TSV 1860 München gewinnt gegen Ingolstadt: Kraftakt unter Schmerzen – Sport | ABC-Z

Kevin Volland verließ den Rasen humpelnd und mit einem Verband am Knie, Sigurd Haugen sah noch schlimmer aus, er wirkte benommen und blutete aus dem Mund, der Norweger wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Trotzdem tanzten die Sechziger zunächst noch im Kreis, nach dem Schlusspfiff überwog die Freude nach diesem höchst intensiven 2:1 (1:1)-Erfolg auswärts beim FC Ingolstadt. Bei einem Aufeinandertreffen, das sie gerne „Oberbayern-Duell“ (Ingolstadts Trainerin Sabrina Wittmann) nennen, weil sie finden, für ein Derby liege man dann doch zu weit auseinander. Es kam aber auch diesmal wieder wie eines daher.
„Da war alles dabei“, sagte Patrick Hobsch, der sich in der 58. Minute zum Siegtorschützen der Löwen gemacht hatte. Acht gelbe Karten waren zum Beispiel dabei, ein zugunsten der Sechziger gedrehtes Spiel trotz eines umstrittenen Platzverweises für Volland, eine elfminütige Nachspielzeit, über die Sechzigs Torwart Thomas Dähne mutmaßte, dass der Schiedsrichter „einfach nicht heimwollte“. Dazu noch ein Flitzer in der Nachspielzeit, dem Augenschein nach ein minderjähriger Löwenfan. Er mag sogar einen kleinen Anteil am Sieg haben, zumindest wurde seinetwegen die Nachspielzeit nicht verlängert.
Nach der Partie war 1860-Trainer Markus Kauczinski die innere Zerrissenheit anzumerken: Auf der einen Seite der vierte Sieg in Serie und die Erkenntnis, dass seine Mannschaft jetzt wieder zum erweiterten Kreis der Aufstiegskandidaten gehört – wer hätte das vor vier Wochen gedacht. Auf der anderen Seite war ihm klar, dass „wir das teuer bezahlen müssen“. Volland wird sicher fehlen beim letzten Spiel des Kalenderjahres zu Hause gegen den SC Verl, wegen Verletzung oder seiner Gelb-Rot-Sperre; Siemen Voet wird wegen der fünften gelben Karte fehlen. Und beim seit Monaten unentbehrlich kämpfenden und treffsicheren Haugen wird man nach seinem heftigen Zusammenprall mit Ingolstadts Torwart Kai Eisele (78.) erst noch eine weitere Diagnose abwarten müssen.
Sechzig-Stürmer Sigurd Haugen verliert bei einem Zusammenprall einen Zahn „oder vielleicht auch einen halben“
Der Angreifer hatte nach dem 1:0 der Schanzer durch Dennis Kaygin (20.) noch vor der Pause mit einem platzierten Kopfball ausgeglichen (41.), es war sein siebtes Saisontor. „Er hat einen Zahn verloren oder vielleicht auch einen halben“, sagte Kauczinski über die Szene, in der Haugen aussah wie ein Crash Test Dummy, als er gegen Eiseles Schulter und anschließend ungebremst zu Boden krachte. Bei diesem Laufduell mit dem Keeper um den Ball hätte Haugen aber vielleicht auch noch ausweichen können.
Noch viel mehr Diskussionen zog aber die Szene nach sich, die in Minute 66 zu Vollands Platzverweis führte. Der Routinier wollte im gegnerischen Sechzehner einen Chipball weiterleiten, er berührte den Ball auch, traf dann aber noch den Kopf von Gegenspieler Jonas Scholz. „Er sieht den Spieler von hinten kommend nicht, der Kopf ist recht tief“, fand Kauczinski, er habe in dieser Szene kein gelbwürdiges Foul gesehen. Volland war unsanft zu Fall gekommen, sah erst nach zweiminütiger Behandlung Gelb-Rot und schimpfte beim Weg nach draußen. Zu dessen Verletzung sagte Kauczinski nur: „Das Knie ist noch dick. Das ist gefühlt nicht so top bei ihm.“
Den Sieg erkämpften sich die Sechziger mit einer Leidenschaft, die sie in der bisherigen Saison oft nur in Heimspielen gezeigt hatten – angesichts der Kulisse, mit wohl mehr als 6000 Löwenfans im Stadion, war es eigentlich auch ein Heimspiel gewesen. Allerdings hatten sie sich zunächst schwergetan mit den stark pressenden Schanzern, die das Spiel offensichtlich mit ihrer Jugend gewinnen wollten: die Ingolstädter Startelf war im Schnitt fast vier Jahre jünger als die der Sechziger. Die Führung war verdient, der Ausgleich durch Haugen, vorgelegt von Hobsch, dann aber auch.
„Der Anfang der zweiten Halbzeit war das Beste, was wir bisher gespielt haben“, schwärmte Kauczinski, vor und nach dem Platzverweis hatten die Löwen auch die besseren Chancen: Hobsch traf sieben Minuten nach dem 2:1 aus kurzer Distanz und aus dem Getümmel den Pfosten (65.), Haugen scheiterte vor dem Crash zweimal alleinstehend vor Eisele (39., 54.), kurz vor Schluss verpasste der eingewechselte Florian Niederlechner die Entscheidung (90.+9), Thomas Dähne musste nur noch einmal ernsthaft eingreifen (90.+8). „Es ist jetzt erstmal drum gegangen, dass wir wieder zu unseren Stärken zurückgefunden haben“, sagte der Keeper, der die Einstellung seiner Mannschaft hervorhob. Es gebe aber auch nichts Schöneres, als nach so einem Sieg zwei Tage freizubekommen, das scheint ein neuer Usus bei den Löwen zu sein.
Am Ende der Pressekonferenz verabschiedete sich FC-Pressesprecherin Kristina Richter, sie wechselt in der Winterpause zum Zweitligisten 1. FC Magdeburg. Deshalb wünschte ihr Sechzigs Trainer Kauczinski alles Gute und merkte an: „Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder.“ Das war freilich reine Höflichkeit, natürlich beginnt in diesen Tagen niemand zu träumen bei 1860 München. Hobsch fände das „vermessen“, am Ende stehe einfach die konstanteste Mannschaft oben.
Kauczinski hatte die vier Siege in Serie mit derselben Startelf geholt. Diese wird sich nun auf mehreren Positionen gegen den SC Verl ändern müssen, womöglich stehen am Samstag aufgrund der vielen Langzeitverletzten nicht einmal ausreichend Abwehrspieler zur Verfügung.





















