Kultur

Spielfilm „Father Mother Sister Brother“: Familienblues in drei Sätzen | ABC-Z

Was wäre, wenn man sich die Familie – so wie Freunde und Liebhaber – aussuchen könnte? Und warum gleicht die Kommunikation innerhalb des Familienmikrokosmos so oft einer Inszenierung, in der fertige Sätze wie „Was macht die Arbeit?“, „Wie schön, dass ihr mich besucht habt. Kommt bald wieder!“ je nach Rolle fast automatisch ausgesprochen werden? Antworten auf diese Fragen wird man in „Father Mother Sister Brother“, Jim Jarmuschs lang erwartetem Film nach sechs Jahren Kinopause, allerdings nicht finden.

In seiner Familienbeobachtung in drei Episoden, in denen erwachsene Kinder ihr Elternhaus aufsuchen, geht es dem US-amerikanischen Meister des Minimalismus eher darum, eine Stimmung zu erzeugen und dabei nichts zu „erklären“ oder sogar auszudrücken: „Ich habe nicht versucht, etwas über Familie zu sagen, oder eigentlich überhaupt über irgendwas“, behauptete der Regisseur etwas selbstironisch kurz nach der Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig im vergangenen September, wo er mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Löwen, geehrt wurde.

Auch wenn er seinen Film als einen „Anti-Actionfilm“ beschreibt, stimmt dies nicht so ganz: „Action“ gibt es schon – in einer der komischsten Szenen in der ersten Episode, „Father“, kommt sogar eine Axt zum Einsatz – diese „Action“ ist aber tropfenweise dosiert und besteht nicht aus den üblichen Zutaten wie Drama, Gewalt und Sex.

Der Film

„Father Mother Sister Brother“. Regie: Jim Jarmusch. Mit Tom Waits, Adam Driver u. a. USA/Irland/Frankreich 2025, 110 Min.

Wenn die zwei Geschwister Jeff und Emily (glaubwürdig verklemmt: Adam Driver und Mayim Bialik) ihren vor zwei Jahren verwitweten Vater (stilvoll gealtert: Tom Waits) im verschneiten New Jersey besuchen, herrscht im Wohnzimmer des runtergerockten Holzhauses am See eine Mischung aus gegenseitiger Zuneigung und Misstrauen. So als würden die Kinder, insbesondere die Tochter, den Aussagen des Vaters nicht so richtig glauben.

Der Vater versucht, so gut er kann, den „Spielregeln“ zu folgen, stellt die richtigen Fragen, bietet ein Glas Wasser an. Die Stillen sind peinlich, die Dialoge bekommen eine absurde Note und trotzdem wird das Spiel tapfer zu Ende gespielt. Bis zum Abschied und einem unerwarteten Finale. Wenn das nicht „Action“ ist? Sie mag nicht knallen und uns vom Stuhl springen lassen, aber die Kraft der Details und der Blick auf die scheinbar leeren Stellen zwischen den Handlungen wirken auf den Zuschauer und halten lange an.

Variationen zu einem Thema

Der Episodenfilm ist für Jarmusch nicht neu, im Gegenteil. Inzwischen ist diese Form Teil seiner stilistischen Handschrift geworden: In „Mystery Train“ (1989) wurde die Reise in den musikalischen Süden der USA auf drei zeitlich überlappende Episoden aufgeteilt, in „Night on Earth“ (1991) hatte er fünf Taxifahrten in fünf verschiedenen Städten als Anlass genommen, kurze Begegnungen zwischen fremden Menschen zu beobachten, und in „Broken Flowers“ (2005), einem tragikomischen Roadmovie, in dem ein alternder Don Juan sich auf die Spuren einer Reihe seiner Ex-Freundinnen begibt, waren die Episoden in die Struktur der Erzählung selbst eingebaut.

Die „Variationen zu einem Thema“ sind für Jarmusch ein beliebtes Mittel, um die Welt, die er auf der Leinwand schafft, zu beschreiben und dabei an zwei seiner großen Leidenschaften – Literatur und Musik – anzuknüpfen.

„Father Mother Sister Brother“ hat einen musikalischen Verlauf: wiederkehrende Sätze und einzelne Wörter sind wie Refrains, die sich über die Episoden hinwegziehen, oft mit komischer Wirkung. Wiederholung ist dabei immer eine zuverlässige Methode, und Stille ist genauso wichtig wie es Worte sind.

An der sorgfältig dosierten Musik hat Jarmusch selbst mitgewirkt, in Zusammenarbeit mit der britisch-deutschen Singer-Songwriterin Annika Henderson, alias Anika, die mit ihrem charmanten Akzent im Abspannstück „These Days“ an eine moderne, zarte Nico erinnert. Sanfte Gitarrenfeedbacks und Synthesizer schaffen eine träumerische Ebene im Film und verbinden die drei Geschichten, ohne es aufdringlich zu betonen.

Treffen zum jährlichen Teekränzchen

In der zweiten Episode, „Mother“, ist das Ensemble, um bei der musikalischen Analogie zu bleiben, rein weiblich besetzt. Zwei sehr unterschiedliche Schwestern sind zu dem jährlichen Teekränzchen von der Mutter eingeladen (eisig und zeitlos: Charlotte Rampling). Eigentlich sind die Töchter nach Dublin gezogen, wo die Mutter als erfolgreiche Schriftstellerin lebt, um sich öfter zu sehen, was aber nicht der Fall ist.

Timothea, die ältere der beiden, ist trotz ihrer schönen Nachricht über einen beruflichen Erfolg deutlich angespannt, die Influencerin mit pinkfarbigem Haar, Lilith, wirkt dagegen selbstsicher und frech. Cate Blanchett und Vicky Krieps verkörpern dabei so gegensätzliche Rollen, dass man sie kaum als Schwestern wahrnimmt. Die Perfektion der Törtchen und Köstlichkeiten auf dem stilvollen Tisch, an dem die drei Frauen das Teeritual vollziehen, ist fast beängstigend, man traut sich kaum zu essen.

Die genaue Kameraarbeit von Frederick Elmes und Yorick Le Saux spiegelt diese kalte Perfektion wider. Wenn eine der Töchter merkt, dass die Garderobe der drei zufällig farblich abgestimmt ist, erwidert die Mutter trocken: „Wie peinlich“, was in der Atmosphäre, die Jarmusch sorgfältig geschaffen hat, fast wie eine Ohrfeige wirkt. Wie gesagt, die „Action“ ist da, nur sie spricht eine andere Sprache.

Eine überraschende Erfahrung

In der dritten und letzten Episode geht die Reise nach Paris. Die Ville Lumière ist seit seiner Studienzeit eine zweite Heimat für Jarmusch. Wie er selbst behauptete, hat er einen Antrag für ein langfristiges Künstlervisum gestellt, um die französische Staatsangehörigkeit zu erhalten und eventuell die USA zu verlassen. Bei der Wahl des Drehortes mag es auch eine Rolle gespielt haben, dass Saint-Laurent Productions den Film mitproduziert hat.

Es ist also nur passend, dass die Hauptfiguren in „Sister Brother“ zwei junge US-amerikanische Expats sind. Die Zwillinge Skye und Billy, von der nonbinären Stilikone Indya Moore und dem französisch-amerikanischen Schauspieler und Model Luka Sabbat gespielt, suchen in Paris die Wohnung der Eltern auf. Es wird eine harte, jedoch überraschende Erfahrung sein, mehr sei nicht verraten.

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Jarmusch arbeitet gern in einer familiären Umgebung, er schreibt seine Drehbücher immer für die Schauspieler, die er sich für die Rolle wünschen würde, und dasselbe gilt für das Team hinter der Kamera. Auch in diesem Fall, ist es ihm wieder gelungen, einen hochkarätigen Cast zu gewinnen. Einige – wie Tom Waits und Cate Blanchett – arbeiten seit Jahrzehnten immer mal wieder mit ihm.

Auf die Frage, welche seine Rolle in der eigenen „Filmfamilie“ sei, hat Jarmusch in einem Videointerview mit Saint Laurent gesagt, er sehe sich ein wenig wie der Vater: Der inzwischen 72-Jährige sorge für seine Schauspieler und es sei wichtig, dass es allen am Set gut ginge. Wenn man auf die Details schaut, und da die musikalische Terminologie besonders gut auf Jarmuschs Filme passt, könnte das Leitmotiv von „Father Mother Sister Brother“ der späte „Triumph der Eltern“ sein.

Der Vater hat sich auf seiner Insel am Rande der „sogenannten realen Welt“ da draußen, wie er sie nennt, ganz gut arrangiert; die Mutter möchte nicht, dass die Töchter ihr Leben aufwühlen, und die beiden Eltern der Zwillinge haben im Leben sowieso immer das getan, worauf sie Lust hatten, so scheint es zumindest. Wenn man am Ende aus dem Kino läuft, stellt man sich vielleicht die Frage: Was wissen wir eigentlich wirklich über unsere Eltern?

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