Kultur

Südafrika und die Kunstbiennale Venedig: Wettlauf um Softpower | ABC-Z

Es ist immer wieder beeindruckend, wie sich alle zwei Jahre aufs Neue zur Kunstbiennale in Venedig scheinbar der ganze Globus zu der Lagunenstadt hin verengt, in ihre verschlungenen Gassen und langsam dahinrottenden Palazzi. 99 Staaten werden Anfang Mai dort einen nationalen Pavillon eröffnen. Acht Länder nehmen erstmals teil, sechs davon aus Afrika.

In diesem Jahr scheint sich das eigentlich antiquierte Konzept einer Weltkunstausstellung ganz besonders zu einer Bühne der Geopolitik zu gerieren. Geschickt – oder vielleicht auch einfach skrupellos – in diese Richtung dirigiert hat sie der Biennale-Präsident Pietrangelo But­ta­fuo­co:Iran ist dabei, das Königreich Saudi-Arabien, das reiche Wüsten-Emirat Katar hat sich gar einen Pavillon in den begehrten Giardini erkauft, Israel hingegen rückt ins Abseits ins Arsenale, was das Kollektiv ANGA – Art Not Genocide Alliance – mit Unterstützung zahlreicher Biennale-Teilnehmer:innen nicht davon abhielt, wieder zum Komplett-Boykott des Israelischen Pavillons aufzurufen. Und: Russland wird erstmals seit Beginn seiner Großinvasion in die Ukraine 2022 wieder teilnehmen.

Als „kulturelle Spezialoperation“ ließe sich Putins perfider Wiedereintritt in den Reigen der Biennale-Länder beschreiben. Womöglich geht es ihm weniger darum, einen Löwen für den besten nationalen Beitrag zu erhalten, sondern um die Soft Power der Kunst, darum sich mit dem Schönen und Sensiblen beim internationalen Publikum einzuschmeicheln.

Und mit der Soft Power der Kunst lässt sich vielleicht auch erklären, warum während der Biennale so viele andere Veranstalter in die Lagunenstadt drängen. Der Oligarch Viktor Pinchuk, der mit eigenen Ausstellungen auf die kriegsgeschundene Ukraine aufmerksam macht, wird in diesem Jahr einen besonders wichtigen Gegenpol zu Putins Pavillon liefern. Und, wie jetzt The Guardian meldete, wird auch die Künstlerin Gabrielle Goliath ihr umstrittenes Performance-und Filmprojekt „Elegy“ zeitgleich zur Biennale in der Chiesa di Sant’Antonin zeigen.

Biennale Präsident Pietrangelo Buttafuoco



Foto:
Mirco Toniolo/Zuma Press/imago

Deutung des Gazakriegs

Goliath hätte eigentlich den Pavillon Südafrikas bespielen sollen. Der bleibt nun aber leer, nach dem Südafrikas Kulturminister Gayton McKenzie „Elegy“ abgesagt hatte. Es sei „höchst spaltend“, tritt es doch in die ideologisch umkämpfte Deutung des Gazakriegs ein. Goliath erzählt darin unter anderem von zwei Nama-Frauen, die von deutschen Kolonialisten ermordet wurden, und sie zieht eine Parallele zu der palästinensischen Dichterin Hiba Abu Nada, die im Oktober 2023 bei einem israelischen Luftangriff in Chan Junis umgekommen ist.

Auch juristisch war Goliath gegen die Entscheidung McKenzies vorgegangen. Erfolglos. Nun wird sie „Elegy“ also abseits der Biennale zeigen. Unterstützt wird sie vom Londoner Kunstzentrum „Ibraaz“, das wiederum von einer Stiftung des tunesisch-schweizerischen Investmentbankers Kamel Lazaar finanziert wird.

Noch konnte das Biennale-Publikum Goliaths „Elegy“ nicht sehen und selbst darüber urteilen. Aber dieses Jahr wird es ganz besonders achtgeben müssen, aus welchen ideologischen Hintergründen heraus in Venedig etwas gezeigt wird. Denn die am 9. Mai eröffnende Biennale wird ein politisches Kampffeld werden, sei sie noch so schön umwickelt von der weichen Wolle der Kunst.

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