Sophia Merwald „Sperrgut“: Wenn einem hier die Wolke platzt | ABC-Z

Zu Sperrgut erklärt zu werden, das ist die Angst, die über dem Lusthansa schwebt. Dem Ort, ein ehemaliges Frauenhaus auf Kummerfeld, droht nämlich der Abriss. Ausgerechnet hier, wo die Kristalloma eine Wiege für all jene geschaffen hat, denen die Geborgenheit anderswo abhandengekommen ist. Wo sich durch einen Alltag, Paprikasuppe und gemeinsame Fernsehabende eine heterogene Gemeinschaft aus FreundInnen und Familie formiert hat.
„Sperrgut“, das ist auch der Titel von Sophia Merwalds Debütroman. Für ihn hat die 1998 geborene und in München lebende Autorin 2025 bereits vor Veröffentlichung den Alfred-Döblin-Preis erhalten. Geschrieben hat Merwald den Text „für die Einsamen“.
Entstanden ist ein Roman über Solidarität und Gemeinschaft jenseits der normativen Strukturen, über Utopie und Widerstand gegen bürokratische Ordnungen. Unter Kristallomas Obhut entsteht hier ein neuer Entwurf des Zusammenlebens, fernab des Gewohnten: Da sind Stevie und ihre Freundin Maj, Stevies dementer Vater und dessen Frau Linde sowie Bruno, Kristallomas Partner. „Ich hatte noch nie ein Haus, eines, das einem uns gehörte“, heißt es aus Stevies Perspektive – eine Stimme, aus der heraus Merwald die Handlung vorantreibt.
Sophia Merwald: „Sperrgut“. Ullstein Verlag, Berlin 2026, 304 Seiten, 22 Euro
Herausfordernde und solidarische Umgebung
Als emotionaler und erzählerischer Kern fungiert hierbei die Beziehung zwischen Stevie und Maj, die zärtlich, fast kindlich anmutet: „Wir strahlen in der Nacht so stark wie die Eiskugeln, die zwischen uns in Kaffee ertrinken, und der Vanillevollmond sagt mir, was ich schon weiß, Maj und ich sind glitzernde Verbündete.“ In einer herausfordernden wie solidarischen Umgebung ist es die Liebe zwischen den beiden jungen Frauen, aber auch ihr Auf und Ab, was den Roman lebendig hält.
Einen regelrechten Sog entwickelt Merwalds Debüt vor allem durch die ganz eigene Sprache, die ihm innewohnt. Eigenwillig lyrisch, flimmernd, mal märchenhaft verträumt, trägt sie auch dort, wo die Handlung ins Stocken gerät. Gleichsam real wie surreal muten Merwalds Beschreibungen an und entführen in ganz eigene Gedankenwelten: „Die Wolken machen ein Colalachen, ziehen nicht vorüber, sondern stehen und prusten auf einen herab. Wenn einem hier eine Wolke platzt, heißt es Colaschaden.“
Zur Buchmesse in Leipzig 2026 erscheint wieder die Literataz – diesmal schon vorab in der wochentaz vom 14. März. Darin geht es um die neuen Bücher von Judith Hermann, Carla Hinrichs, Judith Holofernes, Siri Hustvedt, Michal Hvorecký, Hasan Kikić, Rinah Lang, Dorota Masłowska, Sophia Merwald, Quinn Slobodian, Eva von Redecker, Christoph Ribbat, Lukas Rietzschel, Kuku Schrapnell, Ben Tarnoff, Curtis Sittenfeld, Ronen Steinke, Yasemin Toprak, Michael Wildenhain. Alle Texte zur Buchmesse finden Sie in unserem Schwerpunkt auf taz.de.
Die Buchmesse in Leipzig geht von Donnerstag, 19.3, bis Sonntag, 22.3.
Die taz ist wieder mit einem eigenen Stand vor Ort, an dem in zahlreichen Talks mit Autor:innen diskutiert wird – live auf der Bühne in Halle 5 und als Stream im youtube-Kanal der taz.
Auch das scheinbar Unbeschreibliche scheut die Autorin nicht, schreibt von Gewalt, die etwa Stevie in der Kindheit erlebte, von übergriffigen Männern und dem Tod, der „als Ort zwischen uns“ tritt.
Kein Schutz, nur Aufschub
„Das Lusthansa war zwischen ihre Körper und die ihrer Feinde getreten. Der Ort hielt ihre Körper, da, wo sie sein sollten. Der Ort war eine einzigartige Zeit, im Dazwischen tickend.“ Doch dieses „Dazwischen“ ist kein geschützter Zustand, sondern bietet bloß etwas Aufschub. Politisch wird der Text dort, wo die prekären Lebensumstände unübersehbar werden.
Immer häufiger landen Briefe im Lusthansa, die Bruno zwar verbrennt, die den behördlichen Anspruch auf Kummerfeld aber zementieren. Der Staat will sich das Stück Land zurückholen, das nie als Zuhause gedacht war und gerade deshalb eines geworden ist.
In dieser Zuspitzung entfaltet „Sperrgut“ seine sozialkritische Schärfe: Merwald erzählt nicht nur von einer bedrohten Gemeinschaft, sondern verhandelt implizit Fragen nach Eigentum, Verdrängung und bezahlbarem Wohnen. Wem gehört Raum? Wer entscheidet, welche Form des Zusammenlebens legitim ist?
Das Lusthansa mag aus Sperrgut errichtet sein, doch was hier auf dem Spiel steht, ist weit mehr als ein Gebäude. Es ist die Möglichkeit, in einer zunehmend regulierten Stadt einen Ort zu behaupten, der nicht nach Verwertbarkeit fragt, sondern nach Schutz





















