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Schule mit ADHS: Boris Jelzin steuert betrunken mein Gehirn | ABC-Z

I n der siebten Klasse nahmen wir in Erdkunde die Sowjetunion durch: Zerfall und Gründung der Nachfolgestaaten, von der Plan- zur Marktwirtschaft, wichtigste Bodenschätze, Gebirge, Ströme und der Hafen von Murmansk.

Damals, 1994, gab es wohl kaum ein spannenderes Thema, wir sahen sogar das Video, in dem Boris Jelzin betrunken einen Polizeichor dirigierte. Ich aber langweilte mich zu Tode.

Zu Hause dann verbrachte ich Stunden damit, in hingebungsvoller Sorgfalt die Umrisse Italiens aus meinem Atlas abzupausen. Ich spitzte meine Buntstifte und färbte die Regionen ein: Die Lombardei malte ich türkis aus, die Toskana ockerfarben, Umbrien schraffierte ich olivgrün. Ich zeichnete Flüsse und Hauptstädte ein, markierte Berggipfel und strichelte Fährverbindungen an die Küsten der Nachbarstaaten.

Die GUS-Staaten interessierten mich nicht, meinen Lehrer wiederum interessierte nicht, was ich alles über Italien wusste. Am Ende des Schuljahres bekam ich mit viel Glück eine 5 ins Zeugnis.

Die versprochene Superkraft

Meine Eltern leierten im Einklang mit den Lehrern bei jeder schlechten Leistung ihr Mantra herunter: Du könntest so gute Noten schreiben, wenn Du nur wolltest. Du könntest, wenn Du wolltest – der Satz, den ADHS­le­r:in­nen nach „Reiß dich zusammen“ wahrscheinlich am häufigsten gesagt bekommen. Mit anderen Worten: Streng Dich mehr an.

Vor Kurzem bekannte sich Supermodel Heidi Klum zu ihrer ADHS, ihrer „Superkraft“, wie sie die Störung nennt. Auch US-Eiskunstläuferin Alysa Liu sagte in Interviews, ihre ADHS habe ihr geholfen, ihren Traum von der Goldmedaille zu verwirklichen, denn sie liebe unerwartete Situationen.

Schnell und flexibel auf Unbekanntes reagieren, angefixt sein durch Herausforderungen, Hundert Ideen pro Minute haben und dazu die Energie, sie umzusetzen. Das überbordende Glücksgefühl, das ADHS­le­r:in­nen imstande sind bei kleinsten Erfolgen zu empfinden.

Und das hilft, anders als man angesichts der vermeintlich fehlenden Aufmerksamkeit vermuten könnte, an Dingen dranzubleiben, einen Hyperfokus zu entwickeln, der einen alles um sich herum vergessen lässt. Das alles sind in der Tat Superkräfte. Zumindest potenziell.

Wo der Fokus hinfällt

Das Problem ist nur: Wo der Fokus hinfällt, das ist leider nicht steuerbar. Es befindet sich außerhalb unserer Kontrolle. Und alle meine Versuche, mich oder meine ADHS-Liebsten dauerhaft zu motivieren, anzutreiben oder gar zu manipulieren, schlagen fehl.

In den meisten Fällen sind Leute trotz ihrer ADHS erfolgreich, nicht wegen ihr. Und dafür brauchen sie von klein auf ein entsprechendes Umfeld. Eines, das sie sein lässt wie sie sind, anstatt sie zu steuern.

Kinder mit ADHS bekommen nach Meinung von Psychiatern weitaus häufiger negative Rückmeldungen für ihr Verhalten und ihre Leistungen als neurotypische Kinder. Sie sind entweder zu viel oder nicht genug.

Fast immer haben sie mindestens ein Elternteil, das ebenfalls von ADHS betroffen ist und unbewusst weitergibt, was er oder sie auch schon eingetrichtert bekommen hat: Du könntest, wenn Du nur wolltest. Aber Du musst Dich mehr anstrengen.

Und dann kommt die Scham

Auf Dauer führen diese Rückmeldungen zu Frust über sich und die eigene Unfähigkeit, auch nur zu begreifen, was man ändern müsste. Wir geben uns Mühe, wir gehen die extra Meile, die andere nicht gehen, aber wir kommen einfach nicht da an, wo man uns haben will.

Und dann kommt die Scham. Was ist nur los mit mir? Andere schaffen es doch auch, andere, die Tage brauchen, um sich die Vokabeln zu merken, die wir in fünf Minuten auswendig hersagen können.

Die Zusammenhänge weniger schnell begreifen, die nicht so brillante Ideen haben, die immer nur schreiben, was der Lehrer im Unterricht vorgekaut hat. Die später im Berufsleben mit Binsenweisheiten so weit kommen, wie wir mit all unserer Kreativität nicht.

Die Bodenschätze liegen brach

Viele von uns verfügen über Fähigkeiten wie Russland über Bodenschätze. Aber anstatt sie zu nutzen steuert der betrunkene Jelzin in unserem Kopf unser Vermögen vorbei an den Erwartungen, die andere und mittlerweile auch wir selbst an uns haben, ins Nichts.

Vielleicht sind wir das Scheitern, das Falsch machen, das Enttäuschen zu sehr gewohnt. Ein Versager ist ein Versager, wenn man es ihm nur oft genug sagt.

Aber vielleicht ist es auch eine Trotzreaktion, die uns davor bewahrt, so zu werden, wie uns andere haben wollen. Die Unfähigkeit, sich anzupassen oder eben auch: Die Fähigkeit, man selbst zu bleiben.

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