Warum die Sanierung des historischen Hörhammerbräus in Dachau so schwierig ist – Dachau | ABC-Z

Bereits als Bayern noch ein Kurfürstentum war, prägte das Hörhammer-Anwesen das Bild der Dachauer Altstadt. Mal war es Schankwirtschaft, mal Brauerei, mal Gasthaus. Übernachtet haben hier unter anderem Papst Pius VI. und der bayerische König Maximilian I. „Das Haus war aber auch immer ein Treffpunkt für die Menschen, die hier in der Stadt leben“, sagt Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann, SPD. „Darum hat es für viele auch eine emotionale Bedeutung.“ Der Hörhammer ist ein Herzstück der Dachauer Identität.
Entsprechend groß ist die Erleichterung, dass die Bauarbeiten an dem historischen Komplex endlich in Gang gekommen sind. Eingerüstet ist das Gebäude schon seit vielen Jahren – ohne erkennbaren Baufortschritt. Manche hatten schon befürchtet, das denkmalgeschützte Gebäude werde absichtlich dem Verfall preisgegeben – bis nichts mehr zu retten wäre. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Hinter den Kulissen fand ein zähes Ringen zwischen Bauherren und Behörden statt, jahrelang, bis der Knoten endlich platzte. „Ich bin froh, dass wir Investoren haben, die so lange dabei geblieben sind“, sagt Hartmann.
Andere Investoren ließen lieber die Finger davon
Seit fast 24 Jahren steht das denkmalgeschützte Gebäude in der Dachauer Altstadt leer. Anfang 2002 hatte der letzte Pächter den Hörhammerbräu aufgegeben. Interessenten gab es immer wieder, doch kaufen wollte das Gemäuer am Ende keiner: Die Denkmalschutz-Auflagen seien zu hoch, hieß es jedes Mal, eine Sanierung unwirtschaftlich. Bis sich 2016 die Grünwalder Wohnbaufirma WU des Objekts annahm.
Damals führte der mittlerweile verstorbene Architekt Winfried Uez das Familienunternehmen. „Ihm war klar, welch herausragende Bedeutung das Gebäude für Dachau hat“, sagt sein Sohn und Nachfolger als WU-Geschäftsführer, Nikolas Uez. „Deshalb war es ihm – und uns allen – so wichtig, das Haus zu erhalten und mit neuem Leben zu füllen.“ Was leichter gesagt ist als getan.



Ortstermin auf der Baustelle bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt: Nikolas Uez und weitere Projektbeteiligte stehen im einzigen beheizten Raum des alten Gasthofs. Auf die alten Wandpaneele aus dunklem Holz sind geplante Grundrisse gepinnt. 46 Mietwohnungen von groß bis klein, angepasst an die verwinkelte historische Baustruktur. Das Ziel: möglichst viel erhalten, auch wenn das bedeutet, auf manche Annehmlichkeit zu verzichten, einen großen Lift etwa oder eine Fußbodenheizung.
Vom alten Interieur, das Film-Teams früher manchmal noch als Kulisse für Wirtshaus-Szenen nutzten, ist schon lange nichts mehr da. Urig sah es aus, aber original war hier kaum mehr etwas. Schon in den 1950er-Jahren wurden die Originalfenster zur Straße herausgerissen. Die alte, schon fast vergessene Fassaden-Ansicht will die WU nun wiederherstellen. Wohnungen mit Kastenfenstern nach historischem Vorbild: alter Flair, aber jetzt mit dem Komfort einer Isolierglasscheibe. Gerne hätten sie auch das historische Blechschild mit der Aufschrift „Hörhammerbräu“ wieder an der Fassade angebracht. Leider wurde es gestohlen.
Die ersten Miet-Interessenten gibt es schon
Die längste Zeit ist das Anwesen allerdings ein Gasthof gewesen. Für diese Nutzung sahen sie bei der WU keine Perspektive. „Was in Dachau jetzt gebraucht wird, sind Wohnungen“, sagt Nikolas Uez. Bei ihnen hätten sich jetzt schon Leute gemeldet, die gerne im Hörhammer wohnen würden – obwohl noch nicht mal Fenster und Türen eingesetzt sind. Doch schon in drei Jahren sollen alle Wohnungen bezugsfertig sein. Der Quadratmeterpreis? Uez zuckt mit den Schultern. So weit sei man noch nicht.
Im Grunde gehen die Arbeiten jetzt erst richtig los. Alles, was bisher geschehen ist, waren nur Vorbereitungen, um den Bestand zu untersuchen. Nur wenn man genau weiß, welcher Teil des Gebäudes aus welcher Zeit stammt, ist klar: Was kann man abreißen? Was muss man unbedingt erhalten? Und was lohnt sich möglicherweise wiederherzustellen? Das bedeutet intensive Recherche und Archivarbeit; alte Fotos und Stadtansichten müssen gesichtet und ausgewertet werden. Dem Augenschein allein ist nicht zu trauen. Der weitgespannte Rundbogen aus Ziegeln in einer Zementmauer etwa, den man bei einem Rundgang über die Baustelle sieht, wirkt wie ein Relikt von 1880; eingezogen wurde er aber wohl erst in den 1980er-Jahren.
Als der Dachstuhl errichtet wurde, herrschte Hungersnot
Wo sich keine alten Unterlagen auftreiben lassen, muss der Sachverständige ran, meist sind es zwei, manchmal sogar drei. Denn nicht immer liegen die Dinge so klar wie beim Dachgebälk. Auf einem großen Querbalken ist die Jahreszahl der Errichtung eingeritzt: 1770. Damals brach eine Hungersnot in Bayern aus. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Dieses Holz stammt nicht nur aus einer anderen Zeit, es stammt aus einer anderen Welt.
Fragt sich nur: Trägt es heute noch? Das Holz ist alt, die neuen Anforderungen sind hoch. Jeder einzelne Dachsparren ist nummeriert und auf Stabilität geprüft. Kleine Bohrlöcher im Holz verraten, wo die Materialproben entnommen worden sind. Auf einem Balken hat sich jemand in Großbuchstaben verewigt: „HANS“. Das muss man dann wohl so stehen lassen die nächsten 100 Jahre.
Baugeschichte aus vielen Schichten
Immer wieder sieht man im Putz aufgeschlagene Stellen. Mit schwarzem Filzstift sind Jahreszahlen aufgemalt oder Details vermerkt wie „neuzeitliche Überputzung“. Vieles überlagert sich in der Baugeschichte, das macht es so ungeheuer kompliziert. Und wer den Hörhammer nur von der Straßenseite aus kennt, unterschätzt leicht, wie groß der ganze Komplex ist.
Er besteht aus mehreren Gebäuden um einen Innenhof, die Kellerräume reichen tief hinein in den Altstadtberg mit seinen Gängen und Gewölben. Wohnen kann man hier unten nicht: keine Fenster und damit auch kein Tageslicht. „Häufig werden die Keller einfach zugeschüttet“, sagt Uez. Aber dann hätte man ein Stück Hörhammer-Geschichte begraben, und das wollten sie nicht. Jetzt kommen hier Kellerabteile hinein. Stauraum brauchen Mieter immer. Wer so ein altes Haus saniert, muss aber mit allem rechnen. „Erst wenn man die Wände geöffnet hat, die Böden offengelegt, weiß man, was wirklich alles auf einen zukommt“, sagt der Geschäftsführer der WU. „Davor ist es wie eine Blackbox.“




Als sie bei den Gasträumen im ersten Obergeschoss die Holzdielen abnahmen, stellten sie fest, dass dort Bretter aus dem Dachstuhl verbaut waren – die in diesem dann natürlich fehlten. Wechselnde Besitzer mit wechselnden Bedürfnissen haben im Hörhammer immer wieder an- und umgebaut. „Leider ist dabei auch einiges zerstört worden“, sagt Uez. Vor allem in den 1930er- und 1950er-Jahren. Damals wurden mehrere Wände eingerissen, um Raum für einen großen Tanzsaal zu schaffen. Für die Statik des Gebäudes war das verheerend. Stahlseile mussten quer durch den Saal gespannt werden, um die Zugkräfte im Zaum zu halten. Weder optisch noch statisch war das eine gute Lösung. „Man konnte sehen, wie die Wand sich nach außen wölbt.“
Um das Gebäude zu stützen, setzt die WU gerade Reihenhäuser in den Hang. Auf alten Ansichten des Altstadtbergs sehe man, dass es dort früher Obstbaumkolonnaden gegeben habe, die denselben Zweck erfüllt hätten, sagt Uez. Eine ähnliche Baustruktur stelle man nun wieder her – mit modernem Stahlbeton. Mauerwerk wäre zu schwach. Nicht alles vom alten Hörhammer wird man retten können. Ohne eine neue, „zeitgemäße Nutzung“ wäre das marode Gebäude dem Untergang geweiht.
Erst musste der Generalkonservator persönlich kommen
Doch der Spagat zwischen Verändern und Erhalten ist schwierig – gerade in einem Gebäude, das mehrfach umgebaut und verändert worden ist. Jeder Eingriff muss denkmalschutzrechtlich geprüft und genehmigt werden. Das gestaltete sich beim Hörhammer so langwierig, dass die Bauherren sich am Ende nicht mehr anders zu helfen wussten, als den Petitionsausschuss des bayerischen Landtags einzuschalten. Erst nach einer Ortsbegehung mit dem Generalkonservator, dem obersten Denkmalschützer des Landes, wurden „von oberster Stelle die Entscheidungen getroffen, wie mit einzelnen Bauteilen umzugehen ist“, verrät Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann. „Das war der Durchbruch.“
Die Bauherren bestätigen den Vorgang. Dem WU-Geschäftsführer will trotzdem kein Wort der Kritik über die Lippen kommen. Im Gegenteil, die Denkmalschutzbehörde leiste wichtige und wertvolle Arbeit. Als man Uez fragt, wie hoch er auf einer Skala von eins bis zehn den Schwierigkeitsgrad beim Projekt Hörhammer ansetzen würde, muss er nicht lange überlegen. Seine Antwortet lautet: „Zwölf.“





















