Studie zeigt, wie Medikamente für Senioren zum Risiko werden | ABC-Z

Was Beschwerden lindern soll, kann für ältere Menschen selbst zum Risiko werden. Ein Medikament gegen Schmerzen, Allergien oder Schwindel hilft zwar oft kurzfristig – in höherem Lebensalter kann es aber auch Verwirrtheit, Kreislaufprobleme oder Stürze begünstigen. Denn der Körper verarbeitet Wirkstoffe dann anders, Nebenwirkungen treten häufiger auf, und das Risiko steigt zusätzlich, wenn mehrere Arzneimittel gleichzeitig eingenommen werden.
Um solche Gefahren zu begrenzen, haben Fachgesellschaften Listen mit Wirkstoffen erstellt, die bei älteren Menschen möglichst vermieden werden sollten. Diese sogenannten PIM-Listen – PIM steht für „potenziell inadäquate Medikation“ – nennen Arzneimittel, bei denen Nutzen und Risiko besonders sorgfältig abgewogen werden müssen. In den USA gelten dafür die Beers-Kriterien der American Geriatrics Society als Maßstab. In Deutschland übernehmen die Priscus- und FORTA-Listen eine ähnliche Funktion. Die Priscus-Liste etwa führt rund 177 Wirkstoffe auf, die bei älteren, oft mehrfach erkrankten Menschen möglichst nicht eingesetzt werden sollten.
Wie häufig solche problematischen Medikamente im klinischen Alltag dennoch verordnet werden, ist bislang nur lückenhaft untersucht. Forschende der Yale University haben deshalb ausgewertet, wie oft ältere Menschen nach einer Behandlung in der Notaufnahme mit genau solchen Wirkstoffen entlassen werden. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in „JAMA Internal Medicine“.
Studie zu Medikamenten für Senioren: Jeder Fünfzehnte erhält ein problematisches Präparat
Für ihre Studie wertete das Team anonymisierte Daten aus 1842 Notaufnahmen aus. Erfasst wurden 8,8 Millionen Patientinnen und Patienten ab 65 Jahren im Zeitraum von Januar 2023 bis Mai 2025. Das Ergebnis ist deutlich: 6,5 Prozent der älteren Menschen erhielten bei ihrer Entlassung ein Medikament, das als potenziell ungeeignet gilt. Anders gesagt: Etwa jeder fünfzehnte ältere Patient bekam nach dem Besuch in der Notaufnahme ein Präparat verschrieben, das in dieser Altersgruppe möglichst vermieden werden sollte.
Problematische Medikamente im Alter: Diese Wirkstoffe werden besonders häufig verordnet
Besonders häufig, heißt es in der Studie, wurden Muskelrelaxanzien und Antihistaminika der ersten Generation verordnet. Muskelrelaxanzien sollen verspannte Muskeln lockern, ältere Antihistaminika werden unter anderem bei Allergien eingesetzt. Für ältere Menschen können beide Wirkstoffgruppen jedoch problematisch sein, weil sie Müdigkeit, Verwirrtheit und Schwindel auslösen, das Sturzrisiko erhöhen und auch zu kognitiven Einbußen führen können. In manchen Fällen können die Folgen sogar lebensbedrohlich sein.
Auffällig war zudem, dass vor allem die 65- bis 74-Jährigen solche Medikamente erhielten. Mit jedem weiteren Lebensjahrzehnt nahm die Verschreibungsrate ab. Woran das genau liegt, können die Autoren um Mark S. Iscoe von der Yale School of Medicine nach eigenen Angaben nicht abschließend klären. Möglicherweise spielten Unterschiede zwischen einzelnen Notaufnahmen eine Rolle. Ebenso könnte es sein, dass bestimmte Medikamente bei sehr alten Patienten wegen zusätzlicher Erkrankungen oder anderer bereits verordneter Mittel seltener infrage kommen. Denkbar sei zudem, dass Ärztinnen und Ärzte mit wachsendem Alter der Patienten vorsichtiger verschreiben. Der Befund lege jedenfalls nahe, dass eine stärker standardisierte Verschreibungspraxis helfen könnte, unnötige und riskante Verordnungen zu vermeiden.
Problematische Medikamente in Deutschland: Auch hier sind Millionen betroffen
Dass es sich nicht um ein rein amerikanisches Problem handelt, zeigen auch Zahlen aus Deutschland. Nach einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK erhielten 2022 rund 8,3 Millionen ältere gesetzlich Versicherte mindestens einmal ein potenziell ungeeignetes Medikament. Das entspricht mehr als jedem zweiten gesetzlich Versicherten in dieser Altersgruppe.
Entsprechend wichtig ist eine sorgfältige Prüfung der Medikation. Gerade bei älteren Menschen mit mehreren Erkrankungen, heißt es in der Studie, sollten Ärztinnen und Ärzte vor jeder Verordnung prüfen, ob ein Medikament wirklich nötig ist, ob die Dosis angepasst werden muss und ob es sicherere Alternativen gibt.

Sichere Medikamente für ältere Menschen: Welche Alternativen die Studie empfiehlt
An diesem Punkt verweist die Studie auch auf die GEMS-Rx-Liste. Hinter dem Namen stehen die „Geriatric Emergency Medication Safety Recommendations“, also Empfehlungen für eine sicherere Arzneimitteltherapie älterer Menschen in der Notaufnahme. Entwickelt wurden sie von Notfallmedizinern und einer Apothekerin mit Erfahrung in der Altersmedizin. Anders als die Beers-Kriterien sowie die Priscus- und FORTA-Listen, die vor allem problematische Wirkstoffe benennen, nennt GEMS-Rx auch konkrete, besser verträgliche Alternativen für den Alltag in der Notaufnahme.
Bei Muskel- und Gelenkbeschwerden sollten zunächst möglichst einfache Maßnahmen ohne Medikamente zum Einsatz kommen, etwa Wärme, Kälte oder Massage. Reicht das nicht aus, kommen laut den Autoren besser verträgliche Schmerzmittel wie Paracetamol infrage, in manchen Fällen auch Schmerzpflaster mit Lidocain oder schmerzlindernde Gele mit Diclofenac. Andere Schmerzmittel sollten, wenn überhaupt, nur kurzfristig eingesetzt werden.
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Auch bei Allergiebeschwerden nennt die Liste besser verträgliche Optionen. Dazu zählen etwa Nasensprays mit Kochsalzlösung oder Kortison, lokal wirkende Allergiemittel, zum Beispiel als Spray oder Tropfen, sowie neuere Antihistaminika wie Loratadin oder Fexofenadin, die in der Regel weniger müde machen. Wie die Studie und die GEMS-Rx-Liste deutlich machen, fehlt es also nicht an Lösungen: Für viele dieser Fälle gibt es längst sicherere und praktikable Alternativen.





















