Aufbruchstimmung am Rhein: Art Cologne 2025 | ABC-Z

Von einem „Köln-Effekt“ ist mit einem Mal die Rede, der erstaunlicherweise nicht etwa aufs Gemüt drückt, sondern als Stimmungsbooster für die Art Cologne verstanden wissen will. Solche Schubumkehr in Richtung positive Energie hat man in Köln lange nicht erlebt. Entfacht wird diese von allerlei Off-Spaces und neueren Galerien in der Stadt.
Während der Kunstmesse treten sie jetzt am deutlichsten im ehemaligen „Stoff-Pavillon Möller“ am Neumarkt in der City hervor. Dort hatte im Sommer schon eine Gruppenschau unter dem bezeichnenden Titel „We Get Closer“ stattgefunden. Nun hat sich in dem architektonischen Juwel direkt neben dem Kunstverein spontan eine Pop-up-Messe namens „Neu Cöln“ eingerichtet, bei der rund 40 mit Minipräsentationen zusammenrücken – zum Vergnügen eines in Scharen hinzueilenden Publikums. Geboten werden Lesungen oder ein Konzert des Künstlers Markus Oehlen, gefeiert wird bis Mitternacht und darüber hinaus – eine Art „Social Club“ sozusagen. Zu seinen Betreibern zählt der Musiker Jens-Uwe Beyer von der Galerie JUBG, die Köln seit einiger Zeit ebenfalls Frischluft zufächelt.
Dieses Mal keine Eintagsfliege
Ein bisschen Aufbruch könnte sich zudem aus einem neuerlichen Versuch der Messe ergeben, vom kommenden Frühjahr an mit einem Ableger auf Mallorca zu punkten, ein Vorhaben, das von knapp 20 Jahren sang- und klanglos als Eintagsfliege endete. Mehr Hoffnung verspricht der Plan jetzt, weil die Art Cologne, anders als 2007, auf Einladung der mallorquinischen Regionalregierung zu Werke gehen soll und also auf tatkräftige Unterstützung vor Ort rechnen darf, die es seinerzeit nicht gab. Vielleicht kriegt sie längerfristig den Fuß in die Tür zum internationalen Messemarkt, auch wenn die Ankündigung bislang noch keine Euphorie auslöst.
Bei der Vorstellung der 58. Ausgabe der Art Cologne würdigte sie ihr künstlerischer Leiter Daniel Hug denn auch mehr als „Beispiel für Stabilität“ und als Hort der „Beständigkeit“ in ökonomisch schwieriger Zeit. Tatsächlich trifft man in den Gängen durch die moderne und zeitgenössische Kunst Jahr für Jahr auf eine stabile Anzahl bekannter Museumsleute, Kuratoren, Sammler wie auch Galerien aus der Region, die der Messe beständig, ja eisern treu bleiben. Das sind in der Halle 11.1 Aussteller, die in ihrer Gesamtheit noch immer einen Querschnitt durch die Moderne aufbieten: Utermann (Dortmund) mit einer kleinen Bronze von Edgar Degas, der „Spanischen Tänzerin“ von 1886, für 400.000 Euro (Auflage von 20); die Galerie von Vertes (Salzburg) mit einer farbleuchtenden Allianz aus Einzelwerken, darunter Gabriele Münters abstrahierter „Weg am Iseosee“ von 1933 für 300.000 Euro; Valentien (Stuttgart) mit einem Stand, der Otto Dix gewidmet ist. Akzente in der Nachkriegsepoche setzen Thaddaeus Ropac (Salzburg) mit kapitalen Assemblagen und „Combine Paintings“ von Robert Rauschenberg (bis 2,3 Millionen Dollar) sowie, wenn es denn etwas günstiger sein soll, Benden & Ackermann mit einem auch als Lithographie bestechenden „Brush Stroke“ von Roy Lichtenstein für 75.000 Euro.
Preisträgerin der Art Cologne
In der Gegenwart fällt die Fluktuation unter den Teilnehmern deutlicher aus. Die unabdingbaren Stützen sind hier nach wie vor die Galerien Buchholz, Sprüth Magers, Werner und Greve. Gern gesehen nach langer Abstinenz ist die Galeristin Andrée Sfeir-Semler (Beirut und Hamburg) als diesjährige Preisträgerin der Art Cologne mit Malerei von Marwan (1934 bis 2016), einem gebürtigen Syrer, der 1957 nach Deutschland kam und anfangs das Atelier mit Georg Baselitz teilte. Seinen kraftvollen Duktus erprobt Marwan im menschlichen Gesicht (bis 250.000 Euro).
Als Neulingen tritt mit Cherry Hill (Köln) einer der Initiatoren des „neuen Cöln“ auf und zeigt bemalte, abstrakte Holzobjekte des ehemaligen Städel-Studenten Julian Krause (bis 2300 Euro). Ebenfalls erstmals dabei ist The Pill mit frühen Werken der türkischen Künstlerin Nil Yalter. Bei KIN aus Brüssel, der Galerie des ehemaligen Kurators Nicolaus Schafhausen, parodiert Shaun Motsi, 1989 in Simbabwe geborener Ars-Viva-Preisträger von 2023, bitterböse den Blick weißer Menschen auf Schwarze – in Gestalt der Menschwerdung eines Pferdes. Von der Galerie Nagel Draxler (Berlin und Köln) wird neuerdings die Künstlerin Andrea Pichl vertreten. Am Stand hängen ihre minutiösen Farbzeichnungen der Stasi-Zentrale, offeriert in Blöcken zu neun Blättern für je 21.000 Euro.
Ein besonderes Angebot hat die Galerie Clages aus Köln: Das Auftragsporträt, von Andy Warhol in Serie produziert und in klingende Münze gewandelt, dann aber aus der Mode gekommen, reaktiviert hier Anne Pöhlmann. Auf Anfrage strickt die 1978 in Dresden geborene Malerin Fotografien aus Familienalben in blassem Kolorit: Cooler Look, der mit dem röhrenden Hirsch nichts am Hut hat. Am Eröffnungstag wurden mehrere Bildnisse in Auftrag gegeben (6000 bis 7000 Euro). Am Abend gab die Galerie Ropac dann zahlreiche Verkäufe durch zu Preisen von 75.000 bis 2,75 Millionen Euro für Werke von Baselitz, Martha Jungwirth, Tony Cragg. Die Beständigkeit der Art Cologne zahlt sich also aus.
Art Cologne, Köln, Koelnmesse, bis zum 9. November, Eintritt 34 Euro





















