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Schaurig-schönes Spektakel auf Tour: Bayerische Rauhnacht – Ebersberg | ABC-Z

Es ist ein ikonischer Mond, der über dieser verwunschenen Waldszenerie schwebt. Denn wer genauer hinsieht, erkennt: Es handelt sich dabei um eine große Trommel, deren Fell mal weiß, mal blau, mal rot erglüht. Je nachdem, welche Stimmung da unten auf der Bühne gerade herrscht. Ein Trommelmond also. Musik und Magie – darum geht es bei der „Bayerischen Rauhnacht“.

Dieses preisgekrönte „Mystical“ ist inspiriert vom Brauchtum der Perchten, das in Kirchseeon, 30 Kilometer östlich von München, seit 70 Jahren intensiv gepflegt und gelebt wird. Auch die beiden Gründer der Band Schariwari, Hans Reupold junior und Günther Lohmeier, sind mit all den Masken, Tänzen und Riten der gruseligen Glücksbringer aufgewachsen – und haben sich davon inspirieren lassen zu ergreifenden Songs, zum „Geisterreigen“ etwa, zur „Wuiden Jagd“ oder zum „Zaubertroll“. Und weil sie diese Lieder irgendwann nicht mehr nur spielen wollten, sondern gerne auch optisch in Szene setzen, entwickelten sie Mitte der Neunzigerjahre eben jenes Mystical, das bald zum kulturellen Exportschlager avancierte und nun wieder durch die Region tourt.

Auch Hexen können sich sehr gut bewegen, das beweist Tänzerin Camilla Mos, hier versteckt hinter einer schiachen Holzmaske. (Foto: Christian Endt)

Die „Bayerische Rauhnacht“ ist eine Symbiose aus poetisch-rockiger Musik, Theater, Tanz und uralten, wundersamen Geschichten, die dem Volksglauben des Alpenlands entspringen. In dem Stück trifft ein kleiner, schnoddriger Zaubertroll aus dem hohen Norden erst auf ein paar wilde Perchten und dann auf ein knorriges, bayerisches Holzmandl, das dem zuagroasten, verschreckten Wesen erklärt, was es mit all den Bräuchen so auf sich hat.

Gerade um die winterlichen Rauhnächte ranken sich ja zahllose Mythen und Legenden. Das Publikum wird entführt in archaische Zeiten, in denen die Menschen sich in kalten, finsteren und einsamen Nächten sorgten um Leib und Seele. In denen sie überzeugt sind, dass es weit mehr gibt als die sichtbare Welt. Die Zeit nach der Wintersonnenwende gilt ihnen als Übergang zwischen Vergehen und Werden, als ein Chaos, in dem finstere und lichte Wesen im Widerstreit liegen.

Der Norden trifft auf den Süden: Ferdinand Dörfler als bayerisches Holzmandl und Marisa Sedlmeier als Zaubertroll führen das Publikum durch den schaurig-schönen Abend.
Der Norden trifft auf den Süden: Ferdinand Dörfler als bayerisches Holzmandl und Marisa Sedlmeier als Zaubertroll führen das Publikum durch den schaurig-schönen Abend. (Foto: Christian Endt)

Die Menschen versuchen also, in Ermangelung einer christlichen Erlösungsreligion, sich durch allerhand heidnische Rituale zu schützen – und zwar auf recht universelle Weise: Die unheimlichen Geister des Winters werden in vielen Ländern der nördlichen Halbkugel ähnlich beschworen, beschwichtigt und vertrieben, wie es in Bayern der Fall ist. Geschichten über Hexen, Trolle, Elfen, Wichtel und Schrate gibt es in vielen Gegenden. Insofern ist die „Bayerische Rauhnacht“ auch ein Stück Völkerverständigung.

Da wird erzählt von der Wilden Jagd, einer dämonischen Heerschar, angeführt von Göttervater Wotan, die der Sage nach donnernd durch die Lüfte braust. Oder von der Drud, einem vielgestaltigen Hexenwesen, das sich mit Vorliebe schwer auf die Brust von Schlafenden setzt, die schreckliche Folge ist anderswo bekannt als Alpdrücken. Eine der mystischen Gestalten der „Bayerischen Rauhnacht“ ist die Schiache Luz, die dunkle Zwillingsschwester der Heiligen Lucia und ein furchterregender Kinderschreck. Sogar Gevatter Tod hat einen kurzen, schauerlichen Auftritt.

Die Schiache Luz (ebenfalls Camilla Mos) ist zum Fürchten, auch wenn sie sich sehr anmutig bewegt.
Die Schiache Luz (ebenfalls Camilla Mos) ist zum Fürchten, auch wenn sie sich sehr anmutig bewegt. (Foto: Christian Endt)

Als Zuschauer kann man dabei so einiges lernen. Was bedeutet es, wenn die Perchten einem Mädel mit Reisig auf den Bauch klopfen? Welcher Tag eignet sich besonders, um einen Blick in die Zukunft zu werfen? Wovor haben Trolle am meisten Angst? Was passiert mit den armen Seelen ungetauft gestorbener Kinder? Und wieso haben Weibsbilder sprichwörtlich „den Deifi im Leib“?

Dass es um uralte Mythen geht, bedeutet indes nicht, dass die „Bayerische Rauhnacht“ angestaubt wäre. Das Gegenteil ist der Fall: Die Dialoge zwischen dem „genderneutralen“ Zaubertroll und dem „alten, weißen“ Holzmandl sprühen nur so vor Witz. Außerdem setzt das Stück all die Sagen und Legenden zeitgemäß in Szene, so kunst- wie stimmungsvoll. Mit vorweihnachtlichem Kommerzkitsch nämlich hat dieser Abend nichts am Hut:  Irgendwo zwischen Tradition und Moderne ist er zeitlos schön.

Auch der Schellenbaum und die Masken der Kirchseeoner Perchten kommen bei der „Bayerischen Rauhnacht“ zum Einsatz.
Auch der Schellenbaum und die Masken der Kirchseeoner Perchten kommen bei der „Bayerischen Rauhnacht“ zum Einsatz. (Foto: Christian Endt)

Herzstück der „Bayerischen Rauhnacht“ sind die Folk-Rock-Band Schariwari sowie Autor Mathias von Stegmann, und um sie herum hat sich eine Schar hochkarätiger Kreativer zusammengefunden. Kostüme, Bühnenbild, Licht, Choreografie und Ton – all das haben sie exzellent ausgestaltet und abgestimmt. Bemerkenswert ist vor allem die Bandbreite der dramaturgischen Dynamik: Sie reicht von ganz reduzierten, poetischen Momenten bis hin zu höchst opulenten, wilden Szenen. Wenn der Sound anschwillt, das Licht flackert und Frau Luz die Bühne dominiert – dann ist die Rauhnacht da.

Letztlich sind diese Geschichten und Lieder tief mit den existenziellen Fragen und Gefühlslagen des Lebens verbunden. Es geht um Tod, Schuld und Sühne, um Erlösung und Erneuerung. Für die Macher der „Rauhnacht“ ist die Fantasie der Schlüssel zur Magie, die die Macht des Bösen brechen kann. Eine Schatzkammer, die es zu öffnen gelte – auch heute noch. Die „Bayerische Rauhnacht“ soll die Menschen dazu ermutigen und die dunkle Jahreszeit mit Freude erhellen. Nicht umsonst trägt der Zaubertroll einen kristallenen Flacon bei sich, in dem unaufhörlich das „Licht des Lebens“ glimmt. Hoffnung ohne Ende.

Die „Bayerische Rauhnacht“ tourt durch die Region, es gibt unter anderem Auftritte in Erding, Garching, Germering, Taufkirchen und München. Alle Informationen sind zu finden auf www.schariwari.de.

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