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Studie: Meeresniveau an Küsten höher als angenommen – Wissen | ABC-Z

Der aktuelle Meeresspiegel wird in vielen Studien zur Gefahr von Überflutungen systematisch unterschätzt, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal Nature. Im Durchschnitt liegt das Meeresniveau an den Küsten demnach je nach verwendetem Modell um mehr als zwanzig Zentimeter höher als angenommen. In manchen Gebieten seien es sogar mehrere Meter.

Damit werden auch die Flächen unterschätzt, die bei einem zukünftigen Anstieg des Meeresspiegels überflutet werden können. Bei einem Meeresspiegel-Anstieg um einen Meter würde mit der korrigierten Berechnung rund ein Drittel mehr Landfläche unter dem Meeresspiegel liegen als bislang angenommen, zeigen Daten der Gruppe um Katharina Seeger und Philip Minderhoud von Wageningen University & Research (WUR). Die Zahl der betroffenen Bewohner könne sich damit um 48 bis 68 Prozent erhöhen.

Verwendete Modelle haben Schwächen

Zu der Fehlberechnung kommt es laut den Autoren, weil rund 90 Prozent der 385 untersuchten Studien aus dem Zeitraum 2009 bis 2025 Erdmodelle nutzten, bei denen der Meeresspiegel an Küsten pauschal auf der Grundlage von Schwerkraft und Erdrotation berechnet wird, mit sogenannten Geoid-Modellen. „Tatsächlich wird der Meeresspiegel von weiteren Faktoren beeinflusst, wie Wind, Meeresströmungen sowie Wassertemperatur und Salzgehalt“, erklärt Minderhoud in einer Pressemitteilung seiner Universität.

Er habe vor zehn Jahren in Vietnam gesehen, dass im Mündungsdelta des Flusses Mekong Gebiete bereits unter Wasser standen, die nach Schätzungen auf Basis solcher Erdmodelle erst bei einem Meeresspiegel-Anstieg von 1,5 bis zwei Metern hätten überflutet werden sollen.

Oft wird bei Satellitendaten zur relativen Höhe von Landmassen über dem Meer die Nulllinie als Höhe des Meeresspiegels angenommen. Dies führe jedoch zu großen Ungenauigkeiten, heben Seeger und Minderhoud hervor. In extremen Fällen gebe ein häufig verwendetes Modell den Meeresspiegel lokal um 5,5 bis 7,6 Meter zu niedrig an. Bei einem neueren Modell seien es immer noch bis zu 3,4 Meter.

Diese extremen Irrtümer entstehen vor allem, wenn zu wenige Vor-Ort-Messdaten für die Modellberechnungen vorhanden sind. Hinzu kommt, dass Landhöhe und lokaler Meeresspiegel mit unterschiedlichen Satelliten und oft relativ zu unterschiedlichen vertikalen Referenzflächen von null Metern gemessen werden, was die Zusammenführung der Daten erschwert.

Selbst in Studien, die konkrete Messdaten der Meereshöhe verwendeten, hatten viele Forscher Schwierigkeiten, die Informationen zur Küstenmeereshöhe korrekt den Landhöhendaten zuzuordnen. Tatsächlich fanden Seeger und Minderhoud nur eine einzige Studie, in der sämtliche Berechnungen zum Vergleich von Höhenangaben korrekt ausgeführt worden waren.

Höhe für Südostasiens Inseln und im Pazifik stark unterschätzt

Am stärksten unterschätzt werden die Meereshöhen demnach in der südostasiatischen Inselwelt und im Indopazifik, wo es viele flache Atolle gibt. „Für Deutschland, wo meist auf amtliche, qualitätsgesicherte Vermessungen zurückgegriffen werden kann, ist das Problem weniger relevant“, erklärte Gabriel David von der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig, selbst nicht an der Studie beteiligt, dem Science Media Center (SMC). Im globalen Süden hingegen seien Satellitendaten oft die einzige verfügbare Grundlage. „Kleine Inselstaaten wie die Malediven – mit nur wenigen Hunderttausend Einwohnern – verfügen schlicht nicht über die Ausbildung, das Personal und die Infrastruktur, um eigene, hochpräzise Höhenvermessungen qualitätsgesichert bereitzustellen, wie sie in Europa selbstverständlich sind.“

Von einem mittleren Meeresspiegel-Anstieg um einen Meter könnten der neuen Analyse zufolge allein in Südostasien etwa 24 bis 47 Millionen Menschen betroffen sein, weltweit bis zu 132 Millionen.

Die Studienautoren betonen, dass die meisten der ausgewerteten Studien keine Fehler enthalten, sondern eine gemeinsame Annahme zu Meeresspiegeln verwendeten. Diese Annahme habe sich als deutlich ungenauer für die Bestimmung weltweiter Küsten-Meeresspiegel erwiesen als bisher angenommen. Die aktuelle Studie behaupte auch nicht, dass die Berichte des Weltklimarats (IPCC) fehlerhaft seien. „Es ist der Kern des wissenschaftlichen Fortschritts, grundlegende Fragen zu stellen, ihre Ergebnisse zu diskutieren, die Forschungsmethoden zu verbessern und gemeinsam unser Verständnis dessen zu erweitern, was wir untersuchen“, erklärte Seeger.

„Es gibt nicht den einen Meeresspiegel, sondern ein globales Signal mit starken regionalen und lokalen Überlagerungen“, sagte Ingo Sasgen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven dem SMC. Der globale Meeresspiegel steige derzeit im Mittel um etwa vier Zentimeter pro Jahrzehnt, mit zunehmender Tendenz, vor allem aufgrund des Schmelzwassereintrags von Gletschern und Eisschilden sowie durch die thermische Ausdehnung der Ozeane. An den bisherigen Projektionen zum künftigen Meeresspiegel-Anstieg ändert sich durch die neue Studie nichts, da es dabei um den globalen Mittelwert geht. Im jüngsten umfassenden IPCC-Bericht wird der weitere Anstieg bis 2100 auf 28 Zentimeter bis 1,01 Meter geschätzt, je nach Entwicklung der Emissionen, allerdings bei großer Unsicherheit nach oben. „Wie sich das globale Signal bis zu den Küsten fortsetzt und welche lokalen Störungen dabei auftreten, etwa durch Landhebung oder -senkung, ist weiterhin Gegenstand aktiver Forschung“, sagt Sasgen.

David betont, dass Wissenschaft genau so funktionieren sollte: „Jede Studie macht uns etwas schlauer – sehr gute Studien sogar etwas mehr. Neue Daten und Technologien ermöglichen neue Perspektiven, mit denen wir bisherige Annahmen überprüfen und auch korrigieren können.“

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