Schauspieler Thomas Schmauser: Der mit den Preisen tanzt | ABC-Z

“Wir müssen antifaschistisches Theater machen“, sagt Thomas Schmauser bei der Faust-Preis-Verleihung im November in Stuttgart, und verbat sich den Applaus. Denn geklatscht ist schnell, das mit dem Tun aber kann schwer werden, gerade wenn die Politik der Kunst auf die Pelle rückt. Schmauser hat in einer solchen Situation theatral schon probegewohnt.
Der 1972 im oberfränkischen Burgebrach Geborene „spielt“ den Schauspieler Hendrik Höfgen in Jette Steckels Inszenierung nach Klaus Manns Roman „Mephisto“, in dem er dessen Entwicklung vom Vorträumer eines revolutionären Theaters zum Nazikollaborateur der 1930er Jahre durchlebt. Ein gewisser Vorbehalt gegenüber diesem Charakter ist spürbar. Aber Schmauser stellt sich nicht über ihn, sondern schmeißt sich mit Karacho in dessen Eitelkeiten und Panikanfälle.
In einer Szene liegt er mit einem Ganzkörperkrampf in einer Ecke der Bühne und macht sich vor dem Naziintendanten, von dem Höfgen engagiert werden will, nicht nur mit Worten nackt und klein. „Im Leben bin ich unscheinbar, aber auf der Bühne kann ich recht drollig wirken“, sagt er leise mit einer merkbaren Verwundbarkeit hinter seiner Mitläufermaske und einer Riesenangst vor der eigenen Feigheit. Das tut auch beim Zuschauen brutal weh.
Er spielt die linkischen Typen
Der 53-jährige Schmauser ist kein besonders auffälliger Typ. Mitteldünnes Haar, mittelgroß, eher untrainiert und darin uneitel, stellt er auf der Bühne vor allem häufig linkische Typen dar, Narren, Wachträumer oder Borderliner. Doch manchmal sprengt sein Spiel Grenzen, und zwar so richtig.
Für seine Darstellung der Figur des Höfgen-Mephisto hat Schmauser 2025 ein seltenes Auszeichnungstriple erhalten. Er wurde zum „Schauspieler des Jahres“ in der Kritiker*innenumfrage der Zeitschrift Theater heute gekürt, zusammen mit Andreas Döhler und Moritz Kienemann. Zur „Schauspielerin des Jahres“ wurde Julia Riedler gekürt.
Der Deutsche Theaterpreis „Der Faust“ ging exklusiv an ihn. Und seine Kolleg*innen Ulrich Matthes, Juliane Köhler und Caroline Peters haben sich fast dafür entschuldigt, als sie dem „Nervenspieler“ auch noch den Gertrud-Eysoldt-Ring zusprachen. Aber es ging wohl nicht anders. Und nun im Mai ist der Münchner „Mephisto“-Abend über die Bedrohung von Kunst und Menschlichkeit durch eine völkische Ideologie auch zum Berliner Theatertreffen 2026* eingeladen.
Wir treffen uns in der „Konver“-Garderobe der Münchner Kammerspiele, deren Ensemble Schmauser seit 2007 angehört – unterbrochen nur von zwei „Fluchten“ ans benachbarte Münchner Residenztheater (wegen des Weggangs von Johan Simons) und an die Berliner Volksbühne (wegen René Pollesch).
Aus der fränkischen Provinz nach München
Die „Konver“ war früher mal der Raum für das ganze Ensemble. Da passt es, dass Schmauser hier seine Liebe für dieses Haus gesteht. Als der gelernte Bankkaufmann 1992 aus der fränkischen Provinz nach München kam, traf ihn die Begegnung damit wie ein Blitz. „Und die Freude darüber, dass ich in so einem Gebäude aufgenommen bin, hat mich nie verlassen. Das ist jetzt sogar noch schlimmer.“
Denn „jetzt“ ist in seiner „Gartenlaube“, wie er die „Kammer“ nennt, vieles von dem aufgegangen, was deren Intendantin Barbara Mundel seit 2020 gesät habe. Zwei Einladungen zum Theatertreffen nach Berlin sind nur der sichtbarste Beweis. „Wir haben in diesem Jahr als Kollektiv wirklich etwas erreicht“, sagt Schmauser und verschenkt Liebesbekenntnisse an die zahlreichen Individualist*innen im Team, die beweisen, „dass man unseren Beruf nicht kategorisieren kann“.
Und viel Liebe ist auch im Spiel, wenn Schmauser in seinen Kopf einlädt, der eine Direktschalte zum Körper hat. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls sind plötzlich viele mit uns im Raum: Schmausers Eltern und ihr Stolz, als der Sohn 2018 im Fernsehen den Münchner Modezaren Rudolph Moshammer spielte. „Sie dachten, ich spiel’ den König Ludwig“. Aber auch die Einsamkeit seiner Mutter nach dem Tod seines Vaters und seine Verzweiflung über beides.
Auch jenseits der Bühne ein Ereignis
Schmauser reenacted eigene peinliche Ausraster und Markantes von unzähligen Weggefährten. Von Sepp Bierbichler, der in schleppendem Bayerisch sagt: „Ich kann diesen Fall nicht übernehmen“, bis Carl Hegemann, der ihm den Satz „Der Schauspieler ist eine Maske hinter einer Maske“ nahelegte. „Die Begegnung mit Körpern, in denen solche Geister stecken, die sind mein Elixier“, sagt Schmauser. Und seine Begeisterung darüber erreicht so schnell seine Augen wie 1995, als der erst 23-Jährige in Hans-Christian Schmids Kinodebüt „Nach fünf im Urwald“ den jungen – und natürlich verliebten – Simon spielte. Schmauser on fire: Auch jenseits der Bühne ein Ereignis!
Eine ganz andere Version von ihm gab es 2012 im Finale von Johan Simons’ Sarah-Kane-Trilogie. Da saß Thomas Schmauser fast reglos auf einem Stuhl und widmete sich dicht am Klang der Livemusik Kanes finster-schöner Todessehnsuchtspoesie. Wie frei er sich damals fühlte! Wegen Simons, der ihm vorher zuraunte – Schmauser imitiert Simons holländischen Akzent: „Hey Thomas, wir sind wie eine kleine Jazztrio. Wir schauen einfach, wie die Leute reagieren, oder?“ Und wegen Sandra Hüller. „Wenn du Partner wie Sandra hast, bist du nicht mit Schauspiel beschäftigt, sondern damit, die Wirklichkeit eines Textes freizulegen.“
Derzeit findet er Freiheit vor allem im Team um Felicitas Brucker, die eine ähnliche Theaterauffassung habe wie er. Technische Virtuosität sei ihm suspekt. Schon als Student an der Otto-Falkenberg-Schule suchte er „nach einem Guerillaplan, um mich in diesen Beruf reinzubohren“.
Das geht nur über den Körper bei mir
Thomas Schmauser über sein Spiel
Animalisch in den Moment reinspringen
Da engagierte ihn Franz Xaver Kroetz für sein „Bauerntheater“. „Ich habe ‚Olé Olé, wir sind die Champions‘ gebrüllt – auf Fränkisch natürlich – und gemerkt, dass das geht: Fast animalisch in einen Moment reinspringen wie in eine Manege mit sieben Tigern um dich herum… Das kann ich mir nicht ausdenken. Das geht nur über den Körper bei mir.“
Bis heute rüstet er sich für derartige Manegen fast ausschließlich mit Erfahrungen, die ihn berühren. Schmauser nennt sie „Zipfel von Wirklichkeit“, die er sammelt wie Preziosen. Oft seien es körperliche Details wie bei Gustaf Gründgens, der für Manns Höfgen-Figur Pate stand. Ihn hat Schmauser in einem Video studiert. „Wie ein Wesen, das in der Wirklichkeit gar nicht existieren kann. Da dachte ich, dieses Geheimnis nehm’ ich mal mit.“
Und auch auf der Bühne geht das Sammeln weiter. Wenn der in Lomé geborene Bless Amada in „Mephisto“ tanzt und Edmund Telgenkämper in Naziuniform sagt: „Ein Schwarzer fuchtelt auf der Bühne eines deutschen Staatstheaters herum“, schafft das für Schmauser eine Realität. „In dem Moment passiert das“, und er muss darauf reagieren.
Am 6. März hat Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ an den Münchner Kammerspielen Premiere. Regie führt wieder Jette Steckel, Schmauser spielt den Meister. Und ein paar „Wirklichkeitszipfel“ hat er schon zu packen bekommen. „Bulgakow ist der Meister. Er wurde in Russland zu Lebzeiten zensiert und unmöglich gemacht. Und als glühender Verfechter der Freiheit ist der Satz ‚Wir sind hier auf einer Bühne, auf der alles erlaubt sein sollte‘ erst mal ein Ansatz für mich.“ Der Rest zeigt sich in der Manege.
Anm. d. Red.: Die Autorin gehört der Jury für das Theatertreffen 2026 in Berlin an.





















