Schwere Vorwürfe gegen die Post | ABC-Z

Der Investor 7Square Partners erhebt schwere Anschuldigungen gegen die Deutsche Post AG, die zum DHL-Konzern in Bonn gehört. 7Square habe „umfangreiche Evidenz“ über das Vorliegen einer „breit angelegten und gezielten Gesamtverdrängungsstrategie“, welche die Post im Briefmarkt „seit spätestens 2010 verfolgt“, um Konkurrenten auszuschalten. So steht es in einem Schreiben des Investors an die Aufsichtsratsvorsitzende des DHL-Konzerns, Katrin Suder, das der F.A.Z. vorliegt. 7Square mahnt darin eine dringende Aufklärung durch den Aufsichtsrat an.
Unterzeichnet hat das Schreiben der Geschäftsführer von 7Square, Thomas Schweppe, ein ehemaliger Goldman-Sachs-Banker. Die Investitionsgesellschaft ist Miteigentümerin einer Holding, die im Namen von Deutscher Versand Service (DVS) eine Wettbewerbsklage gegen die Deutsche Post verfolgt. DVS gilt als größter Wettbewerber des ehemaligen Staatsmonopolisten im Markt für Geschäftsbriefe, kämpft jedoch derzeit um seine Existenz.
In dem Rechtsstreit geht es um eine mögliche Schadenersatzzahlung in Milliardenhöhe, die DVS von der Post erstreiten will. Die Auseinandersetzung dreht sich um die Frage, ob die Deutsche Post fälschlicherweise Sendungen als Dialogpost (Werbung) deklariert, zu billigeren Preisen transportiert und so ihren Wettbewerbern geschadet hat. Am Landgericht Düsseldorf hatte zuletzt im Dezember 2025 eine Kartellkammer in einem Beweisbeschluss dargelegt, dass sie die grundsätzliche Auffassung des Postkonkurrenten teile und die Post rechtswidrig gehandelt habe, wie eine Gerichtssprecherin der F.A.Z. bestätigt hat. Die Post hat nach eigenen Angaben ihre Preissetzung schon vor Jahren geändert.
Verfolgt die Post „Wettbewerbsverstöße als Strategie“?
Geld für einen mutmaßlich entstandenen wirtschaftlichen Schaden hat DVS bislang keines gesehen. Nun geht es in dem Prozess erst einmal darum, in welcher Höhe ein solcher Schaden überhaupt entstanden ist. Dafür wird das Landgericht Düsseldorf einen Gutachter bestellen – üblicherweise ist das ein Wirtschaftsprofessor –, der ausrechnet, wie viel Geld DVS durch die Methoden der Post womöglich nicht verdient hat. Selbst wenn das in einigen Monaten ausgerechnet sein sollte, könnte ein mögliches Urteil im Anschluss noch durch die Instanzen bis hinauf zum Bundesgerichtshof gereicht werden.
Die Post-Aufsichtsratschefin Katrin Suder äußerte sich auf Anfrage der F.A.Z. zu dem Brief nicht. Eine Post-Sprecherin sagte: „Wir haben zu dem Thema nichts Neues zu sagen, denn der Sachverhalt ist seit Längerem bekannt.“ Das entsprechende Klageverfahren werde weiter vor Gericht verhandelt. „Wir haben in der Sache eine grundlegend andere Rechtsauffassung als die DVS und werden diese entschieden vor Gericht vertreten.“
7Square geht es um mehr. Der mutmaßliche Dialogpostmissbrauch stehe „nicht isoliert“, heißt es in dem Brief. Die Post verfolge „Wettbewerbsverstöße als Strategie“. Mit Spiegelstrichen listet 7Square in dem Schreiben eine Reihe weiterer Fälle von aus ihrer Sicht wettbewerbswidrigen Maßnahmen auf, derer die Post sich „im Laufe der Jahre bedient“ habe.
Harte Kritik von 7Square
Da geht es beispielsweise um den Fall „First Mail“. Das war ein Angebot der Post aus dem Jahr 2010, mit dem Geschäftskunden große Mengen Briefpost zu besonders günstigen Konditionen einliefern konnten. Dagegen erließ die Bundesnetzagentur im Jahr 2011 eine Unterlassungserklärung. 7Square nennt als weiteres Beispiel eine Vertriebsoffensive der Post, um Briefmengen großer Telekommunikationskunden zu gewinnen. Das Bundeskartellamt hatte das Vorgehen im Jahr 2015 als kartellrechtswidrig eingestuft.
7Square führt unter anderem auch die zeitweilige Beteiligung der Post am Briefkonsolidierer Compador auf. Eine Zeit lang ermittelte das Bundeskartellamt in dem Fall aus Sorge, dass die Post damit zu nah an einem wichtigen Spieler der Briefkonsolidierung saß. Das Amt beendete das Verfahren 2025, als das ehemalige Staatsunternehmen seine Beteiligung an Compador verkaufte. Die Deutsche Post trug in der Angelegenheit keine Blessuren davon.
Der Finanzinvestor beklagt in dem Schreiben ein immer gleiches „Schema“. Die Post verschaffe sich einen „für die Wettbewerber nicht zu kompensierenden Wettbewerbsvorteil“ und zögere die Spanne, bis Behörden oder Gerichte dagegen etwas machen können, so lange wie möglich heraus. Oft stelle sich erst „Jahre später“ eine Rechtswidrigkeit heraus, oder die Post ändere schließlich ihr Verhalten freiwillig. Bis dahin aber werde „der Wettbewerb behindert“. Dabei werde der Zeitversatz „bewusst ausgenutzt“, denn auch vorübergehende wettbewerbswidrige Verhaltensweisen schadeten Konkurrenten und führten im Extremfall sogar zu Marktaustritten.
DVS steckt derzeit in einer kritischen Lage
Postkonkurrent DVS fühle sich hierbei als „einer der großen Geschädigten“, sagte DVS-Geschäftsführer Michael Mews. „Die Post hat ein ganzes Instrumentarium aus mehreren Themen, bei denen sie jeweils auf unterschiedliche Art ihre marktbeherrschende Stellung ausnutzt. Sie spielt darauf wie auf einer Klaviatur.“
DVS steckt derzeit in einer kritischen Lage. Erst vor einigen Wochen meldete der Briefdienst Insolvenz in Eigenverwaltung an. Das Geschäft laufe weiter, man wolle sich sanieren, sagte Mews. „Würden wir verschwinden, wäre der gesamte alternative Briefmarkt gefährdet“, warnte Mews vor einer drohenden Re-Monopolisierung des Briefversands.
Das Thema errege öffentlich wenig Aufmerksamkeit, weil private Post nicht betroffen ist und Briefporti auch kaum im Blick privater Nutzer lägen. „Wer achtet schon darauf, ob er im Jahr vier oder fünf Euro für Briefe ausgibt?“, fragt Mews. Es werde ja kaum noch etwas verschickt. „Aber für die Geschäftspostversender ist das nach wie vor ein großer Markt.“ Eine Rolle spielen Briefdienste auch in der Zeitungszustellung, wenn Zeitungszusteller zusätzlich Geschäftsbriefe mitnehmen, um auf größere, lohnenswertere Mengen zu kommen.
Mews sagt, dass ein Maximalerfolg in der Dialogpostklage einen Schadenersatz von rund einer Milliarde Euro einbringen könnte, auf jeden Fall genug, um DVS zu sanieren. Aber auch ohne das Geld aus dem Verfahren ist der Geschäftsführer überzeugt, dass sein Unternehmen „den Turnaround schaffe“. Für den Fall, dass DVS nicht überlebt, ist vorgesorgt: Die DVS Holding, an der Thomas Schweppe mit 7Square beteiligt ist und welche die Klage führt, ist von der Insolvenz nicht betroffen.
7Square führt für sein Agieren noch andere Gründe an als die wirtschaftliche Lage von DVS: die „laufenden Umstrukturierungen des Geschäftsbereichs Post & Paket Deutschland“ innerhalb der Deutschen Post AG. Der DHL-Konzern will auf seiner Hauptversammlung am 5. Mai die Zustimmung der Aktionäre zur formellen Ausgliederung des traditionellen Geschäfts mit Briefen und Paketen in Deutschland einholen. Die derzeitige Sparte „Post & Paket Deutschland“ würde dann zur eigenständigen Tochtergesellschaft im Konzern. DHL-Chef Tobias Meyer beteuert, dass er dadurch nur die Struktur aufräumen und keineswegs das Traditionsgeschäft zum Verkauf feilbieten wolle. Faktisch ermöglichte die Neuordnung jedoch einen unkomplizierteren Verkauf der neuen Tochtergesellschaft.
Potentielle Interessenten müssten sich nach Aussage von Schweppe von 7Square fragen, ob die Marktstellung der Post „auf rechtswidrig erlangter Verdrängung beruht und welche Konsequenzen und Haftungsrisiken hiermit verbunden sind“. Aus diesem Grund fordert 7Square den Aufsichtsrat der Post dazu auf, eine interne Aufarbeitung der Sachverhalte einzuleiten und zu prüfen, „ob Regressansprüche gegen aktuelle oder ehemalige Vorstandsmitglieder bestehen“ sowie gegen „betroffene Mitglieder des Aufsichtsrates“.





















