Streik stoppt Auswanderer – „Erst mal Zigarette und Schnaps“ | ABC-Z

So leer wie am Mittwoch erlebt man den Flughafen BER nur selten. Alle Check-in-Schalter sind verwaist. Auf den digitalen Anzeigen steht hinter sämtlichen Flügen in Rot: „gestrichen“. Ursprünglich waren für den Tag rund 445 Abflüge und Landungen mit etwa 57.000 Passagieren geplant. Stattdessen ist hier fast gar nichts los.
Das Terminal 1 des Flughafens Berlin Brandenburg ist am Mittwoch bis auf wenige Ausnahmen menschenleer.
© Michael Ukas/dpa | Michael Ukas
Ein Pfandsammler schleicht von Mülleimer zu Mülleimer auf der Suche nach etwas Brauchbarem. Nur wenige Menschen mit Rollkoffern sitzen verstreut in der großen Halle, schauen auf ihre Handys oder telefonieren mit etwas ratlosem Gesichtsausdruck. Der von Verdi organisierte Warnstreik der Beschäftigten am BER hat einige Reisende völlig unvorbereitet getroffen.
Flughafen BER: Reise zum Sohn nach Peking vorerst geplatzt
Einer von ihnen ist Rüdiger Helsch aus Braunschweig. Der 68-Jährige wollte eigentlich um 12.55 Uhr per Direktflug nach Peking, um seinen Sohn (28) zu besuchen. Dieser lebt seit drei Jahren dort, arbeitet für eine Bank und hat am Samstag Geburtstag. „Jetzt bin ich erst mal geschockt und weiß nicht, was ich machen soll“, sagt Rüdiger Helsch.

Rüdiger Helsch will seinen in China lebenden Sohn, der am Samstag Geburtstag hat, besuchen. Sein Flug nach Peking aber wurde – wie alle anderen auch – am Mittwoch gestrichen.
© Berliner Morgenpost | Philipp Hartmann
Als die Morgenpost ihn anspricht, hat er schon mehrfach erfolglos versucht, die chinesische Fluggesellschaft Hainan Airlines zu erreichen. Dort geht niemand ans Telefon, erzählt er. Auf seinem Tablet versucht er daher, weitere Infos über die Website der Airline zu finden. Doch die Verifizierung seiner Daten funktioniert nicht – und das, obwohl er vier verschiedene Browser ausprobiert.

„Im Notfall könnte ich auch zurück nach Braunschweig fahren. Aber ich versuche erst mal, eine Alternative zu finden“, so Helsch. Der Ingenieur, der als Gutachter für die Eisenbahn arbeitet, fliegt eigentlich gern von Berlin aus. Erst im Februar ist er von hier nach La Gomera gereist. Dass bei der Anfahrt mit dem Zug vielleicht etwas schiefgehen könnte, damit habe er gerechnet. Mit dem Streik des Flughafenpersonals allerdings nicht.
Auswanderer muss noch etwas auf sein „relaxtes Leben“ auf den Philippinen warten
Auch Werner Schönke wurde davon erwischt. Eigentlich hatte er am Mittwoch einen ganz besonderen Flug vor sich. Er wollte mit einem One-Way-Ticket über Hongkong in die philippinische Hauptstadt Manila fliegen. Grund: Der 68-Jährige wandert aus. Für ihn ist es nach einem Besuch seiner Kinder vielleicht das letzte Mal, dass er deutschen Boden unter den Füßen hat. Seinen Ruhestand will der Rentner fern der Heimat genießen.

Auch dieser Streik hat einzelne Reisende wieder überrascht.
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Im April 2025 war er das erste Mal auf den Philippinen. Es hat ihm wunderbar gefallen. Weil es dort keine Kälte gebe, alles günstiger und seine Rente „noch etwas wert“ sei, wie er sagt. Deshalb will er nach zwei Schlaganfällen genau dort ein „relaxtes Leben“ führen. Zudem wartet auf den Philippinen seine Freundin auf ihn, die er online kennengelernt hat. „Wir wollen heiraten“, erzählt Werner Schönke.
Ich bin nicht aggressiv oder sauer auf die Jungs.
Werner Schönke (Auswanderer), über die streikenden Flughafenmitarbeiter
Alternative: Mit dem Zug nach Frankfurt und von dort ein Ersatzflug
Vom Warnstreik am BER habe er erst ganz spät am Vorabend in seinem Hotelzimmer in den Nachrichten erfahren. „Ich habe dann erst mal eine Zigarette geraucht, einen Schnaps getrunken, mich ins Bett gelegt und mir gedacht: Da kümmere ich mich morgen drum.“ Dass er dennoch am Mittwochvormittag in der Flughafenhalle sitzt, liegt daran, dass er auf einen Zug wartet, für den er sich nun ein Ticket besorgt hat. Der bringt ihn um 18 Uhr nach Frankfurt am Main. Von dort geht es dann am Donnerstag weiter nach Manila. Der neue Flug sei sogar günstiger als der von Berlin, freut er sich.

Alles gestrichen: Die digitalen Anzeigen halten für ankommende Fluggäste keine guten Nachrichten parat.
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Sein Plan für die noch folgenden sieben Stunden Wartezeit? „Ich gehe erst mal zu Starbucks, trinke einen Kaffee und esse ein Croissant.“ Werner Schönke zeigt sich entspannt – vielleicht weil er weiß, welch schöne Zeit vor ihm liegt. Den streikenden Flughafenmitarbeitern ist er deshalb auch nicht böse. „Ich habe früher selbst gestreikt“, so der ehemalige Konstrukteur im Rohrleitungsbau. Es sei nur ein bisschen ärgerlich, dass es genau an diesem Tag ist. „Aber ich bin nicht aggressiv oder sauer auf die Jungs“, sagt er.
Streikende klagen, sie hätten nicht mal einen Inflationsausgleich bekommen
Währenddessen haben sich draußen Dutzende Mitarbeiter der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) mit neongelben Warnwesten, Fahnen und Trillerpfeifen versammelt. Sie wollen besser bezahlt werden. Die Streikenden haben einen Grill mitgebracht. Es gibt Bratwurst im Brötchen und Kaffee aus der Thermoskanne.

Streikende Mitarbeiter der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) und Gewerkschaftsmitglieder versammelten sich auf dem Vorplatz. Dort wurde gegrillt.
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Darunter ist Mathias, der seit 2009 am Flughafen seinen Arbeitsplatz hat und dort an der Gepäckförderanlage tätig ist. Das letzte Mal habe er vor mehr als zehn Jahren gestreikt. Er und seine Kollegen hätten in den vergangenen Jahren nicht mal annähernd einen Inflationsausgleich erhalten, erzählt er. Das sei eine Beleidigung den Mitarbeitern gegenüber. Es sei deshalb ihr gutes Recht, mehr Geld zu fordern. Hinzu komme, dass die FBB viele gute Azubis nicht mehr übernehme. Das seien die zwei Hauptgründe, weswegen er streike.
Arbeiten trotz Streik: Im Bistro ist es „langweilig“
„Über den Zeitpunkt des Streiks kann man streiten. Das ist auch intern diskutiert worden“, berichtet er. Er finde es jedoch gut, dass der Streik außerhalb der Ferienzeit stattfinde und somit weniger Passagiere treffe. „Uns ist durchaus bewusst, dass manche jetzt nicht ihren Urlaub antreten können“, zeigt Mathias Mitgefühl. „Wir müssen hier aber mal vorankommen“, betont er. Von Streiks, besonders bei der Bahn, sei er selbst auch schon oft genug betroffen gewesen. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 25. März angesetzt.

Das erst vor wenigen Tagen eröffnete Bistro „Adler & Bär“ im Terminal 1 wartet auf Kunden.
© Berliner Morgenpost | Philipp Hartmann
Folgen hat der Streik am Mittwoch auch für die wenigen Menschen, die trotzdem am Flughafen arbeiten. Gerade mal ein paar Brote und Kaffees hätten sie seit 6 Uhr morgens verkauft, erzählen die beiden jungen Frauen im erst vergangenen Freitag neu eröffneten Bistro „Adler & Bär“. „Langweilig“ sei es an einem solchen Tag. „Wir werden noch ein bisschen putzen und schauen, was wir sonst noch so erledigen können“, sagt eine der beiden, während sie weiter auf Kunden wartet.





















