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Reflexionen zum letzten Sommertag: Der süße Tod der Larve | ABC-Z

D ezember. Die Kälte draußen entspricht der Kälte der Herzen. Die Deutschen sitzen im Kino und feiern Stromberg – weil er genauso ist wie sie. Mit Ironie kämpft er gegen die Angst, lächerlich zu wirken, weil er sich mehr für Gefühle schämt als für Gehorsam. Früher hieß es Abhärtung, heute Resilienz. Doch mein Körper sehnt sich nach dem, was uns weich macht: dem letzten Sommertag am See in Berlin.

Wir liegen abschüssig zum Ufer, die Sonne scheint uns auf die Wangen. Es riecht nach 317 Jahren Anthropozän. Viele kleine Tiere haben es auf uns abgesehen. Ich lasse einige gewähren, einige streichle ich ab, manche verenden unnötig ob einer spontanen Bewegung des Unterarmes. Wie viele Wesen haben wir bereits umgebracht, nur um zu schwimmen und Joints zu bauen zwischen schönen Unbekannten, die so vertraut wirken, wie Figuren im ZDF um 21.15 Uhr?

Ich schaue hoch und zoome auf die Baumkrone. Krass, das Grün der Birken hat tausend Nuancen, wenn von greller Mittagssonne durchflutet. Kleine Lichtpunkte fallen auf meinen Körper, wie Reflexionen einer Discokugel.

Eine Larve, groß wie eine Mini-Drohne, schleicht in Richtung meines Bauchs und ich denke nur: Was soll die Scheiße.

Ich zoome wieder heraus, sehe es klar vor mir: Alles ist gemacht, auch die Bäume. Sie wurden vor rund 100 Jahren gepflanzt. Die UN gab es da noch nicht. Die meisten Nationen, die sich gerade in New York versammeln, wurden in den letzten 200 Jahren von betrunkenen Männern mit steifen Kragen erfunden. Das Harper’s Magazine, in dem ich blättere, 1850.

Der Arschloch-Marx

„Geringverdiener“, brüllt ein Teenager seinem Kumpel entgegen. Es scheint ein übliches Schimpfwort zu sein. Die Philosophin formt Begriffe, der Pöbel schmiedet Mordwaffen daraus. Gibt es ein gefährlicheres Schwert in den Händen von Menschen als ein allgemeines Prinzip? Es ist die Arschloch-Version des Marx’schen Diktums: Wenn die richtige Idee die Menschen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt.

Ein Flugzeug wabert über den See. Wie die Spiegelung einer Wespe im Glastisch meiner Kindheit. Es ist von der Firma Lufthansa. Ich hoffe, der Pilot ist gut drauf. Ich halte ihm einen Mittelfinger entgegen – ironisch wie in den 90ern. Es könnte sein, dass er dachte, ich hätte einfach gewunken und fühle mich besiegt.

Ist dieses Sein hier gelebte Utopie? Wenn ich darauf vertrauen kann, dass andere auf meine Sachen aufpassen, wenn ich schwimmen gehe, ohne Gegenleistung? Geht Gesellschaft auch ohne Polizei? Frage ich den Freund in Vorfreude auf sein angewidertes Gesicht, das er zieht, sobald ich Hippie-Takes performe.

Dennoch, denke ich, sage es nicht: Hier müssen verborgene Ressourcen am Werk sein, Reste von freiwilliger Gutmütigkeit.

Ich lese eine Statistik. Faktor, um den die US-Polizei wahrscheinlicher linke De­mons­tran­t*in­nen als rechte verprügelt: 2,3.

Es kitzelt

„Ey du Geringverdiener“, brüllt es aus dem Busch. Ich zucke kurz, weil es empirisch auf mich zutrifft. Erwachsen werden heißt, das Leben durch Pflichten einzuschränken, aus Angst vor den Versprechungen der Freiheit. Entfremdet sein und es lieben, oder?

Die Larve ist inzwischen an meinem Hals angelangt und es kitzelt, haha, es kitzelt.

Die Blätter tanzen träge im Wind. Das Ich, das sie anschaut, ist ihnen völlig egal.

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