und weil er deshalb nicht groß rotieren musste, sondern weitgehend seiner Stammelf vertrauen konnte.

Vor dem neuerlichen PSG-Duell ist Slot maßgeblich auf eine positive Reaktion seiner Führungsspieler angewiesen, die er öffentlich überwiegend stützt. Für den Trainer geht es nun eben darum, zumindest die Champions-League-Qualifikation zu bewerkstelligen, um dann womöglich weitere Korrekturen im Kader vornehmen zu können. In die Transferplanungen des Klubs sei er bereits eingebunden, versicherte er unlängst und fügte spitz hinzu: „Ich weiß, warum ihr danach fragt.“ Seit Wochen wird in den englischen Medien eine Rückkehr des Spaniers Xabi Alonso thematisiert, der einst für den LFC spielte und nach seinem Rauswurf bei Real Madrid als potenzieller Nachfolger zur Verfügung stünde.

„Niemand kann irgendetwas verlässlich vorhersagen“, sagte FSG-Chef John Henry einmal über Investments an der Börse. Dasselbe könnte er derzeit auch über seinen FC Liverpool sagen.

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