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“Sternstunde der Mörder” in der Das Erste: Drei von fünf Sternen – Medien | ABC-Z

Der Friedhof ist in dieser Serie ein wichtiger Schauplatz, nicht nur wegen der vielen Toten und weil sich die Grabmäler so malerisch-morbide filmen lassen. Sondern weil der Mörder hier seine Opfer findet: trauernde Witwen, denen er vom Grab ihres Liebsten bis vor die Wohnungstür folgt – und wehe, er klopft, und sie öffnen ihm. Seelenruhig und präzise geht dieser Killer vor, wenn er seinen Opfern bei lebendigem Leib das Herz herausschneidet und sie ausbluten lässt. Er ist ein bigotter, gestörter Charakter, der, wie Männerfiguren in Filmen das gerne tun, seinen Mutterhass auslebt. Sein Name: Antonin Rypl. Ein Tscheche. Gerhard Liebmann spielt ihn mit kalten, ungerührten Augen, creepy wie Kevin Spacey in seinen fiesesten Rollen.

Wehe, er klopft, und man öffnet ihm: Gerhard Liebmann als Witwenmörder in „Sternstunde der Mörder“. ARD Degeto Film/NDR/Servus TV

Das darf hier alles verraten werden, denn der Zuschauer bekommt diesen Rypl als einen der Titelhelden in dem ARD-Mehrteiler „Sternstunde der Mörder“ von Anfang an zu Gesicht und ist somit der Polizei um einiges voraus. Aber die Ermittler kommen in dieser Mordserie ohnehin schnell voran, zumindest mit ihren Erkenntnissen. Gefasst werden kann der Täter jedoch erst ganz am Schluss, da ist er längst vom ritualhaften Serienkiller zum haltlosen Menschenschlächter geworden und vom Frauen- zum Deutschenhasser. So wie die Handlung mehr und mehr vom  – ohnehin nicht so spannenden – Krimiplot abkommt und dafür verstärkt das zeithistorische Drama bedient. Dieses Drama spielt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in Prag und erzählt vom Ende der deutschen Besatzung, von Nazis und Tschechen, die sich gegenseitig hauen und stechen. Einer Zeit übelster Verbrechen.

Der Titel „Sternstunde der Mörder“ ist ein Paradoxon, bringt er doch zwei zutiefst gegensätzliche Begriffe zusammen. Der tschechische Schriftsteller und Theaterautor Pavel Kohout, inzwischen 97 Jahre alt, überschrieb damit seinen 1995 erschienenen Roman über Gewalt und Moral in einem politisch-historischen Ausnahmezustand. Kohout, einem der Wortführer des Prager Frühlings, der gemeinsam mit Václav Havel die „Charta 77“ verfasst hat, geht es darin über den Thriller hinaus um grundlegende Fragen von Schuld und Sühne, Vergeltung und Verantwortung. Wie Mensch bleiben in unmenschlicher Zeit?

In der kompakten Verfilmung durch Christoph Schier (Grimme-Preis 2022 für „Die Ibiza Affäre“) kommt die Handlung als düsterer Krimi Noir daher. Triste Gassen, schwere Karossen, das Spiel von Nebel, Licht und Schatten. Sepiatöne, kaltes Blau, die Herren mit Hut und Anzug. Man denkt an die Romane von Volker Kutscher, denkt an „Babylon Berlin“, zumal Jonas Nay in der Rolle des tschechischen Kriminaladjunkten Jan Morava frappierend an den Ermittler Gereon Rath im Berlin der Weimarer Republik erinnert. Wie das Klischee es verlangt, hat er auch eine hübsche Assistentin als Love Interest.

Nein, das ist nicht Gereon Rath in “Babylon Berlin“, sondern Jan Morava (Jonas Nay) in „Sternstunden der Mörder“. Er ermittelt 1945 im besetzten Prag.
Nein, das ist nicht Gereon Rath in “Babylon Berlin“, sondern Jan Morava (Jonas Nay) in „Sternstunden der Mörder“. Er ermittelt 1945 im besetzten Prag. ARD Degeto Film

Aber wir sind hier nicht in Berlin, sondern in Prag (und das nicht einmal wirklich, denn gedreht wurde seltsamerweise in Wien und Niederösterreich). Die Nazis sind nicht im Kommen, sondern am Untergehen, auch wenn manche noch auf Hitlers „Wunderwaffe“ hoffen. Im Osten rücken die Russen, im Westen die Amerikaner heran. Kein Wunder, dass SS-Standartenführer Meckerle hochnervös ist. Aber muss er deshalb immer so schreien, als würde er gleich aus der Uniform platzen? Schade, dass Devid Striesow diesen rotwangigen Despoten, der „verbrannte Erde“ hinterlassen will, als Nazi-Charge überzeichnet.

Als eine deutsche Generalswitwe ermordet wird, deutet Meckerle dies als Anzeichen für einen Aufstand in der Stadt, wie er ihn schon länger wittert. Gehört die tschechische Protektoratspolizei unter Leitung von Hauptkommissar Beran (Karel Dobrý) zum Widerstand? Meckerle will die Namen potenzieller „Verschwörer“, deshalb soll ein Gestapo-Beamter seines Vertrauens die Mordermittlungen kontrollieren: Erwin Buback, mit massiver Eindrücklichkeit gespielt von Nicholas Ofczarek, der hier mal kein Testosteron-Mannsbild ist, sondern ein stiller, brüchiger Charakter, gezeichnet von einem inneren Schmerz.

Da kommen etliche Stereotype zusammen, und den Figuren werden viel zu große Sätze in den Mund gelegt

Anfangs noch undurchsichtig, gewinnt dieser Buback zunehmend an Protagonistenkraft. Die Schlaffheit, mit der er den Hitlergruß abspult, verrät ihn als einen NS-Abtrünnigen, noch lange bevor er als solcher aktiv wird; und dass er am Stock geht, nimmt ihm ohnehin jeden Nazi-Schneid. Zwischen Buback und dem erfrischend aufrechten Jungkommissar Morava (Jonas Nay hat für die Rolle extra Tschechisch gelernt) entsteht während der Ermittlungsarbeit ein Vertrauensverhältnis, und zwischen Buback und der deutschen Schauspielerin Marleen Baumann (Jeannette Hain als Marlene-Dietrich-Verschnitt) sogar eine Liebe. Diese Liebe muss heimlich bleiben, denn eigentlich ist Marleen die (Zwangs-)Geliebte von Meckerle.

Da kommen etliche Stereotype zusammen, und den Figuren werden neben wahlweise tschechischem oder deutschem Akzent oft viel zu große Sätze in den Mund gelegt. Das trägt ebenso zur Sterilität der Geschichte bei wie die Kulissenhaftigkeit der auf Hochglanz polierten Inszenierung: authentische Dekors, aber nicht wirklich belebt. Als Drehbuchautor wird Klaus Burck angegeben, das ist das Pseudonym des mehrfachen Grimme-Preisträgers Holger Karsten Schmidt („Das weiße Kaninchen“). Für „Sternstunde der Mörder“ muss er sich nicht verstecken. Da ist viel guter Wille drin. Aber eine Sternstunde des Fernsehens ist diese Miniserie nicht.

Sternstunde der Mörder, Das Erste, Karfreitag, 20.15 Uhr, vier Folgen hintereinander, sowie in der ARD-Mediathek.

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