FC Bayern kauft Sportpark Unterhaching: Wer zahlt, schafft an – Sport | ABC-Z

Irgendwas gibt es ja immer zu bekritteln, natürlich auch beim Verkauf des Unterhachinger Sportparks an den FC Bayern München, der dort eine neue Heimat für seine Fußballerinnen findet. Zum Beispiel werden sich Bayern-Fans erst einmal daran gewöhnen müssen, künftig in Haching in der Nordkurve zu stehen statt – wie in der Arena bei den Männern – im Süden. Durchaus ernst zu nehmen ist auch folgendes Gedankenspiel: Sollte die SpVgg Unterhaching irgendwann mal wieder in derselben Liga spielen wie der TSV 1860 München, dann werden die Sechziger ein Stadion besuchen, das den Bayern gehört – danach ist es vielleicht gleich noch einmal sanierungsbedürftig. Darüberhinaus gibt es auch noch ein Häuflein Unterhachinger Fans, die es überhaupt nicht gut finden, dass der Rekordmeister jetzt zum Hausherrn oder besser: zur Hausfrau wird. Sie befürchten einen Identitätsverlust, so soll ja bald auch eine Stockschützenhalle den großen Plänen weichen. Ansonsten finden aber alle Beteiligten: Der Stadionkauf ist eine absolut runde Sache, mit klaren Vorteilen für alle.
An diesem Dienstag werden Vertreter der Gemeinde Unterhaching und der Allianz Arena München Stadion GmbH den Kaufvertrag unterzeichnen, vergangene Woche hatte der Gemeinderat einstimmig dieser fußballerischen Zeitenwende zugestimmt. Der FC Bayern verfügt dann über drei von vier Stadien in und um München, in denen höherklassig Fußball gespielt werden kann – neben der Arena und dem Sportpark noch über den Platz am eigenen Jugendcampus. In Unterhaching wird ein Zentrum des Frauenfußballs entstehen, das wohl Bedeutung für das ganze Land haben wird. Und im städtischen Grünwalder Stadion ist der Verein ja noch mit seiner zweiten Männer-Mannschaft vertreten, ein Umstand, der in diesem Zusammenhang noch wichtig werden wird.
Wer zahlt, schafft an, natürlich. Die Bayern hatten dringenden Bedarf, um im Frauenfußball expandieren zu können und zumindest in Deutschland in einer boomenden Branche als Vorreiter zu agieren. Es handelt sich aber um alles andere als eine feindliche Übernahme. Die Gemeinde Unterhaching ist froh, das in die Jahre gekommene Stadion endlich loszuwerden. Dafür hat sie dem Vernehmen nach sogar noch einmal den Kaufpreis von 7,56 Millionen Euro um einen sechsstelligen Betrag gedrückt – nach SZ-Informationen soll nicht nur die viel diskutierte Osttribüne wegen ihrer Risse, sondern mittelfristig auch die Haupttribüne stabilisiert werden. Auch die SpVgg Unterhaching freut sich, dass ein Partner übernimmt, mit dem man auf sportlicher Ebene sowieso schon kooperiert.
Übrigens soll aus dieser Kooperation heraus auch die Idee für die Stadionübernahme entstanden sein, wonach die Idee schon relativ alt wäre. Der SpVgg, die seit Langem nicht so richtig weiß, ob sie eigentlich ein Profi- oder ein Amateurklub ist, hat seit über einem Jahrzehnt das Geld für den Kauf gefehlt. Das kahle, graue Stadion ist angesichts des enormen Renovierungsstaus insgeheim vielleicht schon nicht mehr gänzlich drittligatauglich. Jetzt bekommt die Spielvereinigung bald modernisierte Infrastruktur vorgesetzt. Wie viel sie im Gegenzug von ihrer Seele verliert, wird sich erst noch zeigen – im Detail ist das auch noch gar nicht ausgemacht. Also bei Fragen wie etwa der künftigen Farbe der Sitzschalen, oder ob das Bier eines Bayern-Sponsors ausgeschenkt wird oder nicht.
Die SpVgg wird erst einmal die Wirtschaft mitsamt ihrem urigen Biergarten behalten, wohl auch die Büroräume darüber
Aus Gesprächen mit beteiligten Personen ergibt sich allerdings das Szenario, dass der Wandel hin zu einem Bayern-Stadion in kleinen Schritten verläuft und lange dauern wird. Für die Bayern musste es mit dem Kauf vor allem deshalb schnell gehen, weil die Stadion-Anforderungen für die Frauen steigen. Deshalb wird zunächst alles Nötige getan, um den Champions-League- sowie den künftigen Bundesliga-Anforderungen bei den Frauen zu genügen, denn das Stadion am Campus mit seiner Kapazität von 2500 Zuschauern hätte dafür nicht ausgereicht. Unter anderem werden schon bald die Souterrain-Auswechselbänke ebenerdig gemacht. Gut möglich auch, dass eine kleine Verbreiterung des Feldes nötig ist und dadurch ein paar Sitzplätze weniger zur Verfügung stehen werden. Es ist allerdings nicht geplant, dass die Bayern-Frauen sofort alle Partien in Unterhaching austragen.
Die Bayern haben nicht nur das Stadion, sondern auch Teile des Areals drum herum gekauft – für zusätzliche 800 000 Euro. Ab 2029, also rund um die Frauen-EM in Deutschland, soll ein Funktionsgebäude entstehen, das direkt in die dann erneuerte Nordtribüne integriert sein wird. Es heißt aber auch, dass das Stadion seine Bodenständigkeit behalten soll: Die SpVgg wird erst einmal die Wirtschaft mitsamt ihrem urigen Biergarten behalten, wohl auch die Büroräume darüber. Ein Beteiligter scherzt, dass im Norden künftig eine hochmoderne Bayern-Tribüne prangen wird, die Hachinger Fantribüne im Süden könne man dann die „Leberkäs-mit-Ei-Tribüne“ nennen. Dieses künftige Stadionbild würde sehr gut den ideellen Anspruch des FC Bayern widerspiegeln: Auf der einen Seite state of the art, auf der anderen brauchtumspflegend. Schließlich soll ja die SpVgg mit dem bodenständigen Hoeneß-Kumpel Manfred Schwabl als Präsident künftig mit dafür sorgen, dass lokale Talente für die Männer des FC Bayern ausgebildet werden.
Nach SZ-Informationen ist zu keinem Zeitpunkt eine Unterbrechung des Spielbetriebs geplant. Nach und nach werden alle Bayern-Frauenmannschaften in Unterhaching ansässig werden und zugleich beste Trainingsbedingungen vorfinden. Eine Mannschaft, so ist aus Kreisen des Rekordmeisters zu hören, soll aber auf gar keinen Fall dorthin wechseln, und zwar die zweite Männer-Mannschaft, die zurzeit wie Haching in der Regionalliga spielt. Die älteren Fans der Roten, mit Gerd Müller und Franz Beckenbauer aufgewachsen, sehen das Grünwalder Stadion genauso als ihre Heimat an wie die blaue Konkurrenz.
Bei 1860 München stellt man sich zurzeit bekanntlich auch ganz grundlegende Stadionfragen. Aktuell beginnt eine Diskussion über eine mögliche Löwen-Erbpacht auf Giesings Höhen, womit sich die Stadt komplett aus dem Fußballgeschäft verabschieden würde. Aber die U23 der Roten als Mieter bei 1860 – das erscheint nicht vorstellbar. Die Frage, wo die Talente der Bayern künftig spielen werden, wird auch wegen des Umzugs der Bayern-Frauen nach Unterhaching Zündstoff erhalten.





















