SWR-Premiere beim Vorentscheid: Feurige Show mit Vollbremsungen | ABC-Z

“So eine Kompetenz das findest du nirgendwo sonst in Berlin”, scherzte Hazel Brugger irgendwann an diesem Samstagabend, als sie dem Publikum die 20-köpfige internationale Jury vorstellte, die eine Vorauswahl darüber zu treffen hatte, welche drei Acts sich dem abschließenden Voting der Zuschauerinnen und Zuschauer stellen durften. Sie hatten schließlich die Wahl zwischen Molly Sue mit ihrem melancholischen Song “Optimist (Ha Ha Ha)”, der unkonventionellen Rock-Nummer “Black Glitter” von wavvyboi und dem eingängigen Popsong “Fire” von Multitalent Sarah Engels.
Es war vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse, die ein “Brennpunkt” kurz zuvor noch einmal eindringlichvor Augen führte, eine vergleichsweise unbedeutende Frage, die es im großen Studio in Berlin-Adlershof innerhalb von drei Stunden zu beantworten galt. Und doch ging es um nichts weniger als um die Teilnahme an der größten Musikshow der Welt, dem Eurovision Song Contest – zu dem das Publikum schließlich Sarah Engels schickte. Eine Entscheidung, die innerhalb der durchaus prominent besetzten Fachjury auf einigermaßen großes Unverständnis stieß, wie die auffällig zurückhaltenden Reaktionen nahelegten, als die 33-Jährige weit nach 23 Uhr zur Siegerin des Abends ausgerufen wurde.
Doch nun geschieht der Wille des Publikums, der Engels zugleich zur ersten Vertreterin macht, die unter der Federführung des SWR zum ESC entsandt wird. Seinen Premieren-Vorentscheid, inzwischen “deutsches Finale” genannt, hatte der SWR zuvor genutzt, um erkennbar an einigen Stellschrauben zu drehen. Weniger Casting als noch vor einem Jahr bei Stefan Raabs zwischenzeitlicher ESC-Rückkehr auf der einen, deutlich aufwendigere Inszenierungen als bei früheren Vorentscheiden, die der NDR zu verantworten hatte, auf der anderen Seite Tatsächlich hatte der SWR ja genau das im Vorfeld angekündigt: Bei der Auswahl der Acts nicht nur auf die Songs zu achten, sondern auch auf die Performance.
Und hierbei gab sich der Sender zusammen mit der Produktionsfirma Kimmig Entertainment erkennbar Mühe: Vom bunten Italien-Trip mit wackelndem roten Flitzer über den feinfühligen Ballett-Auftritt, der um Molly Sue gestrickt wurde, bis hin zu Feuer-Spektakel, das deren späteren Siegerin mächtig einheizte: Beim “deutschen Finale” konnte sich das Publikum schon einen sehr guten Eindruck davon verschaffen, wie die Songs auf der großen Bühne rüberkommen. Ein echter Fortschritt, verglichen mit früheren Jahren.
Dazu kamen ein amüsantes Opening, in dem Laubbläser an die Stelle der obligatorischen Windmaschinen rückten, und mit Barbara Schöneberger und Hazel Brugger ein Moderations-Duo, dem es in seinen besten Momenten tatsächlich gelang, im deutschen Finale großes ESC-Feeling aufkommen zu lassen. Dass die Show ihr Potenzial dennoch nicht voll ausschöpfte, hing an einigen Längen, die mit etwas mehr Mut durchaus hätten vermieden werden können. Wann immer der Vorentscheid gerade Fahrt aufnahm, sorgte zähes Talk-Geplänkel im Gegenzug wieder für eine plötzliche Vollbremsung. Ganz zu schweigen von den Einspielern, in denen die Eurovision-Fans einmal mehr an schrille Kostüme und wilde Frisuren aus 70 Jahren ESC-Geschichte erinnert wurden. Das hat man nun mittlerweile wirklich zur Genüge gesehen.
Reduzierte man Gespräche und Rückblicke auf das Nötigste, dann hätte die SWR-Premiere beim ESC-Vorentscheid das Zeug zu einer rundum gelungenen Samstagabendshow haben können. So aber gibt es Abzüge in der B-Note. Doch letztlich ist all das ohnehin freilich zweitrangig: Was zählt, ist das Ergebnis in Wien. Und da bleibt abzuwarten, ob “Fire” acht Jahre nach “Fuego” auch beim internationalen Publikum zünden kann – oder ob die verhaltenen Reaktionen aus der Jury an diesem Samstag rückblickend nicht schon so etwas wie einen Fingerzeig darstellten.





















