Siri Hustvedt stellt im Schauspiel Frankfurt ihr Buch „Ghost Stories“ vor | ABC-Z

Vor dem Schauspiel Frankfurt stehen Menschen und halten Schilder in die Höhe. „Karte gesucht“ steht darauf, doch die Lesung von Siri Hustvedt ist restlos ausverkauft, fast meint man, sie hätte ebenso gut in der Festhalle stattfinden können. Und das bei einem Buch, das sich „intim und einfühlsam“, wie Literaturhaus-Chef Hauke Hückstädt zur Begrüßung sagte, mit einem sehr schweren Thema befasst: Tod und Trauer. Denn alles in Siri Hustvedts „Ghost Stories“ dreht sich um das Sterben ihres Mannes Paul Auster und ihr Leben nach seinem Tod im April 2024.
Im Gespräch mit Alf Mentzer, der offenbar darauf setzte, dass die meisten im Saal des Englischen mächtig sind und nur Bruchstücke übersetzte, erzählte Hustvedt, wie sie in den Tagen nach Austers Beerdigung versuchte, weiter an ihrem Romanprojekt zu schreiben, doch bald einsah, dass „ich über nichts anderes schreiben konnte als über Paul und mich“, vor allem aber über dieses „und“, die tiefe, auch vom Tod nicht zu trennende Verbindung zwischen zwei Menschen, die 43 Jahre lang miteinander lebten und arbeiteten: „Natürlich vermisse ich Paul, aber am meisten vermisse ich Paul und Siri.“
Von dieser ebenso seltenen wie faszinierenden Beziehung zwei bedeutender Schriftsteller berichtete Hustvedt ausführlich. Wenn einer etwas geschrieben hatte, wurde es oft noch am selben Abend in der Bibliothek dem anderen vorgelesen, kein Manuskript ging zum Verlag, ohne dass es gemeinsam auf Verbesserungsmöglichkeiten geprüft wurde. Und immer, versichert Hustvedt, akzeptierten sie die Einwände des anderen, es gab keinen Neid und oft sogar eine so große Übereinstimmung der Gedanken, dass später scherzhaft darüber gestritten wurde, von wem eigentlich diese oder jene Idee gewesen sei. Ohnehin war Humor ganz offensichtlich eine der wichtigsten Charaktereigenschaften Paul Austers, dem es allerdings nicht gelang, „mit einem Scherz auf den Lippen“ zu sterben, wie er es sich vorgenommen hatte.
Jahrzehntelanger Dialog mit Auster
Doch starb er im Kreis seiner Familie einen „Tod wie im 19. Jahrhundert“, erzählt Hustvedt und wird auch bei diesem Thema keineswegs sentimental, sondern spricht immer mit erstaunlicher Distanz und gleichzeitig großer Wärme. Selbst wenn sie auf die befremdlichsten Passagen ihres Erinnerungsbuchs, die von Eva Mattes auf Deutsch vorgetragen wurden, zu sprechen kam, blieb sie immer die wache, manchmal auch mit Humor auf die merkwürdigen Ereignisse nach Austers Tod zurückblickende Berichterstatterin. Denn tatsächlich meinte sie mehrfach in ihrem Haus in Brooklyn seine Anwesenheit zu spüren, hörte ihn auf der Schreibmaschine schreiben, konnte ihn zwar nicht sehen, aber riechen.
Dieses Weiterleben als Geist hatte sich Auster wenige Tage vor seinem Tod einmal gewünscht, damit er seiner Frau weiter beim Schreiben über die Schulter schauen könne und das Aufwachsen seines Enkels sehen könnte. Siri Hustvedt spricht darüber ganz nüchtern und verweist auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich mit der Bewältigung eines Verlusts befassen.
„Ghost Stories“ ist aber für sie weit mehr als ein Trauerbewältigungsbuch. „Viele Bücher sprechen von der Erfahrung der Trauer“, sagte sie, „aber sie bringen den Toten nicht zurück.“ Sie dagegen habe es doch ein bisschen geschafft, den jahrzehntelangen Dialog mit Paul Auster weiterzuführen, „und auf diese Weise habe ich ihn zurückgeholt“.
Zum Schluss kamen Mentzer und Hustvedt noch auf die zweite Amtszeit Donald Trumps zu sprechen, die der glühende Trump-Gegner Auster glücklicherweise nicht mehr erleben musste. Natürlich sehe sie all diese „protofaschistischen“ Entwicklungen, doch sei sie „nicht verzweifelt“ und erzählt ausführlich von der gegenseitigen Hilfe, dem Mitgefühl und dem subtil organisierten Widerstand gegen die ICE-Behörde besonders in ihrem Geburtsland Minnesota. Auch bei diesem Thema zeigt diese große Autorin ihre warmherzige Menschenliebe und wird vom Publikum mit frenetischem Applaus verabschiedet.





















